Bonjour Tristesse?

Bonjour Tristesse?

Von Dieter Haas, Derivative Partners AG, www.payoff.ch

Frankreichs Wirtschaft ist im Umbruch. Die Revitalisierung ist gestartet, Grosskonzerne profitieren von der Euroschwäche, auch viele Mid-Caps gewinnen an Kraft, doch sind der Arbeitsmarkt und die immer noch grosse Bürokratie starke Sorgenfaktoren. Welche Anlageperspektiven sich bei der Grande Nation derzeit bieten.

Frankreich ist die nach Deutschland zweitgrösste Volkswirtschaft der Eurozone. Im Gegensatz zu unserem nördlichen Nachbarn kommt die Wirtschaft seit der Finanzkrise 2008 nicht auf Touren. Der Hoffnungsschimmer im vergangenen Jahr, als es erstmals seit der Amtsübernahme von Präsident Hollande im Frühjahr 2012 konjunkturell etwas aufwärtsging, ist schon wieder am Verblassen. Der Aussenhandel darbt und die internationale Wettbewerbsfähigkeit reduziert sich laufend. Es erscheint mehr als fraglich, ob die Prognosen des IWF vom Oktober 2015 für die kommenden Jahre eintreten werden. Viel wahrscheinlicher ist eine Fortsetzung des im Vergleich zu den Industrieländern unterdurchschnittlichen Wachstums. Wie stark die Rolle Frankreichs im internationalen Handel gelitten hat, illustrieren die Exportzahlen nach Deutschland. Bis vor Kurzem war die Grande Nation das wichtigste Abnehmerland deutscher Waren, und dies seit mehr als einem halben Jahrhundert. 2015 wurde Frankreich abgelöst durch die USA. Deren Exporte nach Deutschland stiegen um USD 19% auf EUR 114 Mrd., während diejenigen Frankreichs es bloss auf ein Plus von 2,5% und einen Gesamtwert von EUR 103 Mrd. brachten.

Börse und Arbeitsmarkt zeigen Frankreich die gelbe Karte

Die schleichende Malaise Frankreichs lässt sich auch an der Entwicklung der Börsenkurse ablesen. Im Anschluss an die Finanzkrise legte der DAX im Vergleich zum Weltaktienindex überdurchschnittlich zu, während der Performanceindex des CAC-40, des Blue Chips Index unseres westlichen Nachbarstaates, hinter der globalen Messlatte zurückblieb. Ausdruck der fehlenden Dynamik sind u.a. die seit der Amtsübernahme von Francois Hollande steigenden Arbeitslosenzahlen, auch wenn diese sich zuletzt auf hohem Niveau stabilisiert haben. Gemäss Aussagen des französischen Arbeitsministers ist ein Wirtschaftswachstum von mehr als 1,5% vonnöten, damit sich die Lage nicht weiter verschlimmert. Misslingt in den nächsten Monaten eine Revitalisierung der Wirtschaft, dürfte es für die 2017 anstehenden Präsidentschaftswahlen knapp werden. Ohne substanzielle Reformen befindet sich die Wirtschaft Frankreichs auf der Strasse nach Nirgendwo. Emmanuel Macron, der heutige Wirtschaftsminister, sagte einst im Vorfeld der vom Präsidenten eingeführten Reichensteuer, das würde Frankreich in ein Kuba ohne Sonne verwandeln. So weit gesunken ist die Grande Nation noch nicht. Aber selbst der aktuelle Präsident bezeichnete die aktuelle Lage vor allem mit Blick auf den Arbeitsmarkt als besorgniserregend und legte zu Jahresbeginn einen Notstandsplan vor. Bislang allerdings ohne dass sich ein durchschlagender Erfolg gezeigt hätte. Bei den beschlossenen Massnahmen handle es sich laut Nicolas Lecaussin, dem Leiter des Institut de Recherches Economiques et Fiscales in Paris, um alte Rezepte.

«Ohne substanzielle Reformen befindet sich die Wirtschaft Frankreichs auf der Strasse nach Nirgendwo.»

Bürokratie immer noch en vogue

Zur Erinnerung: Vor der Finanzkrise lag die Arbeitslosigkeit in Frankreich bei 7,1%. Das war der niedrigste Wert seit den 80er-Jahren und lag damals unter derjenigen Deutschland von 7,8%. Sieben Jahre später hat sich das Bild komplett gedreht. Während der Wert in Deutschland bis Januar 2016 auf 4,3% gesunken ist, lagen die Zahlen in Frankreich gemäss Eurostat bei 10,2%. Die Chancen auf eine mögliche Wiederwahl von Francois Hollande in gut einem Jahr dürften massgeblich von der Entwicklung am Arbeitsmarkt abhängen. Sollte sich die Arbeitslosigkeit nicht substanziell verringern, droht ein heisses Rennen um die Präsidentschaft mit ungewissem Ausgang. Ein französischer Bankier, der schon längere Zeit in London arbeitet, beschrieb in einem im Februar im Telegraph erschienen Zeitungsartikel die Atmosphäre in London als weitaus offener und globaler.

