Robert Jakobs Wirtschaftslupe: Indirekte Coronakosten

Robert Jakobs Wirtschaftslupe: Indirekte Coronakosten
Darstellung eines Coronavirus. (Bild: Centers for Disease Control and Prevention CDC)

Von Robert Jakob

Die Pandemie habe eine beispiellose wirtschaftliche und soziale Krise ausgelöst, die vielen Familien weltweit ihre Lebensgrundlage raubt, meint Unicef-Exekutivdirektorin Henrietta Fore. Und der rechtsliberale Finanzprofessor Bernd Raffelhüschen wird in der Weltwoche mit der Schätzung zitiert, dass die Coronamassnahmen und ihre Folgen hundertmal mehr Lebensjahre zerstören als gewinnen. Die Medien strotzen nur so von Horrormeldungen über die Kosten des Jahrhundertkampfes gegen das Virus.

Bei so viel verkaufsförderndem Alarmismus ist Nüchternheit gefragt. Klar ist, dass die Lockdowns die Konjunktur abgewürgt haben. Nach Berechnungen des Basler Wirtschaftsforschungsinstituts BAK Economics kam es in Folge der Coronamassnahmen allein im ersten Halbjahr 2020 für die Schweiz zu einem schlagartigen Einbruch des Bruttoinlandsproduktes BIP um 9%. Dieser wurde aber im 3. Quartal durch ein Wachstum von 7% fast ausgeglichen. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt das Staatssekretariat für Wirtschaft SECO mit + 7,6%. Offensichtlich führt eine erzwungene Vollbremsung der Wirtschaft zu einem Nachholeffekt. Dieser holt einen Grossteil der verpassten Umsätze wieder herein. Das deckt sich mit Erfahrungen aus der Vergangenheit. Nach Naturkatastrophen kommt es zu einem Einbruch. Die darauffolgenden Aufräumarbeiten steigern wiederum das Bruttosozialprodukt. Es ergibt sich fast ein wirtschaftliches Nullsummenspiel, trotz des unermesslichen menschlichen Leids.

Nachholeffekte
Wegen Corona-Lockdown verschobene Operationen oder Autokäufe werden nachgeholt. Anders sieht es bei Kultur und Gastronomie aus. Wer drei Monate nicht mehr im Restaurant war, wird diesen Ausfall nicht durch eine Fressorgie innerhalb weniger Tage und Wochen kompensieren, und wer in den Skiferien nicht verreisen konnte, wird die Saison für einmal abhaken. Entsprechend führten die Coronamassnahmen im Kampf gegen die momentane 2. Welle nach der zwischenzeitlichen Entspannung der Sommermonate zu einem Einbruch der Wertschöpfung im Gastgewerbe (–20,8 %) und im Bereich Kunst, Unterhaltung und Erholung (–7,7 %). Insgesamt aber schrumpfte die Wirtschaft nach Berechnungen des SECO im Q4 nur um 0,3% und übers ganze Jahr um 2,9%. Bei einem Jahres-BIP der Schweiz von knapp 700 Milliarden Franken entspricht dies einem Einbruch von rund 20 Milliarden, der gemäss BAK Economics irgendwann im 2022 wieder voll wettgemacht sein wird.

Schon wieder mediale Panikmache
Zeitungsartikel über direkte Einbussen beim Schweizer BIP von 70 Milliarden (NZZ) und indirekten Kosten in gleicher Höhe sind reine Panikmache. Ganz klar: die psychischen Belastungen durch die Pandemie sind gewaltig. Wenige Branchen wie ITC profitieren, und Verkehr, Tourismus/Gastronomie darben. Aber kann man die psychische Belastung, die sich nach einer Studie der Uni Basel (Swiss Corona Stress Study) in Form von depressiven Verstimmungen versechsfacht hat, mit einem erhöhten Auftreten von Herz/Kreislauf-Toten in Verbindung bringen? Wohl kaum. Ähnlich verhält es sich mit den Korrelationen, die Bernd Raffelhüschen bemüht. Er setzt einen kausalen Zusammenhang zwischen Wachstum des BIP und medizinischem Fortschritt und postuliert, dass ein Prozent Wirtschaftswachstum eine zusätzliche Lebenszeit von 27 Tagen pro Person bedeuten, da ja alle Menschen parallel zum wachsenden Wohlstand immer älter werden und dies die Folge wirtschaftlichen Wohlstands sei. Woraus bei ihm umgekehrt folgt, dass es entsprechende Lebenszeit kostet, wenn die Konjunktur abschmiert. Das ist schon deshalb nicht einmal als Hypothese vernünftig nutzbar, weil das BIP ja über die Jahre geglättet fleissig linear ansteigt, der Mensch aber nicht unendlich alt werden kann. Es deckt sich auch nicht mit sattsam bekannten Fakten, dass beispielsweise in vergleichbar armen Ländern wie Chile oder Griechenland die Leute auch ohne grosse BIP-Sprünge alt werden, während die USA trotz horrender Ausgaben für ihr Gesundheitssystem und stolzen nominellen Wachstumsraten gesundheitspolitisch nicht vom Fleck kommen.

