Grundlagen für einen besseren Schutz vor Extremhochwasser an der Aare veröffentlicht

Grundlagen für einen besseren Schutz vor Extremhochwasser an der Aare veröffentlicht
Die hochwasserführende Aare im August 2005 am Zusammenfluss mit Reuss und Limmat im Wasserschloss bei Brugg (AG). (Copyright: Schweizer Luftwaffe)

Bern – Die Studie «Extremhochwasser an der Aare» liefert die Basis für die Beurteilung der Gefährdung durch Hochwasser auch bei sehr seltenen Ereignissen. Für fünf Standorte, darunter die Kernkraftwerke Mühleberg, Gösgen und Beznau, wurden detaillierte Hochwasser-Gefährdungsanalysen durchgeführt. Damit verfügen Behörden und Betreiber von Anlagen über fundierte Grundlagen, um kritische Infrastrukturen besser vor Extremhochwasser zu schützen.

Im März 2011 verursachte ein Tsunami die Nuklearkatastrophe von Fukushima. Daraufhin beschlossen mehrere Bundesstellen, einheitliche Grundlagen für die Beurteilung der Gefährdung durch Extremhochwasser im Einzugsgebiet der Aare zu erarbeiten. Beteiligt waren die Bundesämter für Umwelt BAFU, für Energie BFE, für Meteorologie und Klimatologie MeteoSchweiz, für Bevölkerungsschutz BABS sowie das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat ENSI. Am 22. Februar 2021 wurden die Ergebnisse an einem Hintergrundgespräch den Medien vorgestellt. Dank der Studie «Extremhochwasser an der Aare», welche von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) koordiniert wurde, liegen nun für das Einzugsgebiet Daten über Gefährdungen bis 100 000-jährliche Hochwasserereignisse vor.

Niederschlags- und Abflusszeitreihen über fast 300’000 Jahre
Für 50 Standorte konnten Niederschlags- und Abflusszeitreihen in stündlicher Auflösung für einen Zeitraum von fast 300’000 Jahren simuliert werden. Dabei zeigte sich, dass bei äusserst seltenen Niederschlagsereignissen (Wiederkehrperiode von 100’000 Jahren) vor der Aaremündung in den Rhein Spitzenabflüsse von mehr als 7000 m3/s möglich sind. Das entspricht dem zwölffachen des mittleren Abflusses.

Im Rahmen der Studie wurden unterschiedliche Faktoren berücksichtigt, welche die Abflüsse der Aare beeinflussen können: Rutschungen, Verstopfungen bei Brücken durch Schwemmholz (Verklausungen), Ufererosionen, Brechen von Dämmen oder menschliches Versagen bei der Bedienung der Wehranlagen. Dazu wurden Expertenbeurteilungen, Berechnungen und Simulationen von natürlichen Prozessen und technischen Bauwerksversagen beigezogen. Sie sind jedoch mit Unsicherheiten behaftet, deren Brandbreite soweit möglich beziffert wurde.

Für die Kernkraftwerke Mühleberg, Gösgen und Beznau, für das Gelände des Paul Scherrer Instituts (PSI) mit dem Zwischenlager für radioaktive Abfälle (ZWILAG) sowie für die Stadt Olten als wichtigen Verkehrsknotenpunkt wurde im Rahmen der Studie je eine lokale Gefährdungsbeurteilung durchgeführt (siehe Kasten).

Neue Erkenntnisse in die Risikobeurteilung für Anlagen und Infrastrukturen einbeziehen
Das Einzugsgebiet der Aare bedeckt rund 43 Prozent der gesamten Landesfläche und umfasst einige der am dichtesten besiedelten Regionen der Schweiz. Zusätzlich zu den fünf untersuchten Standorten befinden sich entlang des Flusses und seiner Zuflüsse 19 Stauanlagen sowie nationale Verkehrsinfrastrukturen. Die neuen Erkenntnisse über die Extremhochwassergefährdung, liefern eine wichtige Grundlage für deren Risikobeurteilung.

Das BAFU hat die Ergebnisse der Studie den Kantonen und den Betreibern der nationalen Infrastrukturen vorgestellt. Die zuständigen Behörden werden die neuen Erkenntnisse in die Risikobeurteilung und in die Umsetzung von Hochwasserschutzmassnahmen miteinbeziehen. Die für die Sicherheitsanalysen der Kernkraftwerke relevanten Wasserspiegellagen liegen laut ENSI in einem ähnlichen Bereich wie in den bisherigen Analysen. Das ENSI wird die Betreiber der Kernanlagen dennoch auffordern, ihre Sicherheitsanalysen, wie im Regelwerk vorgesehen, auf Basis der vorliegenden Studie zu überarbeiten. Das BFE seinerseits wird die Betreiber der Stauanlagen unter Bundesaufsicht auffordern, die bestehenden Nachweise der Hochwassersicherheit im Lichte der neuen Erkenntnisse zu überprüfen.

Unter der Federführung von BAFU und BFE wird die Methodik, die für das Einzugsgebiet der Aare entwickelt wurde, nun auf die Einzugsgebiete weiterer grosser Fliessgewässer angewendet. Die Ergebnisse werden anschliessend den zuständigen Behörden und den Anlagenbetreibern zur Verfügung gestellt mit dem Ziel, den Hochwasserschutz von kritischen Infrastrukturen bei Extremereignissen zu überprüfen und gegebenenfalls zu verbessern. (BAFU/mc/ps)

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