Mario Facchinetti, Initiator SwissPropTech, im Interview

Mario Facchinetti
Mario Facchinetti, Initiator SwissPropTech. (Foto: zvg)

von Patrick Gunti

Moneycab.com: Herr Facchinetti, was genau ist unter PropTech – oder Property Technology – zu verstehen?

Mario Facchinetti: Die Auffassungen darüber, was PropTech ist, sind sehr unterschiedlich. Es gibt mehrere Definitionen und Argumentationen, die die Runde machen. Wir von SwissPropTech verstehen unter PropTech Jungunternehmen, die technologie-basierte Leistungen und Geschäftsmodelle für die Immobilienwirtschaft anbieten, die zudem einen radikalen Innovationsgrad aufweisen.

Welche Ziele verfolgt die SwissPropTech-Initiative, wie können die Mitglieder profitieren?

Mit der Initiative wollen wir Brücken zwischen der etablierten Immobilienwirtschaft und den aufstrebenden Jungunternehmen schlagen. Dies um vorerst das Verständnis und die Akzeptanz von Innnovationen in der Branche zu fördern. Bei SwissPropTech unterscheiden wir zwischen vier Memberkategorien – Startup, Proptech, etablierte Unternehmen und Privatpersonen, die jeweils unterschiedliche Bedürfnisse aufweisen. Bei den Jungunternehmen steht der Zugang zu Mentoren und potenziellen Kunden im Vordergrund zudem schätzen Sie die Plattform, um Erfahrungen auszutauschen und einen Überblick über Schweizer Immobilien Wirtschaft zu erhalten. Etablierte Firmen hingegen möchten sich im innovativen Umfeld als attraktiven Marktplayer positionieren, um dadurch neue Kunden und Mitarbeiter akquirieren zu können. Den Zugang zu potenziellen Investments suchen sich nur wenige Firmenkunden, die meisten versuchen sich als privater Investor an PropTechs zu beteiligen.

Bei PropTech-Unternehmen handelt es sich meist um Startups. Wie präsentiert sich die Szene in der Schweiz?

In der Schweiz gehen wir von einem aktuellen PropTech-Potenzial von ca. 50 Firmen aus, Tendenz steigend. Je nach Definition kann diese Zahl variieren. Mit SwissPropTech ist es uns in einem Jahr gelungen, eine schweizweite Szene aufzubauen. Dabei sind die Deutsch- und Westschweiz die aktivsten Regionen. Im Tessin nehmen wir eher wenig Aktivitäten wahr. Im Vergleich zum Ausland sind wir eine kleine Szene, die in qualitativer Hinsicht jedoch sehr viel zu bieten hat und im internationalen Vergleich sehr gut abschneidet. So kommt die Schweizer PropTech Szene bei internationalen Firmen und Investoren immer mehr auf den Radar.

„Mit der Initiative wollen wir Brücken zwischen der etablierten Immobilienwirtschaft und den aufstrebenden Jungunternehmen schlagen.“
Mario Facchinetti, Initiator SwissPropTech

Derzeit dominieren Unternehmen aus dem angelsächischen Raum die Szene. Wo steht die Schweiz im Vergleich?

Die angelsächsischen Startups sind nach wie vor besser finanziert und verfügen über einen noch grösseren „going big drive“ als unsere Schweizer Startups. In Sachen Qualität können wir jedoch durchaus mithalten, wenn nicht sogar die Nase vorne haben. Bezüglich der Finanzierung ist die Schweiz am Aufholen. Durch digitalswitzerland und weitere Initiativen wird der Zugang zu Risikokapital auch in der Schweiz einfacher, weshalb ich zuversichtlich bin, dass wir bald auch diesbezüglich wettbwerbsfähiger werden. Wir schätzen es sehr, dass wir es in der Schweiz geschafft haben, eine regionenübergreifende PropTech-Szene aufzubauen, die es erlaubt, Synergieeffekte zu nutzen und besonders im internationalen Wettbewerb in Spiel zu bringen.

Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen für etablierte Immobilienfirmen, wenn es um Digitalisierung geht?

Die grössten Herausforderungen nehme ich hinsichtlich der Transformation der etablierten Unternehmen wahr. Diese sollte mit dem Verständnis der Veränderungen beim Top-Management beginnen und die Unternehmenstrukturen, -prozesse, -kultur, -strategie, etc. in das digitale Zeitalter überführen. Leider wird dem nach wie vor zu wenig Beachtung geschenkt, was ich auf Wissens- und Verständnisdefizite zurückführe. Ich nehme jedoch bei den grösseren Unternehmen wahr, dass diese ihr Knowhow durch externe Personen ergänzen, in dem Sie diese als CIO CDO’s (Chief Innovation Officers, Chief Digital Officers) einstellen und die Verantwortung der Digitalisierung übertragen. Der Knowhow-Transfer in bestehende Unternehmen erachte ich daher als grösste Herausforderung.

Und wie gehen sie diese an? Bauen sie das Knowhow selber auf oder stehen für sie eher Beteiligungen und Übernahmen im Vordergrund?

Wie gesagt müssen etablierte Unternehmen zuerst Knowhow im Bereich Innovationsmanagment aufbauen, bevor man Entscheide über den richtigen Umgang mit Startups fällen kann. Ist das Knowhow erst einmal vorhanden, können beide Optionen interessante Vorgehensweisen im Umgang mit Startups sein. Um fundierte Entscheidungen zu fällen reicht es meines Erachtens nicht aus, sich nur Unternehmensintern mit dem Thema zu beschäftigen, der Fokus muss vielmehr darauf ausgerichtet werden, wie externe Impulse einen Weg in die Unternehmung finden. Wer es schafft diesen Weg zu strukturieren ohne, dass Informationen verloren gehen wird zukünftig einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil haben.

International erfolgte die Lancierung von SwissPropTech im März anlässlich des Immobilien-Events MIPIM in Cannes. Wie wichtig ist es, von Beginn weg international präsent sein?

Für digitale Geschäftmodelle gibt es grundsätzlich keine Landesgrenzen. Daher ist für uns die internationale Vernetzung von Beginn weg ein wichtiger Faktor. Interessanterweise vernetzt sich die ganze Szene, sogar über Europa hinaus. Somit stehen wir in Kontakt mit vergleichbaren PropTech-Orgnaisationen aus aller Welt. Der Fokus liegt für uns dennoch klar auf der DACH-Region. Wir wollen die Präsenz hier im Jahr 2018 ausbauen, um unseren Mitgliedern den Zugang zu den besten Bühnen des deutschsprechenden Europas zu bieten.

„Gemäss unserer ersten Schweizer PropTech-Studie sind in den Bereichen Assetmanagement, Immobilienportalen, CRM Software und IoT die meisten Bewegungen wahrzunehmen.“

In welchen Bereichen des Immobilienmarkts sind Proptechs besonders aktiv oder sehen sie das grösste Optimierungspotenzial?

Gemäss unserer ersten Schweizer PropTech-Studie sind in den Bereichen Assetmanagement, Immobilienportalen, CRM Software und IoT die meisten Bewegungen wahrzunehmen. Die aufgezählten Bereiche wirken auf den gesamten Immobilienlebenszyklus ein. Besonders viel Veränderungspotenzial weisen dabei die Finanzierung, Vermarktung und Bewirtschaftung von Immobilien auf. Diesen Trend bestätigt sich auch durch verschiedenste PropTech- Maps, die in diesen Phasen einer Immobilie speziell viele Startups zählen.

Was ist aus Ihrer Sicht unabdingbar, um im PropTech-Markt als Startup erfolgreich sein zu können?