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Seine in Frankreich verbliebenen Bekannten, die sich ihrem Schicksal ergäben, beklagten sich über Ineffizienzen und Bürokratie, welche die Wirtschaft hemmen. Generell ortet der Top-Banker in seinem Land eine sozialistische Einstellung gegenüber Geschäften. Arbeitgeber und Arbeitnehmer seien in seinem Land so etwas wie Feinde. Wie sklerotisch Frankreich derzeit ist, lässt sich auch am «Doing Business Index» der Weltbank messen. Gemäss diesem sind die Bedingungen für eine Geschäftsaufnahme in Kasachstan oder Usbekistan mittlerweile einfacher als in Frankreich.

Vorsichtige Schätzungen

Selbst in Frankreich ansässige Finanzinstitute sehen wenig Dynamik in den nächsten Monaten. So rechnet der Vermögensverwalter Amundi (siehe auch Interview mit Amundi Chefstrategen Didier Borowski) für 2016 mit einem realen Wachstum des Bruttoinlandproduktes von 1,2% und für 2017 mit einem solchen von 1,1%. Unterstützende Faktoren seien dabei eine Verbesserung des Steuerumfelds, graduelle unternehmensfreundliche Reformen und eine leichte Verbesserung im Immobiliensektor.

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Als Risiken ortet der Chefökonom das fragile Vertrauen der Unternehmen, politische Risiken wegen der hohen Arbeitslosigkeit und eine weitere Verschlechterung der Wettbewerbsfähigkeit. Kurzum keine Rahmenbedingungen für einen Anstieg wie Phönix aus der Asche.

Kann es die EZB richten?

Bis auf Weiteres verbleibt als Hoffnung einzig die EZB. Auch hier verengt sich der Spielraum von Mario Draghi zusehends. Die jüngsten Liquiditätsspritzen, höhere Strafzinsen und umfangreichere Anleihekäufe brachten den europäischen Aktienmärkten keinen neuen Schwung. Seit dem Zwischenhoch Ende April 2015 befindet sich der französische Leitindex CAC 40 im Rückzug. Nach dem Fehlstart zu Jahresbeginn setzte zwar ab dem 11. Februar in Antizipation der EZB-Sitzung vom 10. März eine Erholung ein. Nach dem erhofften Geldregen der EZB erlahmte der Aufschwung jedoch bereits wieder. Für die kommenden Monate droht sowohl aus fundamentaler wie auch aus markttechnischer Sicht eine Fortsetzung der Baisse, zumal unter den Top-10, die rund die Hälfte des Index ausmachen, keine Überflieger auszumachen sind.

Wertstabilere Mid Caps

Aktienanlagen in Frankreich dürften in den kommenden Monaten somit kaum zu den Highflyern der internationalen Szene gehören. Wer sich dennoch in den Markt wagt, der sollte sich an die zweite Reihe halten. Bei einem Vergleich der Performanceindizes CAC-40 und CAC Mid 60 ab 2006 obsiegt eindeutig der Mid Cap Index.

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Führende Titel wie Teleperformance, Eutelsat, Eiffage, Société BIC oder Bollore schlugen sich in den letzten zehn Jahren teils deutlich besser als die Blue Chips.

«Bei einem Vergleich der Performanceindizes CAC-40 und CAC Mid 60 ab 2006 obsiegt der Mid Cap Index.»

Während der Performanceindex des CAC 40 aktuell auf dem Niveau von vor zehn Jahren liegt, erzielte der Mid Cap immerhin ein Plus von rund 40%. Das lag auch an der unterschiedlichen Branchengewichtung. So sind im CAC Mid 60 im Vergleich zum CAC 40 die Sektoren Industrie, zyklische Konsumgüter, Gesundheit und IT übergewichtet und dafür Konsumgüter und Energie untergewichtet. Vor allem Letzteres wirkte sich spürbar positiv aus.

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Des Weiteren trägt die Struktur beim CAC Mid 60 auf Titelebene zu einer besseren Ausgewogenheit bei. Während beim CAC 40 die zehn grössten Titel über 50% ausmachen, davon Total und Sanofi mit jeweils rund 10%, liegt die Konzentration beim CAC Mid 60 deutlich tiefer. Hier liegt das Gewicht der Top-10 bei rund einem Drittel und der Top-2 unter 8%.

