Robert Jakobs Wirtschaftslupe: AstraZeneca – Wer will noch die Zitrone?

Robert Jakobs Wirtschaftslupe: AstraZeneca – Wer will noch die Zitrone?
Verpackungen für das Coronavirus-Vakzin von Astrazeneca.

Von Robert Jakob

Atemwegsviren sind berühmt-berüchtigt für ihre Immunevasion. Das heisst, sie haben allerlei Techniken, die menschlichen Abwehrkräfte zu umgehen. Darum sollten wir uns nur das Beste spritzen lassen.

In einer gerade publizierten Meta-Studie mit Daten von 24’422 Teilnehmenden aus Grossbritannien, Brasilien und Südafrika wurde dem ChAdOx1 nCoV-19 Vakzin eine Wirksamkeit von 66,7 Prozent bescheinigt. Nur zwei Drittel aller Patienten, die sich vorschriftsmässig mit dem klassischen Vektorimpfstoff des Schwedisch-Britischen-Konzerns impfen lassen, erhalten also einen wirksamen Schutz gegen symptomatische Corona-Erkrankung. Das ist und bleibt ernüchternd. Schlimmer noch: AstraZenecas Impfstoff wird von Forschern gegenüber der neuen südafrikanischen Virusmutante schlicht und ergreifend für wirkungslos erklärt (DOI: 10.1056/NEJMoa2102214 Efficacy of the Covid-19 Vaccine against the B.1.351).

Werbetrommel nach verkorkster Impfkampagne
«Besser als nichts, solange nicht genug Impfstoff da ist»: Mit diesem Argument wollen Politiker die Dosen an die Frau oder an den Mann bringen. Vor allem in Deutschland, wo man die Impflogistik verhunzt hat. Darum rührt auch der oberste Deutsche, Frank-Walter Steinmeier, die Werbetrommel und lässt sich öffentlichkeitswirksam mit ChAdOx1 nCoV-19 von AstraZeneca impfen. Sein Gesundheitsminister Jens Spahn rief sogleich alle Minister auf, dies vorbildlich auch zu tun. Aber bringt’s das? Bundesinnenminister Horst Seehofer hat, für sich persönlich, erst mal abgelehnt.

Schwache Impfstoffe sind ein doppeltes Problem. Wenn sie sich auf dem Markt trotzdem durchsetzen oder durchgesetzt werden, verhindern sie, dass bessere nachrücken. Es sollte daher keinen Bestandsschutz geben. Schwerwiegender sind aber die Gefahren der Immunevasion. Eine zu schwache Immunantwort könnte dem Virus in die Hände spielen.

Gemäss den fleissig von den Herstellern verbreiteten Impfstudien versprechen alle Vakzine einen hohen Schutz – vor allem schwere COVID-19-Verläufe können tatsächlich verhindert werden. Aber der Impfstoff muss deshalb nicht vor einer Infektion schützen. So könnten die einmal Geimpften zwar gesund bleiben, aber das Virus im Körper zumindest kurzfristig tragen und weitergeben. In Tierversuchen wurde dies bereits festgestellt. Geimpfte könnten also Kontaktpersonen anstecken, vor allem, wenn letztere noch keinen Impfschutz haben. Dazu gibt es einen Präzedenzfall: Der erste Impfstoff gegen die Kinderlähmung, einer viralen Krankheit, die ähnlich ansteckend ist wie SARS-CoV-2, konnte nur die Geimpften vor der Krankheit schützen, eine Ansteckung anderer Personen aber nicht verhindern.

Steilvorlage zum «Durchstechen»?
Am RKI hielt man das auch beim Coronavirus für möglich. Das Institut gab aber an Ostern offiziell die recht verschlüsselte Entwarnung als frohe Oster-Botschaft an die Politik weiter: „Nach gegenwärtigem Kenntnisstand ist das Risiko einer Virusübertragung durch Personen, die vollständig geimpft wurden, spätestens zum Zeitpunkt ab dem 15. Tag nach Gabe der zweiten Impfdosis geringer als bei Vorliegen eines negativen Antigen-Schnelltests bei symptomlosen infizierten Personen.“

