VP Bank Spotanalyse Türkei: Stillhalten der Notenbank ist keine Läuterung

Thomas Gitzel
Thomas Gitzel, Chief Economist VP Bank. (Foto: VP Bank)

Vaduz – Wer das heutige Nichthandeln der türkischen Notenbank als Läuterung sieht, liegt vermutlich falsch. Das Kind ist bereits in den Brunnen gefallen. Der Vertrauensentzug durch die Finanzmärkte ist eine vollzogene Tatsache. Zu einer Heilung der zerrütteten Beziehung zwischen Notenbank und Finanzmärkten könnten Zinserhöhungen beitragen. Letztere sind aber wohl vorerst nicht zu erwarten. Die Notenbank steht unter starkem Einfluss von Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan. Erdoğan lehnt hohe Zinsen ab.

Der Staatspräsident dürfte dabei natürlich auch die Präsidentschaftswahlen Mitte des kommenden Jahres im Fokus haben. Das Wachstum soll hoch bleiben und die Bevölkerung bei Laune halten. Tatsächlich wuchs die türkische Wirtschaft im dritten Quartal des vergangenen Jahres um 2.7 % gegenüber dem Vorquartal. Gegenüber diesem war sogar ein BIP-Zuwachs von 7.4 % zu verbuchen. Doch die Bevölkerung des Landes spürt am eigenen Leib derzeit vor allem die hohe Inflationsrate. Letztere lag zuletzt bei gefährlich hohen 36 %. Deshalb kann für den Staatspräsidenten bei den Wahlen auch der Schuss nach hinten losgehen.

Besser wäre es mittels Zinserhöhungen der türkischen Lira zu einer Erholung zu verhelfen. Dies würde die importierte Inflation dämpfen und die Bevölkerung damit finanziell entlasten. Allerdings scheint sich die türkische Administration über die Währungsentwicklung derzeit kaum Sorgen zu machen. Massive Währungsverluste sind in Schwellenländern regelmäßig Grund für Zahlungsausfälle. Die türkischen Devisenreserven kletterten binnen des zweiten Halbjahr 2021 um mehr als 80 %. Wenngleich jüngst wieder eine Abnahme zu verzeichnen war, sind die Devisenreserven noch immer knapp 50 % höher, gemessen gegenüber dem Juni des vergangenen Jahres. Zur Verbesserung der Devisenausstattung dürften unter anderem Devisen-Swap-Abkommen mit China, Katar und Südkorea beigetragen haben. Jüngst kam nun ein weiteres Abkommen mit den Vereinigten Arabischen Emiraten hinzu. Gerade aufgrund dieses Devisenzugangs fühlt sich die türkische Notenbank trotz der Währungsverluste in einer komfortablen Situation. Gerade deshalb können weitere Zinssenkungen nicht ausgeschlossen werden. (VP Bank/mc/ps)

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