Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen: Oberflächlich aber schnell

Martin Neff
von Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: Raiffeisen)

Von Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen. (Foto: Raiffeisen)

St. Gallen – Der Oktober war ein Nullsummenspiel an der Börse. Dafür kostete er jede Menge Nerven. Da war zunächst der Absturz der Kurse, der Swiss Market Index (SMI) fiel innert zwei Wochen um mehr als 10% auf vorübergehend unter 8000 Punkte. Danach setzte er zu einer fulminanten Aufholjagd an, die ihn wieder in die Nähe des Jahreshöchst 2014 katapultierte. Weder der Absturz, noch die markante Korrektur nach oben lassen sich rational begründen. Es gab natürlich den üblichen Fluss von Konjunkturindikatoren und dazu noch etliche Quartalsabschlüsse börsenkotierter Unternehmen, die in der Regel für Bewegung der Kurse sorgen. Aber weder der massive Absturz noch der ebenso markante Rebound im Oktober lassen sich fundamental mit diesen Daten erklären. Die Meldungen waren über alles betrachtet weder sonderlich enttäuschend noch überraschend positiv. Auch wenn es wieder genug Experten gibt, die wortgewandt erklären, was da genau passiert ist. Rational war das nicht, nie und nimmer.

Die Reaktion des Marktes war zwar schnell, aber offensichtlich nicht fundiert oder um es böse auszudrücken: oberflächlich. Und das sollte für alle eine Warnung sein, dass die Crashgefahr zunimmt. Natürlich gibt es für Anleger kaum Alternativen zu Aktien, das heisst aber nicht, dass sich die Aktienmärkte komplett von der realwirtschaftlichen Entwicklung abkoppeln können, oder doch?

Realitätsverlust
Im Studium lernte ich, dass die Finanzmärkte der wahre Puls der Wirtschaft seien, weil sie äusserst sensibel das vorweg nähmen, was die reale Wirtschaft in naher Zukunft erwarte. Zudem sei die Preisbildung an den Märkten höchst rational, da sie vollständig transparent erfolge und jegliche marktrelevante Information eins zu eins und unmittelbar in den Kursen Berücksichtigung fände. Hätte die Theorie recht, würde der globale Wirtschaftsmotor gehörig brummen heute. Das ist aber überhaupt nicht der Fall.

Seit dem Tiefpunkt im März 2009 haben sich die Aktienkurse weltweit verdoppelt, teilweise sogar verdreifacht. Auch wenn ein Teil dieser atemberaubenden Gewinne mit dem Basiseffekt begründet werden kann, weil die Lehman-Pleite die Kurse übertrieben stark in den Keller getrieben hatte, müsste die Realwirtschaft heute einiges stabiler da stehen, als dies tatsächlich der Fall ist. Wir müssten einen eigentlichen Wirtschaftsboom erleben. Hohes Wachstum, niedrige Arbeitslosigkeit bei allmählich anziehender aber (noch) nicht besorgniserregender Inflation, begleitet von einer Reduktion der aus dem Ruder gelaufenen öffentlichen Verschuldung. Faktisch stehen wir aber zumindest in Teilen Europas wieder am Rande einer Rezession, die öffentliche Verschuldung nimmt auf besorgniserregendem Niveau weiter zu, im Süden der Eurozone ist fast jeder Vierte ohne Arbeit und die Hälfte der Jugendlichen ohne Lehrstelle. In den USA, deren Börsen-Leitindex auf historischem Höchststand notiert, blickt man derzeit immerhin auf ein robusteres Wachstum und einen sich erholenden Arbeitsmarkt. Die Staatschulden sind aber auch dort nicht unter Kontrolle, die Infrastruktur veraltet und die soziale Ungleichheit weiter fortgeschritten. Von den geopolitischen Unsicherheiten ganz zu schweigen. Kein Grund also für eine solche Partylaune an den Finanzmärkten.

Opium für die Finanzmärkte
Inzwischen wissen wir, dass das, was wir im Volkswirtschaftsstudium mal lernten, nicht mehr stimmt. Seit der Eskalation der Finanzkrise haben wir immer Reaktionen der Märkte gesehen, wie sie im Lehrbuch nicht vorgesehen sind. Gute Meldungen von der Konjunkturfront lösten paradoxe Kurskorrekturen aus, schlechte Meldungen von derselben wurden ignoriert oder trieben sogar die Kurse, weil damit Hoffnungen auf eine weitere Lockerung der Geldpolitik verbunden wurden. Das Manna der Finanzmärkte ist nicht mehr die realwirtschaftliche Performance und damit einhergehende Gewinnsteigerungen der Unternehmen, längst nicht mehr. Sonst stünden die Börsenindizes nicht da, wo sie heute stehen. Die Märkte sind historisch hoch bewertet, sprich Aktien sind gemessen am realwirtschaftlichen Umfeld teuer, aber seit die Geldpolitik die Weltmärkte regiert, verlassen sich die Investoren fast blind darauf, dass die Währungshüter einen Absturz der Kurse jederzeit abwenden können. Das ist naiv, um nicht zu sagen dumm. Die Relevanz von Marktsignalen adäquat einzupreisen ist eine Kunst, die nur wenige beherrschen. Sich blindlings auf billiges Geld zu verlassen, ist hingegen keine Kunst, sondern ein Instinkt, der einzig auf dem Prinzip Hoffnung aufbaut und durch eine Portion Gier zusätzlich intensiviert wird. Doch damit fuhr man gut die letzten Jahre. Schliesslich haben es die Notenbanken stets gerichtet, wenn die Kurse ins Rutschen kamen, in dem sie für die überschuldeten Staaten Zeit kauften und der Börse «falsche» Hoffnung gaben. Opium für die Finanzmärkte sozusagen. Jüngstes Beispiel Japan, wo die enthemmte  Öffnung der Geldschleusen dem Nikkei förmlich Flügel verlieh und den Yen auf ein neues Sechsjahrestief schickte, obwohl es in Japans Realwirtschaft immer düsterer aussieht. Die Märkte reagierten aber schnell auf das Signal der Bank of Japan, schnell aber oberflächlich.

Wenn die Bank of Japan nachlegen muss, die EZB sich gedanklich mit einem QE (insbesondere Ankauf von Staatsanleihen) beschäftigt und die Federal Reserve sich nicht traut, endlich Farbe zu bekennen und den Zeitpunkt einer ersten Zinserhöhung zu konkretisieren, müssten sich die Märkte doch fragen, ob sie sich da wirklich auf die Richtigen verlassen. Aus Angst vor einer enttäuschenden Antwort tun sie das aber nicht.

Der in der Theorie so perfekt funktionierende Finanzmarkt will die Wahrheit nicht hören und die Realität möglichst weit(er) verdrängen. Dank dem Opium der Geldhüter und stetig steigender Dosierung gelingt das. Damit ist der professionelle Finanzmarktakteur definitiv auf der Stufe des Otto Normalverbrauchers angekommen, dem längst  Sportergebnisse, schwachsinniges «Twittern» von Stars und Sternchen, Freunde auf Facebook oder das Fernsehprogramm von morgen wichtiger sind als seine Perspektiven für die Zukunft.  (Raiffeisen/mc/ps)

 

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