Nachgefragt & Aufgeklärt: Digitale Transformation und Demokratisierung

Nachgefragt & Aufgeklärt: Digitale Transformation und Demokratisierung

Oliver Fiechter und Helmuth Fuchs werfen einmal pro Woche Fragen auf und suchen Antworten zu Themen der digitalen Transformation und Ökonomie 3.0.

Helmuth Fuchs: Was für eine Woche: Tote, weltweite Aufstände und Proteste, geifernde islamische Fanatiker und amoklaufende Religions-Anhänger: Alles wegen eines gezielt provozierenden anti-islamischen Videos eines amerikanischen Kopten. Ist das die neue Macht der Sozialen Medien? Ein hassgetriebener Idiot befeuert die Wut von tausend anderen, die dann auf der Strasse für Tote sorgen?

Oliver Fiechter: Für mich ist der Fall ist ein typisches Beispiel vernetzter Kriegsführung im Informationszeitalter. Vergegenwärtigen wir uns die Situation: Am 4. September lädt ein einzelner User Ausschnitte des Films „Innocence of Muslims“ in einer arabischen Synchronisation auf YouTube hoch. Das Video findet rasch seine Verbreitung in Ägypten und Libyen. Daraufhin werden am 8. September in einer Talkshow des salafistischen Satellitenkanals Al-Nas einige Ausschnitte des Videos gesendet. Von dieser Talkshow wird tags darauf ein Clip erneut auf YouTube hochgeladen, der in kürzester Zeit mehr als 400.000 Aufrufe hatte. Die Folge waren Entrüstung, Proteste, Ausschreitungen und Attentate zwischen Nordafrika und dem Nahen Osten, aber auch in westlichen Ländern. Facebook, Twitter, YouTube und Co. geben dem Einzelnen eine Stimme und verstärken die Möglichkeiten der Einflussnahme massiv. Das Individuum erhält mehr Freiheiten, aber auch mehr Verantwortung. Die Sozialen Netze sind Instrumente zur Umsetzung der absoluten Demokratie. Sie können Systeme von innen heraus stärken, aber sie können sie auch destabilisieren. Niemand kann sich ihrem globalen Einfluss entziehen.

Gibt es Hoffnung, dass sich über die Sozialen Medien auch positive Kräfte formieren, oder benutzen wir einmal mehr die mächtigsten Werkzeuge für die zerstörerischsten oder irrelevantesten Taten?

Das Internet und die Sozialen Netze stellen unser Gesellschaftssystem auf den Kopf. Sie kehrt Machtlogik und Marktlogik um. Während die zentralen Steuerungsmechanismen an Bedeutung verlieren, demokratisieren sich Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Es ist das Internet, das uns eine Stimme verleiht, uns anspornt zu kooperieren und soziale, politische und ökonomische Missstände so einfach wie nie zuvor ans Licht der Öffentlichkeit bringt. Ohne das Internet wäre nicht nur Wikileaks undenkbar. Auch der Umsturz in der arabischen Welt hätte ohne das Internet wohl nicht stattgefunden. Grössere politische Umwälzungen gehen häufig mit grösseren technologischen Umwälzungen einher. Der Buchdruck brachte ab etwa 1500 eine neue Öffentlichkeit hervor. Die Folgen der digitalen Revolution beginnen gegenwärtig ihre Spuren zu zeigen: Klassische Medien verlieren an Relevanz, und demokratische Partizipation erweitert sich. Die aktuellen Revolutionen von unten sind Ereignisse, die in Zusammenhang mit der zweiten Aufklärung gebracht werden können.

«Die Sozialen Netze sind Instrumente zur Umsetzung der absoluten Demokratie. Sie können Systeme von innen heraus stärken, aber sie können sie auch destabilisieren.»

Und wie werden sich aufgeklärte Bürger wirtschaftlich digital organisieren? Gerade die aktuellen Entwicklungen in Europa offenbaren ein latentes Demokratiedefizit mit einer Macht- und Entscheidungskonzentration auf einige wenige Staatsoberhäupter und Wirtschaftsgremien.

Je grösser die Machtapparate sind, desto langwieriger wird deren Transformation. Aktuell leben wir zwischen den Zeiten, in einer Art Dämmerungszone, in welcher der Kampf um die Zukunft tobt. Wir erleben die Auseinandersetzung zwischen den Kräften der Zentralisierung und denjenigen der Dezentralisierung. Ich bin mir jedoch sicher, dass die neuen technologischen Möglichkeiten, die unter anderem das Internet bietet, zu einer gewaltigen Stärkung des Dezentralen und damit zum Zerfall von Machtstrukturen führen werden. Wirtschaftlich gesehen glaube ich, dass Hierarchien durch Netzwerke ersetzt werden. Die digitale Transformation wird die Führungskräfte abschaffen. Führungskräfte kosten und behindern den Informationsfluss. Die Bedürfnis- und Wertschöpfungsgemeinschaft vertraut stattdessen auf reflektierte Wirtschaftsteilnehmer, direkte Kommunikation unter den Peers und die eigene Schwarmintelligenz. Diese Vernetzung hilft den Menschen, sich und ihre Bedürfnisse im Austausch mit anderen besser zu reflektieren. Es hilft aber auch, die Bedürfnisse der Menschen mit den Wertschöpfungsangeboten der Unternehmen besser in Einklang zu bringen. Der reine transaktionsorientierte Massenkonsum wird abnehmen. Wir werden als Kunden noch stärker in der Lage sein, Produkte zu individualisieren und 1:1 auf unsere Identität abzustimmen.

«Wir erleben die Auseinandersetzung zwischen den Kräften der Zentralisierung und denjenigen der Dezentralisierung.»

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