Sie müssen schnell sein! Digitale Geschäftsmodelle können nicht geschützt werden, daher ist eine schnelle Expansion in den richtigen Märkten erfolgsentscheidend. Startups müssen daher besonders im Vertrieb und Marketing auf die richtigen Strategien und Kanäle setzten damit ihnen dies gelingt.

Welches sind die grössten Herausforderungen für PropTechs?

Ausreichend Mittel für die Finanzierung und Entwicklung der Geschäftstätigkeit zu finden, ist sicher eine Herausforderung. Eine noch höhere Priorität haben gemäss einer von Credit Suisse in Zusammenarbeit mit SwissPropTech durchgeführten Umfrage allerdings die Ausweitung der Kundenbasis und die Suche nach geeigneten Fachkräften. Dies vor allem auch in Anbetracht des Wachstumswillens der Proptechs, die gemäss eigenen Angaben in den nächsten zwölf Monaten ihre Belegschaft im Durchschnitt verdoppeln wollen.

Wie wird sich der Markt aus Ihrer Sicht in den kommenden Jahren weiterentwickeln?

PropTechs werden zunehmend in den Fokus der etablierten Firmen treten. Auch wenn nicht alle am Ende mit Jungunternehmen zusammenarbeiten werden, sehe ich grosses Kollaborationspotenzial in diesem Bereich, welches nicht nur Mehrwerte für beteiligte Firmen, sondern auch die Mieter, Käufer und Verkäufer bringt. Betreffend den Jungunternehmen wird es in den nächsten Jahren eine Bereinigung geben. Einige der Jungunternehmen werden den nächsten grossen Schritt nicht schaffen, fusionieren oder von etablierten Firmen gekauft werden. Ich nehme an, dass PropTech’s in bereits wenigen Jahren zum festen Bestandteil der Immobilienwirtschaft geworden sind.

Herr Facchinetti, besten Dank für das Interview.

Zur Person:
Mario Facchinetti (28) ist gelernter Elektromonteur mit einem BSc Abschluss in Facility Management und MSc in Business Administration. Als Initiator & Repräsentant des Innovationsnetzwerkes SwissPropTech schlägt er Brücken zwischen jungen und etablierte Unternehmen aus der internationalen Immobilienwirtschaft. In seiner Funktion doziert er im Studiengang „Digital Real Estate“ an der Hochschule für Wirtschaft Zürich und ist ein geschätzter Diskussionspartner in verschiedenen Digitalisierungsprojekten. Aufgrund seines Engagements wurde er vom Fachmagazin Immobilien Business, in die Liste der 100 Köpfe der Schweizer Immobilienwirtschaft aufgenommen.

Über SwissPropTech
SwissPropTech ist ein effizientes Innovationsnetzwerk, welches Mehrwert für alle Marktteilnehmer der Immobilienwirtschaft schafft. Durch das Zusammenbringen von Property Technology Startups mit Business Angels und etablierten Unternehmen wird die Innovationskraft der Schweizer Immobilienwirtschaft nachhaltig gestärkt. SwissPropTech fördert neben dem nationalen Netzwerk das innovative Image der Schweizer im Ausland und vertritt diese in der globalen PropTech Szene.

SwissPropTech schlägt Brücken zwischen der etablierten Immobilienwirtschaft und innovativen Startups aus der Schweiz und dem Ausland. Als unabhängiges Innovationsnetzwerk treibt es Innovationen im reifen Sektor voran und dient als Informationsstelle für verschiedenste Interessengruppen und Medien.

SwissPropTech bietet Membership-Programme für early stage Startups, bereits marktaktive PropTech-Unternehmen, etablierte Firmen sowie Privatpersonen, die von regelmässigen Aktivitäten und Partner-Angeboten profitieren. Zudem sorgen wir mit inspirierenden Impulsreferaten auf Geschäftsleitungs- und Verwaltungsratsebene für die nötige Motivation, um Innovationen im PropTech Bereich anzugehen, zu verstehen und umzusetzen.

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