Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen: Loch oder Krater

Martin Neff
von Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: Raiffeisen)

Von Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen (Foto: Raiffeisen)

St. Gallen – Was war denn das für ein Start in den Oktober? Bis Ende September sah es ganz danach aus, dass sich der Swiss Market Index (SMI) endlich über der Marke von 8‘800 Punkten halten kann. Doch dann sackte der Schweizer Leitindex innerhalb von zwei Wochen auf vorübergehend 7870.89 (Tagestief am 16.10.2014) ab. Die bis Ende September mühsam über das Jahr angesammelte Performance war in zwei Wochen mit dem Einbruch um 11% fast komplett weggeschmolzen und viele Anleger waren zu recht erschrocken ob der Heftigkeit dieser Korrektur.

Ausgehend von Konjunkturängsten um Europa sowie den damit verbundenen Befürchtungen, die Eurokrise könne sich zurück melden exerzierten die Finanzmärkte vor, was uns erwartet, wenn ihre Erwartungen nicht erfüllt werden. Dann kann alles sehr rasch ins Rutschen kommen. Auch wenn sich die Kurse wieder erholt haben und der SMI bei einem Stand von über 8‘500 Punkten ins Wochenende ging, dürfte es an den Börsen vorerst volatil weitergehen. Der Herbst kann zu einem heissen Herbst werden, in jeder Hinsicht.

Woher der Stress nicht kommt
Der Stress kommt nicht vom eben abgeschlossenen gleichnamigen Test des Europäischen Bankensektors. Die Kapitalausstattung von 25 der 130 getesteten Banken wurde zwar beanstandet, wovon allein 9 aus Italien stammen. Das liegt aber am unteren Rand der Erwartungen und 12 Banken erfüllen mittlerweile bereits die geforderte Eigenmittelausstattung. Die übrigen 13 Banken haben nun zwei Wochen Zeit, das nötige Kapital aufzutreiben und der EZB entsprechende Massnahmen zur Stärkung ihrer Widerstandskraft aufzuzeigen. Ob das genügt, das Vertrauen in den Bankensektor Europas insgesamt wiederherzustellen, ist zwar zweifelhaft. Denn die Asset Quality Reviews brachten auch die wahre Höhe der faulen Kredite ans Tageslicht. Im Wert von beinahe 900 Milliarden Euro haben die europäischen Banken solche in ihren Büchern. Dennoch dürften die Finanzmärkte die Baustelle Europabanken fürs erste einmal abhaken. Akute Gefahr besteht schliesslich keine.

Auch ein explosiver geopolitischer Cocktail bestehend aus Krieg in der Ukraine, Terror im Nahen Osten, einer instabilen Lage im arabischen Raum insgesamt oder sonst wo aufkeimenden Unruhen wie jüngst in Hongkong wird kaum mehr Stress verursachen als bisher. Die Märkte werden zwar intensiv damit beschäftigt sein, die Weltpolitik zu verdrängen, das aber mehr oder weniger erfolgreich tun so lange sich keine Eskalation abzeichnet – so wie das ganze Jahr über. Auch die bisher einigermassen soliden Quartalsabschlüsse der börsenkotierten Unter-nehmen, die nicht enttäuschten aber auch nicht zu entzücken vermochten, sind kaum Quellen zukünftigen Stresses. Die Kurse scheinen nach unten sogar recht gut abgesichert.

Woher der Stress kommt
Wenn überhaupt kommt der Stress wieder einmal aus Amerika und zwar dann, wenn Janet Yellen endlich Klartext spricht. Sie muss endlich den Märkten sagen, wann und wie viel sie an der Zinsschraube dreht und nicht unter welchen Voraussetzungen sie das in unbestimmter Zeit in Betracht zieht. Die ganze Finanzwelt wartet darauf, wann sie das genauso herbeigesehnte wie gefürchtete Ende der sechsjährigen Flut am Geldmarkt endlich herbeiführt. Die zaghafte Art, wie sich die amerikanische Notenbankchefin an diesen Moment der Wahrheit herantastet zeigt klar: sie weiss, dass sie da eine äussert heikle Mission vor sich hat.

Zinswenden waren schon immer schwere Kost für die Finanzmärkte. Sie wurden aber stets verdaut, wenn die Realwirtschaft genügend Robustheitssignale sendete. In Europa ist von solcher Robustheit dermassen wenig zu spüren, dass die EZB Mitte Jahr den europäischen Zinszyklus vom amerikanischen abgekoppelt hat. Das ist nachvollziehbar. Der US-Dollar hat seitdem kräftig zugelegt, da die Märkte dies antizipierten und sich Amerika zuwandten. Allmählich fragen sich die Märkte aber zu-nehmend, auf was Frau Yellen noch wartet. Ihr Zaudern hat die Akteure am Bondmarkt dazu ermuntert, am längeren Ende der Zinskurve nochmals eine Rallye zu veranstalten. Kurzfristig sank die Rendite für zehnjährige amerikanische Staatsanleihen Mitte Oktober unter 2%. Das brachte die Volatilität zurück an die Märkte, die trotz der aktuellen Beruhigung seit Sommer 2012 nicht mehr so hoch gewesen war. Es entfernte die Märkte aber auch weiter von der Zinswende, mit der sie sich erst einigermassen abgefunden hatten. Von einer Zinswende, die längst überfällig ist, da das Wachstum hoch, die Leistungsbilanzdefizite reduziert wurden und der Arbeitsmarkt stabilisiert scheint. Eine Zinswende, die gleichzeitig aber auch als nicht nötig taxiert wird, da sich die Inflationsrate noch immer unter 2% bewegt. Das macht die Geldpolitik der USA zusehends unberechenbar und die Fed-Chefin täte gut daran, diese Abwägung abzuschliessen. Und zwar besser im laufenden als im kommenden Jahr. Ich bin sicher, dass früher den Märkten besser täte als später, denn das Signal wäre eine gute Diagnose der US-Konjunktur. Die Wirtschaft ist nach langer Krankheit über den Berg und kann nun wieder alleine gehen. Das wäre ein starkes Signal, nach sechs Jahren geldpolitischer Stütze, und zwar eines zum Kauf. (Raiffeisen/mc/ps)

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