Der Bandwurmsatz lässt allerlei Interpretationen zu. Und vor allem: Er schliesst eine Virusübertragung durch Geimpfte nicht explizit aus. Pikantes Detail: Ein paar Tage zuvor empfahl die Ständige Impfkommission (Stiko) am RKI auf die zweite (Auffrischungs-) Impfung mit AstraZeneca zu verzichten. Offenbar traut man der schützenden Wirkung nicht, denn an den aufgetretenen Nebenwirkungen (den sogenannten Sinusvenenthrombosen), die ja äusserst selten auftreten, kann es nicht liegen. Auf der offiziellen Webseite suchte ich nach Ostern die Osterbotschaft des RKI vergeblich. Nichtsdestotrotz liessen sich sofort zahllose Senioren ab 60 Jahren, die noch gar nicht dran waren, freiwillig mit den «freigewordenen» Dosen stechen. Es herrscht bekanntlich Nachfrageüberhang nach Impfung. Zur Erinnerung: Erprobt wurde der AstraZeneca-Impfstoff vor allem an jüngeren Menschen zwischen 18 und 55. Der Vorsitzende der Stiko, Thomas Mertens, sagte am Donnerstag: «Der Schutz gegen Covid-19 nimmt bei einmaliger AstraZeneca-Impfung nach gewisser Zeit ab.» Mertens meinte, dass es bei einer Zweitimpfung mit einem anderen Impfstoff zu einer besseren Schutzwirkung kommen könne.

Die EU-Arzneimittelbehörde EMA empfahl tags zuvor uneingeschränkt die Anwendung von AstraZeneca ChAdOx1 nCoV-19. Der Nutzen sei höher als die Risiken. Die britische Impfkommission änderte dagegen ihre Empfehlung: Das AstraZeneca-Präparat soll künftig möglichst nur noch über 30-Jährigen verabreicht werden. Über Länder und Experten hinweg herrscht komplexe Uneinigkeit.

Dabei ist die Frage der Stärke des Impfschutzes doch zentral! Das Virus könnte sich trotz Impfung in der Nase und im Mund vermehren und der Geimpfte dann ansteckend sein. Alles hängt von Form und Stärke der Immunantwort ab. Am deutschen Paul-Ehrlich-Institut liefern mehrere Studien – unter anderem mit Affen – Hinweise zu dieser möglichen Schwäche aktueller Impfstoffe. Forscher konnten in der Nase der geimpften Tiere teilweise genauso viele Viren finden wie bei den Nicht-Geimpften.

“Wir gehen allerdings davon aus, dass bei einer Verminderung der schweren Verläufe doch auch zumindest eine Reduktion der Viruslast in den oberen Atemwegen passiert”, ordnet Prof. Klaus Cichutek vom Paul-Ehrlich-Institut die immunologische Reaktionskaskade im Zeitverlauf ein. Allerdings sieht es nicht danach aus, dass es eine sterile Immunität geimpfter Tiere gibt. Die Wahrscheinlichkeit ist sehr gross, dass das auch für den Menschen gilt.

Schwache Impfstoffe erzeugen weniger Antikörper. Dies kann zum sogenannten antibody-dependent enhancement (ADE) führen, ein Phänomen, dass besonders beim Dengue-Virus, einem Erreger von ähnlicher Letalität wie SARS-CoV-2, auftritt. Vom Dengue-Virus gibt es, ähnlich wie jetzt bei SARS-CoV-2, vier Varianten: Ein zu schwaches Antiserum gegen eine dieser Varianten erhöht deutlich das Risiko, an den anderen drei Varianten zu erkranken.

mRNA-Impfstoffe haben die Nase vorn
Die beiden mRNA-Impfstoffe von BioNTech/Pfizer und Moderna führen zu einer starken Antikörperproduktion. Für BioNTech zu einem 95%igen Schutz vor Covid19 (respektive 91,3% bei Einschluss der neu aufgetretenen Mutanten) und für Moderna zu einem 94,5%igen Schutz. Das Risiko, dass es mit ihnen zu ADE kommt, scheint bei diesen beiden Vakzinen deutlich geringer als bei anderen zugelassenen Impfstoffen.

