VP Bank: Was der Renditenanstieg für Anleger bedeutet

VP Bank: Was der Renditenanstieg für Anleger bedeutet
Bernd Hartmann, Head of CIO Office VP Bank. (Bild: VP Bank)

Vaduz – Gut drei Monate dauert der Konflikt im Nahen Osten schon. Und die Finanzmärkte versuchen, die Folgen so gut wie möglich abzuschätzen. Doch wie sie das tun, ist sehr unterschiedlich und abhängig von der jeweiligen Anlageklasse.

Bemerkenswert ist vor allem die Bewegung in Staatsanleihen. In zahlreichen Ländern — vor allem in den USA — liegen die Renditen derzeit höher als zu Beginn des Irankriegs. Das signalisiert die Befürchtung, dass die Inflation weiter anziehen wird. Auch die Rendite 30-jähriger US-Staatsanleihen ist in die Höhe geklettert und markierte unlängst einen Stand, der seit 2007 nicht mehr erreicht worden war.

Inflationsbereinigt sind die Renditen ebenfalls gestiegen, das heisst, festverzinsliche Papiere sind relativ gesehen interessanter geworden. Umgekehrt blieb der Aktienmarkt von der Zinsentwicklung bislang unberührt und Aktien stehen bei Anlegern weiterhin hoch im Kurs.

Wie sich der Renditeanstieg derzeit konkret auf die verschiedenen Anlageklassen auswirkt, beantworten wir mit den folgenden fünf Fragen.

  1. Die Renditen von Staatsanleihen sind seit dem Iran-Krieg zum Teil deutlich gestiegen und haben damit ihre Aufwärtsbewegung fortgesetzt. Warum ist das so — und wie geht es jetzt weiter?

Langlaufende Staatstitel haben zuletzt deutlich nachgegeben, was sich umgekehrt in einem signifikanten Renditeanstieg niederschlug. Am ultralangen Ende der Zinskurve, insbesondere bei 30-jährigen Laufzeiten, machen sich zunehmend Sorgen über die steigende Staatsverschuldung bemerkbar. Anleger verlangen dort einen Risikoaufschlag, während der Renditeanstieg bei 10-jährigen Anleihen vor allem auf veränderte Leitzinserwartungen zurückzuführen ist.

So ist etwa in den USA ein hoher Gleichlauf zwischen der Entwicklung 10-jähriger Renditen und den gehandelten Zinstermingeschäften feststellbar. Die Europäische Zentralbank (EZB) dürfte im Juni den Leitzins erhöhen und auch die US-Notenbank Fed könnte im weiteren Jahresverlauf dazu gezwungen werden. Die die Notenbanken können zwar gegenüber dem ölpreisbedingten Inflationsanstieg wenig ausrichten, Doch es gilt, Zweitrundeneffekten entgegenzuwirken. Immerhin sind die Inflationserwartungen (abgeleitet aus inflationsgeschützten Anleihen) zuletzt wieder fest verankert. Dies zeigt, Investoren gehen davon aus, dass die Notenbanken bei der Bekämpfung des Inflationsdrucks erfolgreich sein werden.

  1. Was bedeuten die höheren Renditen für Unternehmensanleihen, werden sie zum Problem?

Die Botschaft der Kreditmärkte ist eindeutig. Die Kreditaufschläge sind nach der Schliessung der Strasse von Hormus kurzfristig um lediglich 45 Basispunkte gestiegen und sind seither um 70 Basispunkte gefallen. Sie liegen damit nahe ihrem Allzeittief. Das bestätigt, dass vor allem die US-Wirtschaft äusserst widerstandsfähig ist. Die Unternehmensgewinne explodieren regelrecht und wachsen seit sechs Quartalen zweistellig, zugleich sinkt die Verschuldung der Unternehmen relativ zum Bruttoinlandprodukt (BIP). Der Markt erwartet also keine Rezessionsrisiken und stuft die Unternehmen als kerngesund ein.

Die höheren Renditen bei Unternehmensanleihen resultieren daher ausschliesslich aus den steigenden Renditen bei Staatsanleihen aufgrund der latenten Inflationsrisiken. Wer von keiner Lösung im Iran-Konflikt ausgeht, fährt mit Floating-Rate-Bonds, bei denen die Verzinsung regelmässig angepasst wird, oder High-Yield-Anleihen mit kurzer Laufzeit am besten.

