Allianz: Versicherungsmärkte 2016 – Ohne China ist alles nichts

Oliver Bäte
Allianz-CEO Oliver Bäte. (Foto: Allianz)

München – Nach ersten Hochrechnungen von Allianz Research ist das globale Prämienvolumen im ver­gangenen Jahr auf die neue Rekordsumme von 3.650 Mrd. Euro gestiegen (ohne Kranken­versicherung). Gegenüber 2015 errechnet sich ein um Wechselkurseffekte bereinigter nomi­naler Anstieg von 4,4%. Dies ist auf den ersten Blick unspektakulär: Das Wachstumstempo ist damit zwar etwas langsamer als in den beiden Vorjahren – in denen jeweils eine fünf vor dem Komma stand –, aber es entspricht sowohl dem langjährigen Durchschnitt als auch dem Expansionstempo der Weltwirtschaft. Ein normales Jahr also? Nicht auf den zweiten Blick. Von den rund 150 Mrd. Euro zusätzlichen Prämien entfielen fast 70 Mrd. Euro allein auf einen einzigen Markt: China. Beinahe die Hälfte des letztjährigen Wachstums geht also aufs Reich der Mitte zurück; eine Versicherungswelt ohne China wäre 2016 gerade einmal um 2,7% gewachsen.

Besonders ausgeprägt war der China-Effekt im Lebensgeschäft: Hier hätte sich ohne China das globale Wachstum 2016 von respektablen 4,7% auf 2,3% mehr als halbiert. Dies liegt zum einen an der rasanten Entwicklung in China selbst: Mit über 30% erzielte der chinesi­sche Lebensversicherungsmarkt im letzten Jahr das höchste Wachstum seit 2008. Zwar la­gen die Ausgaben für Lebensversicherungsprodukte pro Kopf mit rund EUR 170 noch weit unter dem Durchschnitt in den Industrieländern, nimmt man jedoch die Versicherungsdurch­dringung als Massstab, d.h. Prämieneinnahmen in Prozent der Wirtschaftsleistung, hat China mit 2,4% bereits die Österreicher überholt und liegt auch in Schlagdistanz zu den angeblich so lebensversicherungsaffinen Deutschen: Hierzulande lag die Versicherungsdurchdringung Leben im letzten Jahr bei 2,7% (was im Übrigen auch deutlich unter dem westeuropäischen Durchschnitt von 4,7% ist). Die chinesische Aufholjagd ist damit aber sicherlich noch nicht zu Ende. Denn die Festlandchinesen müssen ebenso wie ihre chinesischen Nachbarn in Hong­kong und Taiwan verstärkt für ihr Alter vorsorgen: Dort erreicht die Durchdringung internatio­nal absolute Spitzenwerte von 15% bzw. 16%.

Zum anderen ist diese chinesische Dominanz natürlich auch auf die Schwäche der Lebens­versicherungsmärkte andernorts zurückzuführen. In Westeuropa dürften die Prämienein­nahmen 2016 in Summe um 1,2% zurückgegangen sein, das wäre der erste Rückgang seit 2012. Westeuropa steht damit allerdings keineswegs allein da, auch in Teilen Osteuropas (zum Beispiel in Polen und der Tschechischen Republik jeweils das vierte Jahr in Folge) so­wie in Australien (das zweite Jahr in Folge) sind die Märkte im vergangenen Jahr ge­schrumpft. Dem stehen – neben einer soliden Entwicklung in den USA – zweistellige Zu­wachsraten in Russland und der Türkei sowie in vielen asiatischen Schwellenländern – bei­spielsweise Indien, Indonesien oder Vietnam – gegenüber. Insgesamt kletterten daher die weltweiten Prämieneinnahmen im Bereich Leben um schätzungsweise 4,7% auf 2.300 Mrd. Euro. Nach wie vor entfallen damit knapp zwei Drittel der globalen Versicherungsprämien (ohne Kranken) auf das Lebensgeschäft.

