Robert Jakobs Wirtschaftslupe: Diesmal ist alles anders…

Robert Jakobs Wirtschaftslupe: Diesmal ist alles anders…
Die überzogen optimistischen Inflationsprognosen der Schweizerischen Nationalbank liegen bei 0,9 Prozent für die Jahre 2023 und 2024.

Von Robert Jakob

Einer der teuersten Fehler an der Börse ist der Glaube, dass neue Zeiten anbrechen. Der Gedanke, diesmal sei alles anders, hat schon zahlreichen Anlegern Unsummen an Geld gekostet.

Historiker kennen eine ähnliche Variante, nur umgekehrt: «Geschichte wiederholt sich.» Das sehen wir gerade in der Ukraine, aber damit genug zu diesem Thema.

Wirtschaftswissenschaftler und Börsianer täten gut daran, von den Historikern zu lernen. Das grosse Thema Stagflation rückt von Tag zu Tag stärker in den Fokus. Die Investmentbanker von Goldman Sachs, welche eine der besten Trefferquoten aller Banker bei Vorhersagen haben, bezifferten unlängst die Wahrscheinlichkeit einer US-Rezession auf 35 Prozent.

Das Risiko für Europa liegt sogar höher. Schuld sind jetzt nicht nur die Erdöl- und Gaspreise, sondern so gut wie alle Rohstoffe und die Verwerfungen des Krieges und der sich bildenden unheiligen Allianzen. Es wird immer klarer, dass sich ein Achse der Kriegsgewinnler südöstlich des russischen Reiches zu formieren droht. Die verhältnismässig rohstoffarmen Chinesen und Inder wollen profitieren. Neben Chinapräsident Xi, der mit gespaltener Zunge spricht, während seine Kriegsgebietsjournaille klar Position für die russischen Aggressoren bezieht, denkt der Radikalhindu Narendra Modi, indischer Ministerpräsident und Kraft Verfassung De-facto-Halbdespot, sogar über den Schnäppchenkauf russischen Erdöls nach.

Ein Verteilkampf, bei dem die Schlaumeier und Kriegstreiber die Oberhand gewinnen, wäre ein übles Szenario für die freie Welt und ganz besonders für Europa.

Waren wir vor einem halben Jahrhundert nicht schon einmal soweit?
Die Lage gleicht 1973. Am 6. Oktober, dem Feiertag Jom Kippur, griffen Syrien und Ägypten Israel an und brachten die israelische Armee an den Rand einer Niederlage, die nur dank amerikanischer Waffenlieferungen abgewendet wurde. Die in der OAPEC (Organization of Arabian Petroleum Exporting Countries) zusammengefassten Öleigentümerstaaten reagierten empört und beschlossen, ihr Erdöl als Waffe im Kampf für die Rechte des palästinensischen Brudervolkes einzusetzen. Es kam zu Lieferboykotten und Preistreiberei, die in der ersten Ölkrise und einer schweren Rezession endete. Betroffen war nicht nur der Pkw-Verkauf, sondern auch die Bau- und chemische Industrie bis hin zur Eisen- und Stahlbranche.

Die zuerst heruntergespielten inflationären Zweitrundeneffekte traten verzögert ein und der soziale Friede blieb auf der Strecke. Innert zwei Jahren vervierfachten sich in Deutschland die Arbeitslosenzahlen.

Bereits vorher war die Geldpolitik in fast allen westlichen Industrieländern deutlich zu locker. Vor allem in den USA wuchs zur Finanzierung des Vietnamkrieges die Geldmenge M2 in den 60er-Jahren um etwa acht Prozent jährlich und damit doppelt so stark wie die Gütermenge, welche die US-Wirtschaft bei normaler Auslastung ihrer Kapazitäten erzeugen konnte. Der Geldüberhang und die Produktionslücke entluden sich in steigenden Preisen. Ende der Sechzigerjahre lag die Inflationsrate bereits bei fünf Prozent. In den 70er-Jahren kam noch eine kräftige Schippe drauf. Ein Teufelskreis drehte sich. Es wäre vermessen gewesen, Rentnern und Lohnabhängigen Verzicht zu predigen, während Unternehmen die Preise erhöhten.

Tatsächlich steht die Wirtschaft heute vor einer genauso gefährlichen Abrisskante wie 1973. Der Dow Jones verlor im Folgejahr 40 Prozent seines Wertes. 1974 war in der Schweiz sogar mit Minus einem Drittel (Quelle: Banque Pictet) ein schlechteres Börsenjahr als 1931, dem Jahr der Weltwirtschaftskrise.

Das Fass ist am überlaufen
Das viele lockere Geld stösst jetzt leider auf einen gigantischen Angebotsmangel, nicht nur bei Rohstoffen wie Erdgas, sondern auch bei Chips. Die geopolitischen Spannungen und die Pandemie zeigen die Grenzen der Globalisierung auf. Es ist heikel, sich auf unehrliche oder unzuverlässige Zulieferer abzustützen. Just-in-Time geht nicht mehr auf. Hinzu kommen explodierende Transportkosten und eine katastrophale Rechtsunsicherheit, die jeden Handel erschwert. Zahlreiche Firmen haben aufgeblähte working capital expenses, was selbst in Zeiten von Zinsen knapp über der Nulllinie nicht schön für die Bilanz ist.

Preis der Autarkie
Die europäische Wirtschaft ist dabei, ihre Lieferketten neu aufzustellen. Um krisenresistenter zu werden, müssen Schlüsseltechnologien wie die ganze Halbleiterindustrie und die wichtigsten Schlüsselrohstoffe wieder nachhause geholt werden. All diese Backup-Systeme kosten sehr viel Geld. Das alles treibt die Inflation. Die Globalisierung hat lange Jahre zu einer Verbilligung der Produktionskosten durch freien Warenverkehr geführt. Damit ist es fürs Erste vorbei. Wie lange der inflationäre Druck dauert, hängt zwar vom Ausgang des Kampfes gegen Putins Verbrecherregime ab (tut mir leid, jetzt sind wir doch wieder beim Thema), aber nach einer kurzen Erholung zu Beginn des Jahres, geht es jetzt erst einmal für eine Weile ans Eingemachte. Die inflationären Überraschungen werden gewaltig ausfallen und zwar bereits im zweiten Quartal 2022. Die Verbraucherpreise sind selbst im so soliden Deutschland im März um 7,3% gegenüber dem Vorjahr gestiegen, so viel wie seit 40 Jahren nicht mehr. Die Kernrate der Inflation, also ohne die volatilen Lebensmittel- und Energiepreise, stieg zwar in Euroland «nur» um über drei Prozent. Letztere wird aber nicht da unten bleiben.

Die EZB und die Schweizer Nationalbank sitzen in der Falle. Denn angesichts der Inflation müssten sie die Zinsen erhöhen, aber wegen der abstürzenden Konjunktur (und in der Schweiz wegen des haussierenden Frankens) dürfen sie es kaum. Wie Drogenabhängige hängen wir am billigen Geld.


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