Aberdeen Asset Management: Die USA nach der Wahl

Lucy O’Carroll
von Lucy O’Carroll, Chief Economist, Aberdeen Standard Investments (Foto: Aberdeen)

Aberdeen – Mit etwas Abstand zur den Ereignissen der Wahlnacht gibt Lucy O’Carroll, Chefökonomin bei Aberdeen Asset Management, in ihrer Wirtschafts- und Investmentanalyse einen etwas tiefgreifenderen Einblick in die möglichen Konsequenzen aus der Wahl Donald Trumps zum 45. Präsidenten der USA:

„Er versprach uns einen „Brexit plus plus plus” und genau das hat er geliefert. Trotz aller Umfragen, trotz aller Wetten und unbeachtet der Stimmung im Markt unmittelbar vor der Wahl wird Donald Trump im Januar 2017 als US-Präsident vereidigt. Er wird auch einen republikanischen Kongress hinter sich haben und hat dadurch viel mehr Freiraum für seine Politik als sein Vorgänger. Welche sind also die unmittelbaren Auswirkungen für die Wirtschaft, Politik und Finanzmärkte – und wie könnte es längerfristig aussehen?

Fangen wir mit der Geldpolitik an: Eine Präsidentschaft Trumps könnte bedeutende Auswirkungen auf die US-Zinsen haben, und das potenziell in beide Richtungen …

Alle Wetten auf eine Zinsanhebung in den USA im Dezember sind gecancelt worden. Die US-Fed scheint ihre stimulierende Haltung beibehalten zu wollen, bis mehr Klarheit über die längerfristigen Auswirkungen einer Präsidentschaft Trumps auf die Wirtschaft und Märkte herrscht. Es bestehen jedoch Kräfte, die das Zinsniveau potenziell in die andere Richtung lenken könnten. Zum einen könnte die Kritik Trumps an den Auswirkungen der lockeren Politik der Fed darauf schliessen lassen, dass er „Falken“ auf die beiden leeren Sitzen im Zinsgremium der Notenbank ernennen könnte. Ferner könnte die Vorsitzende Janet Yellen noch vor ihrem offiziellen Ausscheiden im Januar 2018 gehen oder gegangen werden.

Finanzpolitisch muss Trump ebenfalls Aufklärungsarbeit leisten…
Während des Wahlkampfes machte Trump zwei zentrale Versprechen: Steuersenkungen von bis zu 10 Billionen USD und erhöhte Infrastrukturausgaben. Bei beiden könnte er zurückrudern, obgleich ein verstärkter Fokus auf die Finanzpolitik anstatt die Geldpolitik der derzeitigen Stimmung von internationalen Institutionen und vielen Investoren entsprechen würde. Andererseits könnten die Risikoaufschläge auf US-Anlagen steigen, wenn Trump die Gelegenheit nicht nutzt, seine Wahlkampfäusserungen zur möglichen Abschreibung der US-Schulden im Ausland etwas abzumildern – vor allem, wenn Sorgen um ein politisches Eingreifen in die Arbeit der Fed hinzukommen.

Und dann ist da noch das Deglobalisierungsthema …
Strenge Einwanderungsbeschränkungen, höhere Handelszölle und eine Abkehr von Freihandelsabkommen könnten sich äusserst negativ auf das jetzige und potenziell künftige Wachstum Amerikas auswirken. Das tatsächliche Ausmass wird jedoch davon abhängen, inwieweit die Realität der Wahlkampfrhetorik entspricht. Ein „weiches“ Trump-Szenario könnte die Einführung von Zöllen in Höhe von 10-15% auf chinesische und mexikanische Waren enthalten, gepaart mit Vergeltungszöllen auf US-Exporte in ebendiese Länder. Kombiniert man dies mit einer verstärkten Abschiebung illegaler Einwanderer und einem vorübergehenden Vertrauensschock, gehen wir von einer Verlangsamung der US-Wirtschaft infolge schwächerer Inlandsnachfrage aus. Bei einem „harten“ Trump-Szenario ergeben sich höhere Zölle mit einer grösseren geografischen Reichweite nebst noch stärkeren Abschiebungsbemühungen. Durch die Kombination von erhöhter Unsicherheit, wegbrechenden Exporten, steigender Verbraucherpreisinflation und langsamerem Bevölkerungswachstum würde sich das BIP-Wachstum in den USA noch stärker verlangsamen, als dies im „weichen“ Szenario der Fall wäre – zudem wären die Auswirkungen auf die Handelspartner Amerikas noch negativer und weiter verbreitet.

Ausgehend von den bis jetzt gewonnenen Erkenntnissen, klingt Trump versöhnlicher als dies während des Wahlkampfes der Fall war… was uns dazu veranlasst, erst einmal in Richtung eines „weichen“ Trump-Szenarios zu tendieren, obgleich die Detaillierung und der Tonfall der Verkündungen in den nächsten Wochen ausschlaggebend sein werden.

Und wie sieht es mit den Implikationen für die Märkte aus …
Noch besteht Unklarheit über die Politikeinstellung von Trump und insofern herrschte selten soviel Unsicherheit hinsichtlich der künftigen Geld- und Fiskalpolitik in den USA. Demnach kommt die Anhebung bestimmter Risikoaufschläge nicht überaschend. Erhöhte Sicherheit in den kommenden Wochen und Monaten werden die Märkte sicher begrüssen. Investoren dürften grosses Interesse an der Beziehung zwischen Trump und der Fed haben. Die Anleger vertrauen Janet Yellen und der Institution, deren Vorsitzende sie ist. Weitere Angriffe auf die Integrität und Struktur der Fed würden den Märkten wohl nicht helfen.

Angesichts der Nachrichten des Wahltages hätten wir damit rechnen können, dass risikoreichere Anlagen global schwächer tendieren. Allerdings sind die Aussichten für zwei der wichtigsten Anlagen weltweit nuancierter. Sowohl der Dollar als auch US-Staatsanleihen werden eine Steigerung des gefühlten Risikos und die potenzielle Inflationssteigerung gegen die Aussichten niedrigen Wachstums und niedrigere Leitzinsen am kurzen Ende abwägen. Ihre jeweiligen Tendenzen werden wichtige Richtungsweiser für alle Anlagen in den kommenden Monaten sein.

Dennoch sollte man bei allen heute herrschenden Unsicherheiten nicht vergessen, dass die USA nach wie vor ein Land mit einer unantastbaren Rechtsstaatlichkeit, relativ günstigen Demographien und breiten und tiefen Kapitalpools sind. Keines dieser grundsätzlichen Merkmale hat sich infolge des Wahlergebnisses verändert. Das war unmittelbar nach der Wahl so. Und es bleibt auch in Zukunft so. Für Anleger mit langfristigem Horizont sind dies weiterhin die Treiber von Renditen.“ (Aberdeen Asset Management/mc/ps)

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