  1. Für wen und welche Anlagen stellen die gestiegenen Renditen die grösste Bedrohung dar?

Grundsätzlich ist es ein gesundes Signal für die Märkte, wenn Geld einen Preis hat. So wird sichergestellt, dass Kapital dorthin fliesst, wo es produktiv eingesetzt werden kann. Problematisch ist es dann, wenn sich die Renditen in kurzer Zeit zu stark bewegen. Dabei richtet sich der Fokus häufig auf die nominalen Zinsen. Für die wirtschaftliche Bewertung entscheidender sind jedoch die Realzinsen, also die um die erwartete Inflation bereinigten Renditen. Seit Mitte Mai zeigen sie einen deutlichen Anstieg, der bisher anhält.

Renditen sind aber nicht nur für den Anleihemarkt relevant – sie fungieren als zentraler Referenzwert für nahezu alle Anlageklassen. Steigende (Real-)Zinsen verteuern die Kapitalaufnahme für Schuldner, erhöhen aber zugleich die Attraktivität festverzinslicher Anlagen. Dies gilt nicht nur isoliert, sondern insbesondere im relativen Vergleich zu Sachwerten wie Aktien oder Rohstoffen.

Aktien und Unternehmensanleihen konnten zuletzt von positiven Unternehmensnachrichten profitieren und sich dem Renditeanstieg weitgehend entziehen. Bei Gold fehlen derzeit entsprechende Impulse (siehe unten). Ohne unterstützende Faktoren bleibt das Edelmetall im Spannungsfeld höherer Realzinsen anfällig.

  1. Aktien schlagen sich bisher wacker, besonders IT-Werte. Dabei gelten Wachstumsaktien doch als besonders zinssensitiv. Wie hängt das zusammen?

Die Robustheit der Aktienmärkte trotz steigender Zinsen lässt sich durch mehrere Faktoren erklären. Allgemein wird der Markt derzeit vom KI‑Narrativ getragen – besonders in den USA. Erstens wirken die nach oben revidierten Gewinnerwartungen und stärkeren Cashflows im IT-Sektor dem zinsbedingten Bewertungsdruck entgegen. Und obwohl die Marktbewertung erhöht ist, wird sie durch langfristige Wachstumsperspektiven relativiert. Zweitens sind Anleger zudem bereit, unattraktive Risikoprämien in Kauf zu nehmen, solange die Wachstumsgeschichte überzeugt. Drittens machen sich die Anleger keine allzu grossen Sorgen über Leitzinserhöhungen.

Der aktuelle Inflationsanstieg wird eher als vorübergehend eingeschätzt, mit drastischen geldpolitischen Massnahmen wird nicht gerechnet. Der Kipppunkt dürfte erreicht sein, wenn Renditen weiter steigen, ohne dass sich die Gewinnerwartungen parallel verbessern. Bisher ist die Nachfrage robust. Jedoch würde eine nachlassende Nachfrage diesen Effekt zusätzlich verstärken – da höhere Finanzierungskosten dann direkt auf die Margen durchschlagen.

  1. Was bedeutet das alles für Gold?

Seit dem Ausbruch des Irankriegs Ende Februar hat Gold die Gewinne der ersten beiden Monate im Jahr vollständig abgegeben. Aufgrund seiner hohen Liquidität kann es sich bei globalen Krisen dem anfänglichen, breit angelegten Verkaufsdruck nicht entziehen. Erst recht nicht, nachdem die Goldnotiz 2025 um 65 % angezogen hatte. Weil Gold keinen laufenden Zins abwirft, entwickelt es sich in der Regel invers zu Anleiherenditen. Denn steigende Renditen erhöhen die Opportunitätskosten und reduzieren damit die relative Attraktivität des Edelmetalls. (VP Bank/mc/ps)

Die Neubewertung von Inflations- und Zinserwartungen hat folglich zusätzlichen Verkaufsdruck erzeugt. Und das nicht zuletzt, weil spekulative Marktteilnehmer ihre Positionen abgebaut haben. Seither behauptet sich Gold im Bereich von rund 4’500 US-Dollar je Feinunze. Bis es mehr Klarheit bezüglich des geldpolitischen Kurses der Notenbanken gibt, dürfte das kurzfristige Aufwärtspotenzial vorerst ausgeschöpft sein.

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