Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen: 100% Prognosen

Martin Neff
von Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: Raiffeisen)

St. Gallen – Würden Sie nein sagen, wenn Sie die Lottozahlen der kommen­den Ziehung im Voraus bekommen könnten? Eben – das wäre ja Geld aus dem Fenster werfen! Nur: eine solche Chance gibt es leider nicht im Leben. Und doch wird gezockt, was das Zeug hält. Lotto oder Glückspiele sind zeitlos, es gab sie schon immer und obwohl die Chancen auf einen satten Gewinn extrem tief sind, sind viele Menschen dem Spiel verfallen. Hierzulande stimmen wir am 10. Juni deshalb zum Thema Spielsucht ab. Offenbar neigt in der Schweiz fast ein Prozent der Bevölkerung zum exzes­siven Spiel mit hohen Einsätzen. Die Folgen sind oft dramatisch. Keine Suchtkrankheit generiert mehr Suizide als die Spielsucht.

Auch an der Börse wird bekanntlich um viel gezockt. In den USA werden die dort angewandten Spielregeln gerade gelockert. Der grosse Unterschied zwischen Börse und reinem Glücksspiel liegt darin, dass bei ersterer die Einsätze um ein vielfaches höher sind und sich gleich ein Heer von Spezialisten damit beschäftigt, wo schnelles Geld verdient werden könnte. Immer wieder treten ein paar aus dieser Schar hervor und warten mit dem todsicheren Tipp auf. Die beliefern sozusagen ihre Kunden exklusiv schon im Vorfeld der Ziehung mit den Lottozahlen oder können Ihnen ex­akt voraussagen, wann die Null im Roulette dran ist. Schön wär’s zwar, aber das können Sie natürlich getrost vergessen. Der Ana­lyst, der wirklich einen todsicheren Tipp geben könnte, wäre doch blöd, würde er diesen kundtun. Nehmen wir einmal an, Sie wüssten tatsächlich die Lottozahlen vom kommenden Wochen­ende. Würden Sie die tatsächlich verbreiten, damit möglichst vie­le davon profitierten? Nein, denn Sie wissen, dass der Gewinn gegen Null strebt, wenn es zu viel Sechsen gibt. Also vergessen Sie den mit dem todsicheren Tipp. Wobei natürlich schon Geld verdient werden kann mit todsicheren Tipps, nur keins gewon­nen. Ganz genauso wie das Casino in jedem Fall verdient.

Wetten, dass?
Das ist natürlich nichts weiter Neues. Mit Ausnahme der wenigen Spielsüchtigen, von denen es an der Börse wahrscheinlich noch mehr gibt als sonst wo in der Welt, weiss jeder Mensch, dass Glück nicht käuflich ist. Also lassen sie besser die Finger von tod­sicheren Tipps. Um Prognosen, zu meinem Leidwesen auch mein Metier, steht es nicht viel besser. In gut einem Vierteljahrhundert habe ich viel um nicht zu sagen alles Denkbare versucht, um die Prognosequalität zu steigern. Trotz aller Mühe war das Ergebnis recht bescheiden. Ob quantitativ mit aufwendigen Modellen oder qualitativ unter Berücksichtigung sogenannter Plausibilitä­ten, an Punktprognosen scheiterten letztlich alle Anstrengungen. Dennoch werden solche heute im Markt nachgefragt und natür­lich würde kein Ökonom eines einigermassen renommierten Ins­titutes ehrlich eingestehen, wieviel Unsicherheit eigentlich hinter seinen Prognosen steht. Wenn Prognoseinstitute ihr Frühjahrs- oder Herbstgutachten publizieren dann ist das eher eine Art Schaulauf der Wettbüros als eine zuverlässige Extrapolation der Zukunft. Zum Glück gibt es die Statistik.

