BlackRock – Aktueller Blick auf die Märkte: Irrationale Inflationsangst

Martin Lück
Von Dr. Martin Lück, Leiter Kapitalmarktstrategie in Deutschland, der Schweiz, Österreich und Osteuropa bei BlackRock.

Am vergangenen Mittwoch schickte die Veröffentlichung der amerikanischen Inflationszahlen für April Schockwellen durch die Finanzmärkte. Vor allem zinssensible Risikoanlagen wie Technologieaktien gaben nach. Mit 4,2% im Vorjahresvergleich war der Konsumentenpreisindex gegenüber seinem Märzniveau (2,6%) nicht nur massiv nach oben gesprungen, sondern hatte die Marktauguren, die einen satten Sprung um einen vollen Prozentpunkt durchaus erwartet hatten, noch deutlich überrascht. Dazu kam, dass auch die stark beachtete Kerninflationsrate, also der um Energie- und Nahrungsmittelpreise bereinigte Wert, von 1,6% im März auf 3,0% im April gestiegen war, es also nicht stichhaltig erschien, den Preissprung wie noch im Vormonat durch Basiseffekte beim Ölpreis zu erklären. Stattdessen waren die Haupttreiber der Preisentwicklung im April Bereiche wie Flugreisen, Hotelübernachtungen und Mietwagen gewesen, Kategorien also, die über Monate wegen der coronabedingten Lockdowns quasi brach gelegen hatten und nun infolge der Lockerungen wieder Nachfrage verzeichneten.

Genau diese Tatsache zeigt aber, warum wir zurzeit in volkswirtschaftliche Statistiken nicht allzu viel hineinlesen sollten. Wurde vor gut einem Jahr die Wirtschaft pandemiebedingt zum Stillstand gebracht, ermöglicht nun der Impffortschritt eine schnelle Öffnung vor allem vieler Dienstleistungsbereiche, mit dem Ergebnis, dass wir in Wachstums-, Preis- und Umsatzstatistiken exorbitante Anstiege sehen. Zu erinnern sei nur an Chinas für Q1 berichtetes Wirtschaftswachstum von 18,3%. Ähnliches werden wir wohl für Q2 in den USA und in Q3 in Europa sehen. Diese Zahlen sind aber durch die ungewöhnliche Abfolge von Stillstand und Öffnung überzeichnet und dürfen daher nicht überbewertet werden. Fazit: Genausowenig wie BIP-Expansion im zweistelligen Bereich die neue Realität darstellt, sind es Inflationszahlen wie die Aprilwerte aus den USA.

Dabei dürfte es zunächst eher noch extremer werden. Neben den Verbraucherpreisen legten in den USA in der vergangenen Woche auch die Produzentenpreise erheblich zu, um 6,2% gegenüber Vorjahr. Der entsprechende deutsche Wert steht für diesen Donnerstag auf dem Programm, und auch hier rechnet der Ökonomenkonsens mit einer Beschleunigung auf 4,5% (von 3,7% im März). Bereits vor einigen Wochen hatte sich der Jahresanstieg der deutschen Verbraucherpreise auf 2,0% beschleunigt. Der Anstieg von 1,1% im Januar auf 2,0% im April dürfte dabei erst der Anfang sein, denn sobald die öffnungsbedingte Übernachfrage sich über den Sommer und in den Herbst hinein auch hierzulande Bahn bricht, werden deutlich höhere Werte, vermutlich klar über 3%, erreicht werden. Eng korreliert mit dem Ausblick auf eine Phase höherer Preise ist die Temperatur der gesellschaftlichen Inflationsdebatte.

Verständlich in einer Region der Sparer wird immer öfter das Gespenst der ‚finanziellen Repression‘, der ‚verdeckten Steuererhöhungen‘ oder gar der ‚kalten Enteignung‘ an die Wand gemalt. Denn – und dieser Einschätzung ist zuzustimmen – erscheint es unwahrscheinlich, dass die Zinsen den Inflationssprung in voller Höhe mitvollziehen werden, wodurch die Realzinsen vorübergehend weiter sinken dürften. Dennoch wirkt die Panikmache reichlich alarmistisch, spricht doch wenig dafür, dass der Covid-bedingte Inflationsschub sich in eine Lohn-Preis-Spirale übersetzt und damit dauerhaft wird. Viel zu schwach ist mit Blick auf Offshoring und Digitalisierung nach wie vor die Verhandlungsposition des Faktors Arbeit. Auch ist die Dramatik der angeprangerten finanziellen Repression nicht so extrem wie gern dargestellt. Von dem bisherigen Anstieg der deutschen Inflation um 0,9 Prozentpunkte seit Jahresanfang hat die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe etwa die Hälfte kompensiert. Dies ist, wenn auch mit vermutlich abgeschwächter Quote von vielleicht einem Viertel bis einem Drittel, auch für den weiteren Anstieg der Konsumentenpreise in der zweiten Jahreshälfte zu erwarten, mit dem Ergebnis, dass die Verzinsung zehnjähriger Bundesanleihen im Herbst zumindest vorübergehend wieder deutlich positiv werden dürfte.

Populistischer Druck auf die EZB in Wahlkampfzeiten
Längst sind angesichts der Inflationsdynamik Forderungen nach einer Straffung der Geldpolitik zu vernehmen. Anders als in den USA hat die Europäische Zentralbank noch nicht explizit die Vorgaben geändert, nach denen sie ihre Geldpolitik auszurichten gedenkt. Je mehr sich die Wirtschaft also aus der Pandemiekrise befreit, desto eher wird von der EZB erwartet, den Notbetrieb einzustellen. Und weil die Bank in Deutschland immer noch mehrheitlich kritisch gesehen wird, scheint es für Politiker im Wahljahr verlockend zu sein, die Seelen der negativzinsgeplagten Sparer zu streicheln und baldige Zinserhöhungen zu fordern. Die EZB tut aber gut daran, sich auf ihre eigenen Analysen zu verlassen. Denn sobald die Basiseffekte bei BIP und Inflation aus der Statistik verschwinden, wären schärfere Finanzierungsbedingungen Gift für die weitere Erholung im Euroraum. Vieles spricht dafür, dass die EZB den Termin der nächsten Ratssitzung am 10. Juni nutzen wird, um dies unmissverständlich klarzustellen. (BlackRock/mc/ps)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.