Robert Jakobs Wirtschaftslupe: Wann kommt der Nachfragecrash?

Robert Jakobs Wirtschaftslupe: Wann kommt der Nachfragecrash?
Buchautor und Moneycab-Kolumnist Robert Jakob.

Von Robert Jakob

Die Börsenkurse flirten mit neuen Allzeithochs, die Stimmungsindikatoren hellen sich auf, aber die ersten Massenentlassungen haben begonnen. Wie passt das zusammen?

Die Lufthansa streicht weitere 20’000 Stellen. Singapore Airlines, einst für Jahre die beste und lukrativste Airline der Welt, reduziert neu sein Personal um 4300. Aber längst sind es nicht nur die Coronakrisenbranchen. Accenture, das riesige Beratungsunternehmen für alles und jeden, sieht geringeren Bedarf und „verzichtet“ auf 25’000 Mitarbeiter oder 5 Prozent seiner Belegschaft. In diesem Stil wird es dem Winter entgegen gehen. In der Wirtschaftsgeschichte wiederholt sich vieles. Auch in vergangenen Krisen durfte die Kurzarbeit zwar dämpfend auf reflexartige Massenentlassungen wirken, verhindern konnte sie diese nicht. Man denke nur an die Finanz- und Wirtschaftskrise.

Kapitalvernichtung im grossen Stil
Der Shutdown hat Kapital vernichtet, das jetzt fehlt und andernorts eingespart wird. Das ist einerseits ein klassischer Reflex, andererseits werden die mittelfristigen Aussichten in „Coronaverliererbranchen“ wie Tourismus, Gastronomie, Verkehr und Kultur noch eine Weile mau sein und für Zweitrundeneffekte sorgen. Die dort auf Kurzarbeit oder auf der Strasse Sitzenden fehlen der Wirtschaft als Kaufkraft. Die vorauseilende Strukturanpassung auf der unternehmerischen Angebotsseite startet jetzt den ersten Kreis des Teufels.

Es ist darum richtig, mit Geld um sich zu werfen. Da die Angebotsseite schrumpft, gilt es die Nachfrage zu stärken. John Maynard Keynes lässt grüssen. Die Börse nimmt vorweg, dass das staatliche vom Himmel fallende Manna in Form von Unterstützungsleistungen alles wieder richten soll. Deshalb steigen die Aktienkurse. Aber die Stützen des Systems könnten sich als morsch erweisen.

Massenentlassungen erodieren die staatlichen Steuereinnahmen. Noch nie seit dem zweiten Weltkrieg war die Steuerquote in den OECD-Ländern so hoch. Trotzdem ist auch die Schuldenquote auf Rekordniveau. Das lässt keinen grossen Spielraum mehr. Hier nun alles auf die Karte „ewige Nullzinsen“ zu setzen ist fahrlässig.

Zins ist gottgewollt
Durch dauerndes „Easing“ wird die für kapitalistische Wirtschaftssysteme zentrale Lenkungsfunktion des Zinses vollkommen ausser Kraft gesetzt. Die grossen Banken haben sich zunehmend darauf verlegt, in (laut Basel-III-Kriterien angeblich mündelsichere) Staatsanleihen zu investieren, aber bei der Kreditvergabe an KMU denkbar vorsichtig zu sein. Das macht wiederum staatliche Kreditgarantie-Programme für kleine und mittlere Unternehmen notwendig. Wieder muss es der Staat und damit der Steuerzahler richten. Auch hier stehen wir am Anfang eines Teufelskreises. Da aber bei den jetzigen Niedrigzinsen trotz mässiger Bonität Bankschulden einfach verlängert werden können, findet die erforderliche Strukturbereinigung nicht statt. Die schon seit vielen Jahren frei herumschwirrenden zahllosen Zombiefirmen (jede vierte Firma dürfte de facto keinerlei Existenzberechtigung haben) werden uns trotz Niedrigzinsen eines Tages um die Ohren fliegen, was die ohnehin wackeligen Bilanzen des europäischen Banken-Sektors weiter schwächt. Geld, das ohne Anreiz oder Gegenleistung ins System gepumpt wird, verfault. Wenn es überhaupt da ist. Einst prosperierende Länder ohne Reserven wie Argentinien oder die Türkei stürzen jäh ab. Sie haben keine Nachfrage mehr. Denn den einfachen Leuten steht das Wasser bis zum Hals. Länder, die noch etwas an Reserven im Speicher haben, tun gut daran, gezielte wohlüberlegte Förderprogramme auf der Nachfrageseite aufzustellen. Damit ist der Endverbraucher gemeint. In späteren Wirtschaftslupen wird noch detaillierter davon die Rede sein.


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