Robert Jakobs Wirtschaftslupe: Infrastruktur als Schneeballsystem

Robert Jakobs Wirtschaftslupe: Infrastruktur als Schneeballsystem
Ränge blieben leer: Das Olympiastadion in Tokio aus der Vogelperspektive.

Von Robert Jakob

Mit mehr als 20 Milliarden US-Dollar waren die olympischen Sommerspiele in Tokio die zweitteuersten der Geschichte nach Peking 2008 – und das auch noch ohne Zuschauer.

Als Japans Hauptstadt vor acht Jahren das Austragungsrecht erhielt, hatten die Bewerber mit 6,6 Milliarden US-Dollar kalkuliert. Durch öffentliche Mittel sollten nur Investitionskosten für die Infrastruktur, also in erster Linie Stadien, finanziert werden. Für den Rest würden die Sponsoren sorgen. Und zusätzliches Manna sollte in Form von externem Nutzen vom Himmel fallen. Dank der Fernsehübertragung sprangen die privaten Sponsoren in der Coronakrise zwar nicht ab, aber die positiven Effekte auf die japanische Wirtschaft werden sich in Grenzen halten – wie so oft bei grossen Sportveranstaltungen.

Realitätstest statt Schönfärberei
Mein Lieblingsfussballverein, der 1. FC Kaiserlautern, verdankt seinen Konkurs Fehlkalkulationen zur Weltmeisterschaft 2006. Um den Zuschlag als WM-Stadt zu erhalten, wurde das ehemalige Stadion auf dem Betzenberg für teures Geld erweitert. 50’000 Plätze waren wohl etwas gar viel für eine Stadt mit 100’000 Einwohnern. Insgesamt wurden dort fünf WM-Spiele ausgetragen. Das war für viele das kurze «Sommermärchen». Der finanziellen Pleite des vierfachen Deutschen Meisters 1. FC Kaiserlautern folgte der sportliche Abstieg in die 3. Liga. In der Endabrechnung hat der Steuerzahler davor für einen Grossteil der überdimensionierten Infrastrukturkosten geradegestanden.

Oft verbleiben nach solcherlei Fehlplanungen Bauruinen. Besonders traurige Berühmtheit erreichten die verfallenen olympischen Stätten von Sarajevo (Winterspiele 1984) und der Olympia-Wiege Athen (Sommerspiele 2004). Bei letzter war für das eigens gebaute Softball-Stadion nachher nicht einmal mehr Geld fürs Bewässern des Rasens da. Schuld ist aber nicht die Klimaerwärmung. Auch in Griechenland liefen die Kosten total aus dem Ruder. Statt der geplanten 1,25 Milliarden Euro waren sieben Milliarden Euro an Infrastrukturkosten fällig.

Augen zu, und ein Ponzi-Schema (Schneeballsystem) aufbauen
Immer wieder ist das Strickmuster dasselbe. Es wird sich fleissig schöngerechnet, und am Schluss werden die Folgekosten vergessen. In einer sauberen betriebswirtschaftlichen Rechnung hätten dafür Rückstellungen gebildet werden müssen. Durch diese Form der Selbsttäuschung kommt es laufend zu krassen Fehlallokationen. Das heisst: Die Mittel werden falsch verteilt.

So etwa in den USA, wo wegen der exorbitanten Quadratmeterpreise für jeden Flecken Innenstadt und dem Autowahn die ganze Peripherie aufgebläht ist und sich Dutzende von Kilometern um die Zentren herum ausdehnt. Alle Einfamilienhäuser sehen gleich aus und sind zunächst einmal, so wollen es die kommunalen Politiker, voll erschlossen. Aber niemand macht sich darüber Gedanken, was passiert, wenn einmal Strassen, Leitungen und Brücken saniert werden müssen. Die American Society of Civil Engineers (ASCE) schätzt die groben nicht gedeckten Kosten dafür auf 5 Billionen Dollar (american trillions). Das weitverzweigte Abwassersystem des Molochs «Suburbia» ist um ein Vielfaches länger als das der verdichteten Stadt. Doch beim Bebauen der grünen Wiesen werden solche Kosten weit in die Zukunft verdrängt, während sich die Entwickler an den ewig steigenden Immobilienpreisen erfreuen. Vermarkter und Verkäufer können die Gegenwart geniessen, denn es findet sich immer wieder ein Käufer, der bereit ist mehr zu zahlen. In wenigen Jahrzehnten bricht dann das Schneeballsystem in sich zusammen, dann nämlich, wenn alles ‘mal durchgehend saniert werden muss.

Ähnlich blauäugig wird mit einigen Kostenfaktoren der Energiewende umgegangen. Sie stehen wie einst die Endlagerkosten des radioaktiven Abfalls als externe Kosten ausserhalb jeder Bilanz herum. Der Abbau von Windrädern beispielsweise ist kostenintensiv, da sie so schwer sind. Allein an Stahl und Beton wurden in Deutschland je eine Million Tonnen und 5,5 Millionen Tonnen verbaut. Geht es nach den Verbänden, ist vom Metall- bis Beton-Recycling alles bestens geregelt. Es dürfte aber zu Engpässen bei der Verarbeitung kommen, und dass die Bauindustrie derartige Mengen an «Bruchbeton» benötigen wird, kann mit Fug und Recht bezweifelt werden. Umweltgefährdende Stoffe wie Transformatorenöle, Hydraulik- und Kühlflüssigkeiten sowie Isoliergase fallen ebenfalls an. Diese müssen meist genau wie die Rotorblätter aus Verbundstoff aufwendig entsorgt werden. Der schrittweise Abbau vom Turm, über den Schaft bis zum Sockel wird über die Zeit teuer zu stehen kommen. In den nächsten zehn Jahren soll nach Schätzungen des Deutschen Instituts für Normung mehr als jedes zweite der rund 30’000 in Deutschland installierten Windräder zurückgebaut werden, da sie das Ende ihrer Nutzungsdauer erreichen. Eine Studie des Umweltbundesamtes UBA warnt ab 2025 vor erheblichen Finanzierungslücken.

Politiker, denen es nicht um langfristige Planung, sondern um kurzfristige Wiederwahl geht, sind bei der Bewältigung langfristiger wirtschaftlicher Planungsaufgaben keine Hilfe. Da wird hingebaut nach dem Motto: Nach mir die Sintflut. Bei der Augenwischerei hilft, dass – oft über Quersubventionen – erst einmal schöne Gewinne eingestrichen werden, mit denen dann wiederum weitere Gelder angelockt werden, bis dann irgendwann erst sehr viel später das Schneeballsystem zusammenfällt.


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