Robert Jakobs Wirtschaftslupe: Das Finanzierungsloch
Von Robert Jakob
Neulich feierten die USA ihre 40. Schuldenbillion. Gleichzeitig beträgt das Haushaltsloch sechs Prozent. Das wird wieder nicht nur im üblichen Shutdown-Zirkus enden, sondern bereits frühzeitig mehr Stress ins Gesamtsystem bringen.
Der grosse Knall wird erst noch kommen. Denn die Weltwirtschaft steht vor einer meterdicken Refinanzierungswand. Viele Staaten, von den 50 US-amerikanischen ganz abgesehen, schleppen riesige Schuldenberge vor sich her. Allerdings muss man die hohen absoluten Zahlen genau anschauen.
Im Jahre 2003 verteidigte der Chief Investment Officer (CIO) Jeffrey Everett der Templeton Global Equity Group in einem meiner Interviews seine Heimat damit, dass eine 14 Billionen – Dollar Wirtschaft locker 14 Billionen Schulden tragen kann. Heute beträgt Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Vereinigten Staaten laut Internationalem Währungsfonds (IWF) 32,38 Billionen USD. Prozentual sind die Schulden also in dieser Zeit um gut 186% gestiegen und im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung um 23,5%. Die Schuldenquote liegt also bei 123,5% der Jahresleistung. Damit sind die USA gleichauf mit der Ukraine, deren Staatshaushalt trotz Hilfe der Europäer stark von den Kriegsausgaben belastet wird.
Schuldner mit Geduld
Das ist nichts im Vergleich zu Japan, das 204,4% des BIP in Form von Schulden vor sich hinschleppt. Damit hat Nippon die höchste Schuldenquote weltweit. Die Verbindlichkeiten werden jedoch im Inland in Yen gehalten. Damit besteht immer die Möglichkeit, den Schuldendienst durch frisches Geld aus der Notenpresse zu bedienen. Davon hat Japan regen Gebrauch gemacht. Der Kurs des Yen hat sich entsprechend im Vergleich zum harten Schweizer Franken in zehn Jahren halbiert. Die Rendite japanischer Staatsanleihen stieg auf drei Prozent und damit auf den höchsten Stand seit 30 Jahren. Das ist kein Vertrauensbeweis. Durch Verschuldung im eigenen Land statt im Ausland sinkt aber das Risiko, welches vielen Entwicklungs- und Schwellenländern zum Verhängnis wurde, dass nämlich die Schuldner aus dem Ausland plötzlich ihr Geld wiederhaben wollen. Inlandschuldner haben ein Interesse daran, ihrem Heimatland die Stange zu halten.
In Europa besitzt Italien mit 138,4% die höchste Schuldenquote. Allerdings hat das Land in der Vergangenheit bewiesen, dass man eine 200%ige Schuldenquote auch halbieren kann. Frankreich als zweitgrösste Wirtschaftsmacht Europas hinter Deutschland liegt bei 118,4% und bricht damit die ehemaligen Euro-Konvergenzkriterien um das Doppelte.
«Whatever it takes»
Die europäische Zentralbank EZB wird im Falle einer Schuldenkrise nicht tatenlos zusehen. Das sogenannte Transmission Protection Instrument (TPI) würde im Falle eines Falles aktiviert. Es soll sicherstellen, dass die Geldpolitik in allen Ländern des Euroraums gleich wirkt. TPI erlaubt es der Notenbank, öffentliche Anleihen einzelner Länder aufzusammeln, um deren Finanzierungskosten tief zu halten, solange diese Kosten nicht durch die wirtschaftliche Lage des Landes gerechtfertigt sind. Letzterer Entscheidungsgrund wird sich als willkommener Gummiparagraph entpuppen, wenn die politische Opportunität es gebietet.
Gefahr einer nächsten Weltwirtschaftskrise
Die Welt als Ganzes sieht sich aber einer immens hohen «Finanzierungsmauer» gegenüber, nicht nur wegen der riesigen Schulden, sondern auch zusammen mit deren vielen kurzfristigen Fälligkeiten und vor allem den verhältnismässig hohen Zinsen. Letztere beruhen auf dem Finanzierungsbedarf für Grossprojekte wie Rechenzentren und Kriegswirtschaft. Nie wurde seit dem zweiten Weltkrieg so viel zerstört wie heute. Die USA leisten sich eine Invasion und einen Krieg nach dem anderen. Sie denken, dass das Ausland dies über den Kauf ihrer Staatsanleihen finanziert. Aber die Erzählung bekommt Risse. Der Auslandanteil der Treasurieshalter nimmt ab, und die Kaufkraft der Inländer ebenso. Firmen finden bessere Investments. Ausgerechnet die USA unter dem SOTUS stehen vor einer gefährlichen Refinanzierungshürde. Die könnte das Zeug zu einem Flächenbrand haben.
Besser als die europäischen und amerikanischen Schuldenbuckel stehen jene Staaten da, die über eine prall gefüllte Staatsfondkasse verfügen, wie Kanada oder Singapur. Der «41. Bundestaat der USA» hat 110,7% Staatsverschuldung und der südostasiatische Kleinstaat 171,9%. Beide haben jedoch gut dotierte Pensions- oder Staatsfonds welche diese Schulden kompensieren.
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