Teure Beruhigungsmittel mit langfristigen Nebenwirkungen
Es kommt immer auf die Verhältnismässigkeit an. In einem hat Raffelhüschen recht. Die Rettungsmassnahmen für Einzelunternehmer wie Grossfirmen sind ein teures Beruhigungsmittel mit extremen Nebenwirkungen für die nächsten Generationen, denn sie führen zu einer beängstigenden Ausweitung der expliziten Staatsschulden.

Der Professor geht sogar noch weiter und legt den Finger auf einen wunden Punkt vieler Berechnungen der durch Corona zerstörten Lebensjahre: Es trifft bei uns die Alten, und generell haben diejenigen schlechte Karten, die schon vorher krank waren, allen voran Diabetiker. Für Raffelhüschen liegen die durch die Coronamassnahmen gewonnenen Lebensjahre bei nur rund drei Jahren pro erkrankter Person, was weniger als einem Drittel der von RKI und anderen wissenschaftlichen Institutionen errechneten Verlusten an durchschnittlicher Lebenszeit entspricht.

Lauterbach wird immer lauter
Der in allen Medien auftauchende SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach, die TV-Kassandra unter den Epidemiologen, sieht das ganz anders: «In jüngeren Gesellschaften, wo Menschen sterben, jetzt zum Beispiel in den Vereinigten Staaten, verlieren die, die sterben, im Durchschnitt fast 20 Jahre.» Die Wahrheit liegt je nach Gesellschaft irgendwo dazwischen. Sicher ist: Während die verlorenen Lebensjahre in den Industrienationen vornehmlich auf ältere Semester ab 75 zurückzuführen ist, trifft es in den Entwicklungsländern mehrheitlich die unter 55jährigen. Das geht aus Berechnungen des Rostocker Max-Planck-Instituts für demografische Forschung hervor. Dazu haben die Forscher Sterbedaten für 1,2 Millionen Todesfälle bis 6. Januar 2021 aus 81 Ländern ausgewertet.

Es gibt ihn, den Konflikt zwischen verlorenen Lebensjahren und indirekten wirtschaftlichen Folgen der strengen Coronamassnahmen. Besonders in den armen Ländern trifft es auch die Jüngeren, die mitten in ihrer produktiven Lebensphase stehen. Die neuen ansteckenderen Varianten von SAR-CoV-2, die ersten Studien zufolge häufiger schwere Verläufe verursachen, dürften diese Tendenz verstärken. Auf die ganze Welt bezogen kommen die Max-Planck-Forscher auf über 20 Millionen verlorene Lebensjahre, wovon 44.9% den Toten aus der Altersklasse der 55- bis 75-Jährigen zuzuordnen sind, 30.2% den unter 55-Jährigen und nur ein Viertel den über 75-Jährigen.

Der Altersdurchschnitt der Infizierten liegt aktuell bei unter 50. Er wird mit Sicherheit weiter sinken. Um den Zielkonflikt zwischen öffentlicher Gesundheit und wirtschaftlicher Erholung so schnell wie möglich zu entschärfen, gibt es nur eine Antwort: Impfen, Impfen, Impfen. Nach Schätzung von Ökonomen der Allianz-Versicherung belaufen sich die volkswirtschaftlichen Verluste durch die fünfwöchige Verzögerung der EU-Impfkampagne allein auf knapp 100 Milliarden Euro.


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