Was will Arabiens Jugend?

Was will Arabiens Jugend?

Arabische Jugendliche in Dubai: Für sie schliessen sich Fortschritt und Tradition nicht aus.

Dubai – Welche Wünsche und Sorgen stecken hinter Yasmin-Revolution, Mubarak-Sturz und
Protesten in Mittelost und Nordafrika? Der dritte „Arab Youth Survey“, eine Umfrage unter 2,000 jungen Arabern in 10 Ländern, beweist ein dramatisches Verlangen nach Demokatrie und wirtschaftlicher Freiheit. Und er straft die Islam-Kritiker im Westen Lügen, Extremismus und religiöser Fanatismus seien in der arabischen Welt auf dem Vormarsch.

„Nicht Extremismus, sondern Liberalismus und „social and global citizenship“ sind Trends unter Arabiens Jugend“, sagt Nicholas Nesson, Finance Director der PR-Agentur Asdaa Burson-Marsteller in Dubai. Nesson beruft sich in seiner These auf den dritten „Arab Youth Survey“, den Asdaa am Dienstag der Öffentlichkeit vorstellte.

Befragt wurden 2,000 Araber und Araberinnen im Alter von 18 bis 24 Jahren in zehn Nahoststaaten: Ägypten, Jordanien, Libanon, die sechs Golfstaaten und – zum ersten Mal – der Irak. Die Umfrage wurde im 2010 durch geführt und im Februrar 2011 im Licht der Proteste im MENA-Raum auf einen aktuellen Stand gebracht. 74% der interviewten Jugendlichen unterstützen die Demonstrationen. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt in einigen arabischen Staaten über 50%.

Junge Araber wollen Demokratie und mehr Jobs
Demnach stieg das Verlangen in einer Demokratie zu leben, von 60% der Befragten im 2009 auf derzeit 80%. Drei Viertel der Befragten geben zudem an, nach mehr Karriere-Optionen zu streben (gegenüber 60% im 2008). Am meisten drückt den Befragten der Schuh beim Geld: trotz Ölreichtum geisseln 48% die steigenden Lebenshaltungskosten als die momentan grösste Herausforderung, danach folgen Arbeitslosigkeit (34%) und Menschenrechte (26%).

Trotz des Strebens nach Freiheit steht die Trinitas „Eltern, Familie und Religion“ auf dem ersten Platz ihrer Werte-Skala. Politiker und Pop-Stars dagegen sind für 80% der „Young Arabs“ überhaupt keine Vorbilder. Schuld an der Misere im Orient ist also nicht, wie im Westen oft ohne Grundlage behauptet wird, „der Islam“, sondern ein kommunikativer Super-GAU zwischen der Mehrheit der arabischen Bevölkerung und ihren Regierungen. Rund 60% der 300 Millionen Araber sind unter 25 Jahre.

Saudiarabien im Gründerfieber
Das mangelnde Vertrauen in die Politik spiegelt sich auch im immer stärkeren Wunsch der Youngsters wider, der eigene Chef zu werden. Hier führen junge Saudis, neun Zehntel von ihnen träumen davon, einen Start-up in den nächsten fünf Jahren auf die Beine zu stellen. Iraker rangieren hier auf dem letzten Platz, wohl aufgrund der politischen Instabilität im Zweistromland.

Facebook und Twitter immer beliebter
Während die ältere Generation auf die gute alte Zeitung setzt und fernsieht, zieht es die Jüngeren ins Netz. Achtzig Prozent von ihnen nutzen das Internet, 24% mehr als noch im 2009. Der Sturz des ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak im Februar wird nicht von ungefähr auch als „facebook-Revolution“ bezeichnet. „Social networking“ sind im Irak (83%) und am Nil (72%) am beliebtesten, in den Emiraten (49%) und Saudiarabien (36%) dagegen weniger. Als „liberal“ bezeichneten sich im Februar 2011 51% der Befragten, nur 20% als „konservativ“. Eine dramatische Wende gegenüber Januar 2011 (20%/19%).

Ökologie kein Thema
Ein frappierender Unterschied zur Jugend in Europa besteht im mangelnden Interesse an den Themen Schöpfung und Nachhaltigkeit. Zu sehr drückt jungen Erwachsenen zwischen Nil und Tigris an anderen Stellen der Schuh. Arabiens Jugend dürstet nach Visionen und Aktionen für eine prosperierende und demokratische Zukunft.

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