Perfekte Anlagen für französische Aktienfans

Die Auswahl von Frankreich-spezifischen Partizipationsprodukten an der SIX hält sich in Grenzen. Für langfristig orientierte frankophile Investoren dürfte das im Dezember 2013 emittierte, endlos laufende Tracker-Zertifikat ETCACM der UBS auf den CAC Mid 60 Index die beste Perspektive bieten. Wer sich dennoch lieber an Blue Chips-Börsenbarometer hält, der findet im Tracker-Zertifikat ETCAC das geeignete Anlagevehikel. Beide Partizipationsprodukte verrechnen bislang keine Managementgebühren. Unter den an der SIX kotierten ETFs finden sich mit C40 und CBCAC nur solche auf den CAC 40. Mit IFRE setzt BlackRock auf den MSCI Frankreich Index als Basiswert. Dieser ähnelt vom Charakter dem Blue Chip-Börsenbarometer CAC 40. Im Unterschied zu diesem umfasst er zwar fast doppelt so viele Titel und die Dominanz der Top-10-Werte ist etwas geringer. Auf die Performance hatte dies in der Vergangenheit aber keinen entscheidenden Einfluss. Sie verlief seit Januar 2006 praktisch parallel zum CAC 40. Sehr gewagt und nur für spekulativere Gemüter ist der zweifach gehebelte ETF CBCACL auf den CAC 40. Seit April 2015 ging es mit ihm stetig bergab. Er sollte nur zu Beginn einer Hausse ins Kalkül gezogen werden. Unsere aktuelle Empfehlung lautet im Zusammenhang mit dem CAC40: Hände weg von Leveraged-Produkten auf diesen Index!

Short-ETF bis dato auf der Gewinnseite     

Attraktive Kaufkandidaten sind die beiden Short-ETFs CBCACS. Die in CHF und EUR gehandelten passiven Indexfonds sind seit Juli 2010 in der Schweiz kotiert. Ihre auf täglicher Basis bestimmte Wertentwicklung des CAC 40 Short Index entspricht ungefähr der inversen Entwicklung des CAC 40 Gross Total Return Index. Eine negative Veränderung des französischen Blue Chip-Börsenbarometers führt zu einer positiven Veränderung ungefähr gleichen prozentualen Ausmasses bei CBCACS. Sollte sich der Abwärtstrend fortsetzen, spräche, zumindest auf mittlere Sicht, einiges für die Short-Variante. Nach dem schwachen Start ins neue Jahr haben die Bären die Überhand gewonnen und werden das Heft nicht so schnell aus der Hand geben, zumal der schleichende Niedergang Frankreichs in den kommenden Jahren anhalten dürfte.

«Attraktive Kaufkandidaten sind die beiden Short-ETFs CBCACS

Passende Mini-Futures für risikobewusste Trader

Risikobewusste Trader finden an der SIX Structured Products Exchange rund zwei Dutzend Mini-Futures auf den CAC 40 Kursindex. Als Emittent ist im kotierten Marktsegment einzig die BNP Paribas aktiv. Sie offeriert eine ausreichende Palette sowohl für vorsichtige als auch für aggressivere Trader. Wer glaubt, dass die Bewegung nach Süden anhält, setzt mit dem Mini-Future Short CACJBP auf fallende Kurse. Bei einer Wende nach oben ist das Long-Gegenstück CACNB die richtige Wahl. Beide werden in CHF gehandelt und ihre Stop-Loss-Limiten liegen ausreichend weit entfernt vom aktuellen Kurs des Basiswertes. Im ausserbörslichen Handel von Swiss Dots finden sich dank der Commerzbank rund 20 Mini-Futures auf den CAC 40. Mithilfe des Produktfinders von www.payoff.ch gelangen interessierte Anleger schnell ans Ziel.

 Grosse Hoffnung auf Reformen

Aus derzeitiger Sicht ist klar: Aktieninvestitionen in Frankreich bleiben ein steiniger Boden. Sofern die jetzt angebahnten Reformvorhaben innerhalb des Zeitplans umgesetzt werden, hat Frankreichs Wirtschaft die realistische Chance, eine historische Weichenstellung in Richtung Wachstum und Flexibilisierung geschafft zu haben. Sollten aber politisch inspirierte Bremser die Oberhand gewinnen und weite Teile der Reformen abschwächen, droht eine starke Tristesse. In Bezug auf Einzelaktien finden sich nur wenige Trouvaillen, auf Indexebene überzeugt mit Abstrichen nur der CAC 60 Mid – ansonsten herrscht vorwiegend Dürre. Die besten Erfolgsaussichten für taktische Anleger bieten Mini-Futures, bis dato versprechen sogar Short-Produkte mehr als Long-Produkte. Diese sollten jedoch nur von geübten Anlegern eingesetzt werden. Dabei spielt das richtige Timing eine zentrale Rolle. Wie auch beim Start von Reformen.

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