Chinas Aktienmarkt steht vor einer Wende

Chinas Aktienmarkt steht vor einer Wende

(Foto: Credit Suisse).

Der chinesische Aktienmarkt hat eine dreijährige Durststrecke hinter sich. Mit der neuen Regierung ist jedoch die Skepsis der Anleger einem vorsichtigen Optimismus gewichen. Die Zeichen stehen auf nachhaltiges Wachstum.

Von Adrian Zürcher, Investment Strategist Credit Suisse

Die Wahl des neuen starken Mannes in China, Xi Jinping, im November dieses Jahres verlief unspektakulär – der Machtwechsel war gekonnt von langer Hand vorbereitet. Die oft gestellte Frage, ob diese neue Führungsgeneration nun gewillt sei, mit signifikanten Strukturreformen das Land in eine neue Ära zu führen, ist müssig. Sie hat angesichts der sich dahinschleppenden Finanzkrise im Westen schlicht keine andere Wahl, als den Fokus verstärkt auf die Binnennachfrage zu legen.

Der Mythos des chinesischen Aussenhandels
Die scheidende Regierung unter Hu Jintao hat in den letzten zwei Jahren die Weichen für Reformen bereits gestellt. Schon 2011 hat der Konsum am stärksten zum BIP-Wachstum beigetragen, gefolgt von den Investitionen. Gleichzeitig ist der Aussenhandel gar geschrumpft – ein guter Gegenbeweis für die oft gehörte These, dass das chinesische Wirtschaftswachstum exportgetrieben sei. Der Trend hat sich in den ersten drei Quartalen von 2012 bestätigt. Der Konsum ist in dieser Periode um 4,2 Prozent angestiegen, die Investitionen um 3,9 Prozent, während die Nettoexporte das Wirtschaftswachstum um 0,4 Prozent verminderten. Insgesamt resultierte ein Wachstum von 7,7 Prozent.

Abkehr vom Wachstum um jeden Preis
Diesen eingeschlagenen Weg will die neue Regierung weiterführen. Der neue Generalsekretär Xi Jinping hat entsprechend den Fokus auf Nachhaltigkeit und Stabilität der makrowirtschaftlichen Politik gelegt. Dies verkündete er im Rahmen der Arbeitskonferenz für Wirtschaft vom letzten Dezember. Zuvor lag der Fokus bei dieser Veranstaltung jeweils auf einem kontinuierlichen und relativ hohen Wachstum. Den Umbau der Wirtschaft hin zu einem qualitativeren Wachstum soll insbesondere durch Innovationen und Reformen geschehen. Ein wichtiger Baustein ist dabei die Urbanisierung: Millionen von Wanderarbeitern soll die Chance gegeben werden, sich fest in den Städten niederzulassen. Das würde auch eine soziale Lücke füllen, da viele Sozialleistungen in den Städten nur ansässigen Bürgern gewährt werden.

Trinkwasser statt gekrümmte Brücken
Ein weiterer Eckpfeiler der neuen Wachstumspolitik ist die gezieltere Verwendung von Regierungsgeldern für Infrastrukturprojekte. Die Lehren aus 2008, als die Regierung mit einem Mammut-Konjunkturprogramm zwar die Wirtschaft ankurbelte, jedoch gleichzeitig eine Spekulations- und Kreditblase verschuldete, sitzen immer noch tief. Man will daher weniger investieren, jedoch fokussierter. Xi Jinping will vor allem Prestigebauten in den Städten zurückfahren und stattdessen den Schwerpunkt auf die Lebensgrundlagen richten. Also weniger Mega-Brücken wie in diejenige in Qindao, die man absichtlich gekrümmt gebaut hat, damit sie auch ja die längste Meeresbrücke der Welt ist, dafür beispielsweise mehr Projekte für die Trinkwasserversorgung – immer noch sind 300 Millionen Chinesen ohne direkten Trinkwasserzugang.

Weniger Wachstum, dafür nachhaltiger
Das neue Führungsgremium scheint also ein langsameres Wachstum zugunsten von mehr Qualität und einem grösseren Fokus auf die Binnennachfrage zu akzeptieren. Anders, als von vielen westlichen Medien wiedergegeben, muss China seinen Konsum nicht ankurbeln – dieser läuft bereits auf Hochtouren, was sich seit Jahren in zweistelligen Wachstumsraten der Einzelhandelsumsätze widerspiegelt. Vielmehr wird die Regierung ihre Investitionstätigkeit kürzen müssen. Fällt der Wachstumsbeitrag der Investitionen am Gesamtbruttoinlandprodukt, steigt der Anteil des Endkonsums automatisch an. Die Konsequenz aus diesen Bestrebungen bedeutet jedoch, dass das wirtschaftliche Leistungspotenzial in den kommenden Jahren von aktuell 7-8 Prozent allmählich in Richtung 5-6 Prozent sinkt. Dies ist jedoch eine strukturelle Anpassung, die sich erst im Laufe des kommenden Jahrzehnts niederschlagen wird.

Das Gespenst der harten Landung ist gebannt
Trotz dieser Verlangsamung bleibt das Wachstum in China wesentlich höher als im Westen. Auch andere strukturelle Vorteile wie die deutlich geringere Verschuldungsquote bleiben bestehen. Zudem wird die Ausbalancierung der chinesischen Wirtschaft in Richtung Binnenkonsum äusserst professionel umgesetzt. Auf die Attraktivität des chinesischen Aktienmarktes dürfte sich dies positiv auswirken: Der Machtwechsel ist über die Bühne, der Reformwille ist sichtbar, die wirtschaftliche Marschroute definiert und das Gespenst einer wirtschaftlich «harten Landung» angesichts der aktuellen Konjunkturdaten vom Tisch.

Anleger wenden sich wieder vermehrt China zu
Die jüngsten Daten signalisieren gar erste Anzeichen einer moderaten Beschleunigung innerhalb des aktuellen Mini-Konjunkturzyklus. So sind Einzelhandelsumsätze, Industrieproduktion, Geldmenge (M2), Investitionen, Häuserpreise und der offizielle Einkaufsmanagerindex über die letzten drei Monate angestiegen. Der vielbeachtete HSBC-Einkaufsmanagerindex ist letzten Monat ebenfalls über die Wachstumsgrenze von 50 geklettert – das erste Mal seit November 2011. Gleichzeitig ist die Inflation tief und das reale Einkommen wächst weiterhin zweistellig. Die Bewertungen des chinesischen Aktienmarkts sind aufgrund einer dreijährigen Unterrendite im internationalen Kontext sowie auch im historischen Vergleich tief. Wir sehen deshalb positives Überraschungspotenzial in 2013. Dies dürfte die Marktstimmung positiv beeinflussen, so dass viele Anleger wieder Investitionen in China suchen – zumal die makropolitischen Unsicherheiten in den USA und Europa deutlich höher sind.

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