Ein Impfstoff, der zu schwach ist und auch noch viele Nebenwirkungen hat, wird Impfgegnern auf der ganzen Welt in ihrer ablehnenden Haltung bestärken. Insofern zieht sich die Schlinge um den AstraZeneca-Impfstoff zu, auch wenn er nur ein Bruchteil dessen kostet, was Pfizer/BioNtech oder Moderna verlangen. Entsprechend enttäuschend hat sich auch der Aktienkurs von AstraZeneca entwickelt. Dahinter steckt viel Übertreibung, denn das Impfgeschäft spielt für den Pharmariesen im Gegensatz zu Moderna oder BioNTech eine untergeordnete Rolle. Das gilt auch für den US-amerikanischen Pharma- und Kosmetikmulti Johnson & Johnson. Dessen Belgische Tochter Janssen entwickelte einen Impfstoff, der exakt in derselben Liga (66% Wirksamkeit) wie der von AstraZeneca spielt.

«Benchmarking»: Schaut mal über den eigenen Tellerrand!
Was uns erwarten könnte, sieht man in Chile. Trotz einer erfolgreichen Impfkampagne waren die Infektionszahlen in Chile über den ganzen Monat März hinweg deutlich angestiegen. Es steckten sich über 170’000 Menschen mit dem Coronavirus an – mehr als jemals zuvor seit Pandemie-Beginn. 24’000 Patienten sind an Covid-19 gestorben, und in der neusten Welle traf es besonders viele Junge. Die Regierung musste einen scharfen Lockdown beschliessen. Die Grenzen wurden jetzt für einen vollen Monat dichtgemacht.

Dabei impft Chile so zügig wie nur wenige andere Länder auf der Welt: Fast die Hälfte der knapp 20 Millionen Einwohner hat mindestens eine Impfdosis erhalten. Neben einer trügerischen Selbstsicherheit durch die hohe Impfquote dürfte die hohe Zahl an Neuinfektionen auch mit dem verwendeten Impfstoff zusammenhängen. Zum Einsatz kommt zu 90 Prozent das Produkt des chinesischen Herstellers Sinovac. Der Impfstoff, ein abgeschwächtes Virus, verhindert zwar wie AstraZenecas Vakzin schwere Verläufe, allerdings liegt der Schutz gegen eine Ansteckung nach Herstellerangaben je nach untersuchter Kohorte nur zwischen 50,6 und 83,5%. Der nur halbe Schutz wurde ausgerechnet in einer Studie in Brasilien erreicht, wo die neue gefährliche P1-Variante des Coronavirus wütet. Ungewollt kann also die Impfung dazu beitragen, einzelne Individuen ein wenig zu schützen, aber das Gros der Bevölkerung während einer Infektionswelle ausgerechnet einem viralen Replikationssystem auszusetzen, welches spezifische Mutationen selektiert, um die suboptimalen immunologischen Hürden zu überwinden. Damit wird der Impfstoff zum willkommenen Sparringspartner für das Virus.

Herdenimmunität in weiter Ferne?
Immer wieder heisst es, dass 70 Prozent der Bevölkerung sich impfen müssten, um die Ausbreitung des Virus zu stoppen. Doch wenn schon einige Menschen trotz Impfungen ansteckend sind, müssten sich noch viel mehr Menschen impfen lassen. Erst recht, wenn die Impfstoffe nur partiellen Schutz bieten. Zahlreiche Mediziner halten mittlerweile 90 bis 95% Durchimpfung für notwendig, damit Corona nicht zu einem dauernden Albtraum wird.

Im Rennen zwischen Hase und Igel steht die Schweiz verhältnismässig gut da. Sie hat im Moment nur die beiden hochwirksamen mRNA-Impfstoffe und den Adenovirusvektor-Impfstoff von Johnson & Johnson zugelassen und neben den bereits fleissig verimpften und bestellten Moderna- und BioNTech/Pfizer-Chargen und einem Liefervertrag mit AstraZeneca zusätzlich 5 Millionen Dosen von Curevac (neuer mRNA-Impfstoff) sowie 6 Millionen Dosen von Novavax (proteinbasierter Impfstoff) vorbestellt. Das proteinbasierte Vakzin soll eine rund 90-prozentige Wirksamkeit gegen Covid19 haben. Aber es soll nur halb so gut gegen die südafrikanische Virusvariante wirken.


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Das Titelbild ist eine modellierte Darstellung des Kampfes unseres Immunsystems gegen ein Virus. Immunglo-buline (ypsilonförmig) und Zellsysteme attackieren den Feind.

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