Konsens?
Denn wenn man schon weiss, dass Prognosen der verschiedenen Institute nicht viel taugen, sucht man natürlich anderswo halt. Man addiert daher alle Prognosewerte und dividiert das Ergebnis durch die Anzahl der Prognostiker. Man landet dann bei einem Mittelwert, oder vornehmer ausgedrückt beim sogenannten Marktkonsens(us). Sogenannte Konsensprognosen erfreuen sich durchaus einer gewissen Beliebtheit. Im Wissen, dass Volltreffer ohnehin selten sind, folgt man einem Wert, der nur leider oft genauso schnell überholt ist, wie die verschiedenen Prognose­werte aus denen er errechnet wurde. Konsensprognosen sind für mich die oberste Stufe der Feigheit, denn da verlässt man sich noch viel stärker auf andere. Da man keinem einzelnen Prognos­tiker vertrauen möchte, stützt man sich auf einen Durchschnitt aller wenig vertrauenerweckenden Prognosen ab. Wenn dann aber doch der schwarze Schwan kommt, reden sich alle damit heraus, dass ja auch alle anderen nur mit weissen Schwänen rechneten. Konsens in der Politik mag ja gut sein. Aber Konsens in der Wirtschaftsprognose macht nur so viel Sinn, dass Konsens­werte meist näher am Istwert liegen als manche prognostizierte Extremwerte. Dumm nur, dass in vielen Fällen ausgerechnet ein solcher Extremwert richtig ist. Die Tatsache, dass es bei Wetter­vorhersagen keinen Konsens gibt, spricht Bände. Wer plant schon an einem Sommerwochenende einen Badeplausch am See, wenn der Wetterkonsensus eine Temperatur von 18 Grad verspricht? Bei einer Bandbreite von 11 bis 29 Grad notabene.

Langfristig sind wir alle tot
Es gibt natürlich auch sichere Prognosen. Nur muss man dann eigentlich von Wissen sprechen. Dass wir alle irgendwann einmal sterben, ist bekanntlich eine 100%ig sichere Prognose. „In the long run we are all dead” ist nicht umsonst die am meisten zitier­te Formulierung des berühmtesten klassischen Ökonomen John Maynard Keynes, der schon früh zur Erkenntnis gelangte, dass ökonomische Prognosen nicht viel taugen. Ganz im Sinne von „after the sun comes rain again“. Das mag wahr sein, interessiert aber wenig, denn wir wollen wissen, was bald geschieht und nicht in weiter Ferne. Dazu wage ich heute zwei Prognosen oder besser gesagt gehe ich zwei Wetten ein:

1. Der nächste Crash an der Börse kommt bestimmt und zwar nicht in „the long run“. Und 2. Auslöser wird einmal mehr die Verschuldung sein, sprich zu dünne Eigenmitteldecken, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert. Auf der Suche nach möglichen Herden wird man gleich mehrfach fündig. In den USA liegt die Staatsverschuldung bei über 100% der Wirtschaftsleistung. In Japan noch viel höher, in Europa nur geringfügig darunter. Weltweit haben Firmen fast 70 Billionen Dollar Schulden angehäuft. China liegt da sogar an der Spitze. Firmenübernahmen werden fremdfinanziert, Studenten­kredite sind wieder en vogue, an den Finanzmärkten wird mit fremdem Geld spekuliert und die Kreditexpansion ist wegen der laxen Geldpolitik weiterhin exzessiv. Dank dieser Politik geraten wir mehr und mehr auf Abwege, was selbst der stets den Proble­men hinter her hinkende Internationale Währungsfonds Ende letzten Jahres festgehalten hat. Mal sehen, was Herr Draghi nun macht, wenn die Märkte die Nase endgültig voll haben von dem italienischen Polittheater. Ausgerechnet uns wird das wieder am meisten wehtun. Der Franken ist bereits wieder gesucht. Von we­gen Entspannung an der Währungsfront. Wir müssen hierzulan­de mal wieder alles ausbaden. (Raiffeisen/mc/ps)

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