Schaden- und Unfallversicherung stabiler
Die Entwicklung in der Schaden- und Unfallversicherung ist seit jeher weniger volatil, die Ausschläge nach oben wie unten fallen deutlich geringer aus als im Lebensgeschäft. So wie­sen auch 2016 nur sehr wenige Märkte – u.a. aber Italien und Japan – negative Wachstums­raten auf. Insgesamt dürften die Prämieneinnahmen im Schaden/Unfall-Segment weltweit ein Plus von 4,0% verzeichnet haben. Dies wäre der schwächste Wert seit 2010, in den fünf Jahren dazwischen lag das Wachstum im Durchschnitt bei über 5%. Die etwas enttäu­schende Entwicklung im letzten Jahr spiegelt jedoch ziemlich exakt die nachlassende Dyna­mik in der Weltwirtschaft und im Welthandel wider – die 2016 ja auch etwas hinter den Er­wartungen zurückblieben. Dies traf nicht zuletzt auch auf China zu, wo das Expansions­tempo der Wirtschaft weiter nachliess und der Sachversicherungsmarkt daher „nur“ mit 9% wuchs – und damit erstmals seit den 1990er Jahren wieder unter der 10%-Marke blieb. Ent­sprechend ist die Abhängigkeit von China im Schaden/Unfall-Geschäft auch deutlich niedri­ger: lediglich ein Fünftel des letztjährigen globalen Wachstums geht auf den chinesischen Markt zurück.

Nach unseren Hochrechnungen verzeichnete Westeuropa im vergangenen Jahr mit 2,1% ein – für seine Verhältnisse – sehr solides Wachstum; nach 2015 ist es erst das zweite Mal seit Finanz- und Eurokrise, dass das Wachstum im Sachgeschäft wieder über 2% lag. In der Gesamtbetrachtung – Leben sowie Schaden/Unfall – steht dennoch eine rote Null für den west­europäischen Versicherungsmarkt zu Buche. Sein Anteil am Weltmarkt ist damit auch 2016 weiter gefallen, auf jetzt rund 27%. Noch vor zehn Jahren lag dieser Wert bei 36%. Der Auf­stieg Chinas und anderer Schwellenländer geht also mit einem schleichenden Bedeutungs­verlust Westeuropas einher. Interessanterweise gilt dies für den nordamerikanischen Markt nicht in gleichem Masse, dessen Weltmarktanteil liegt seit einigen Jahren relativ stabil bei etwa 33%. Zwar rangiert auch dieser Anteil unter dem Vorkrisenniveau, aber der Rückgang ist weniger dramatisch. Dies wird auch im direkten Vergleich deutlich: Während zu Beginn des Jahrtausends die Versicherungsmärkte in Nordamerika und Westeuropa – gemessen am Prämienvolumen – in etwa gleichauf lagen, ist heute der nordamerikanische Markt etwa 20% grösser.

Und was für Westeuropa im Allgemeinen gilt, gilt auch für Deutschland im Speziellen: Deutschlands Anteil am globalen Versicherungsmarkt ist von 6% zu Beginn des Jahrtau­sends auf 4,2% im letzten Jahr zurückgegangen. Immerhin konnte aber Deutschland seinen dritten Rang in Europa – hinter Grossbritannien und Frankreich – verteidigen; weltweit musste es nur China vorbeiziehen lassen. Allerdings könnte Deutschland schon in diesem Jahr von Korea überflügelt werden. In der Pro-Kopf-Betrachtung liegt Deutschland dagegen nur auf einem (enttäuschenden) 18. Platz weltweit, deutlich auch hinter einigen europäischen Nach­barn. So wenden die Deutschen im Durchschnitt pro Jahr nur etwa halb so viel für Versiche­rungen auf wie die Briten; auch die Franzosen (+62%) oder Italiener (+19%) geben deutlich mehr Geld für Versicherungsschutz aus. (Allianz/mc/ps)

Eine interaktive „Allianz Weltkarte der Versicherungsprämien“ finden Sie hier:
www.allianz.com/de/economic_research/research_data/global-insurance-map

Über die Allianz Gruppe
Die Allianz ist einer der weltweit führenden Versicherer und Asset Manager mit 86 Millionen Privat- und Unternehmenskunden. 2016 erwirtschafteten über 140.000 Mitarbeiter in mehr als 70 Ländern einen Gesamtumsatz von 122,4 Milliarden Euro und erzielten ein operatives Ergebnis von 10,8 Milliarden Euro. Die Allianz Gruppe betreute per Ende 2016 ein Investmentportfolio von 653 Milliarden Euro. Hinzu kamen bei unseren Asset Managern AllianzGI und PIMCO über 1,3 Billionen Euro an für Dritte verwaltete Vermögen. Die Kunden der Allianz können auf ein breites Angebot an Versicherungsleistungen zurückgreifen: von Sach- und Krankenversicherung über Assistance-Dienstleistungen, Kreditversicherung bis hin zur Industrieversicherung. Die Allianz ist mit ihren Investitionen in zahlreichen Bereichen aktiv, wie zum Beispiel Anleihen, Aktien, Infrastruktur, Immobilien und erneuerbaren Energien. Die Gruppe setzt auf langfristige und wertbildende Strategien unter Berücksichtigung von Rendite- und Risikoaspekten.

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