Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen: Realistischer Optimismus

Martin Neff
von Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: Raiffeisen)

Von Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen (Foto: Raiffeisen)

St. Gallen – Seit «Wir schaffen das» weiss jeder in Europa, dass es mit dem Willen allein nicht getan ist, eine Einheit zu bilden. Genauso wie jeder weiss, dass Politiker lieber von Visionen reden, als sich mit zwar dringenden, aber eben nur Alltagsproblemen zu beschäftigen. Das grosse Bild zählt. Mitunter laufen aber auch Ökonomen Gefahr, den Blick zu weit in die Zukunft zu werfen. Aber nicht, um damit etwas von dem Glamour, der die visionären, sogenannten Trendforscher umgibt, zu spüren.

Wenn Ökonomen des IWF finden, Griechenland die Schulden bis in eine gefühlte Ewigkeit stunden zu müssen, und die Zinszahlungen auf maximal 1.5% zu beschränken, dann ist dies eine recht verzweifelte Massnahme, genauso wie die Hoffnung, Griechenland könne im Schnitt der kommenden Jahre 3% Primärüberschuss erwirtschaften. Trotz der massiven Kritik an der Haltung der europäischen Geldgeber hat sich der IWF laut den jüngsten Verhandlungsergebnissen anscheinend doch erneut überreden lassen, am dritten Hilfsprogramm finanziell teilzunehmen. Dies allerdings nur unter der unverbindlichen Zusage, dass 2018 IWF-Kredite aus den ersten beiden Hilfsprogrammen frühzeitig zurückgezahlt werden. An der Schuldenhöhe Griechenland ändert dieser Schachzug damit nichts. Der Optimismus stirbt zuletzt.

An den Finanzmärkten herrscht in der Regel auch Optimismus, eigentlich muss man sagen: fast nur. Denn Aktieninvestoren wissen, dass ein gut diversifiziertes Aktienportfolio auf lange Sicht jede andere Anlageklasse punkto Performance schlägt. Im Gegensatz zur Politik ist an der Börse Optimismus folglich einiges näher an der Realität. Wer Anfang Jahr in Aktien investierte, beispielsweise in den Schweizer Markt, und heute zehn Prozent im Minus liegt, braucht folglich «nur» zu warten, bis sich der Markt wieder Richtung neue Gipfel aufmacht. Das kann allerdings dauern. Bekanntlich ist die Börse auch ein Puls für das, was sich in der nächsten Zukunft abspielen wird. Der Kursverlauf seit Sommer letzten Jahres versprüht demnach nur wenig Optimismus. Zwar hat sich der Markt etwas von den Jahrestiefs entfernt, doch nahrhaften Grund sucht er weiterhin vergebens. Noch immer ist er im Käfig von Zinserhöhungsdiskussionen, Schuldenfalle und globaler Wachstumsflaute gefangen. Letztere könnte dem Markt indes auch längerfristig einen Dämpfer geben. Denn es ist absehbar, dass die Weltwirtschaft nicht mehr an das Wachstum der Vorjahre anknüpfen kann.

Dem Optimismus der Aktienanalysten hat das bisher kaum einen Dämpfer verpasst. Auch im laufenden Jahr gingen die Gewinnrevisionen mehrheitlich bergab. Das hat zwar Tradition, mit Ausnahme von Crashjahren sind die prognostizierten Gewinnaussichten stets zu optimistisch und werden im Jahresverlauf angepasst. Und momentan schlagen manche Firmen ja wenigstens diese abwärtsrevidierten Prognosen, mit was sich die Börsianer noch zufrieden geben. Aber mehr liegt offenbar nicht drin im Moment. Das akute Fusionsfieber, die nachlassende Wirkung der Liquiditätsspritzen der Notenbanken und die Tatsache, dass die Firmen mit teils überhöhten Ausschüttungen die Aktionäre bei Laune halten wollen, deutet auch eher auf das Ende eines Zyklus als den Beginn einer neuen Ära hin.

Nichts gegen zu viel Optimismus, aber die hohen Wachstumsraten der Weltwirtschaft nach der Dotcom-Krise sind kaum mehr realistisch, in zu vielen Ländern sind die Wachstumspotenziale tiefer als damals, China ist dafür das prominenteste Beispiel. Bis die Börse das verarbeitet hat, braucht es wohl noch ein Weilchen, dann ist aber durchaus wieder mehr Platz für Optimismus. Für realistischen, nicht für visionären.

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