Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen: Wer was will

Martin Neff
von Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: Raiffeisen)

Von Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen. (Foto: Raiffeisen)

St. Gallen – Wenn die Performance der vergangenen sechs Jahre an den meisten Aktienmärkte als Gradmesser dafür, ob die Wünsche der Anleger erfüllt wurden, dient, dann lässt sich resümieren, dass wohl niemand mit einer so reichen Bescherung gerechnet hat. Auch wenn es immer wieder zu holprigen Phasen kam und auch Rückschläge weggesteckt werden mussten, hat man mit Aktien seinen Einsatz seit dem Frühjahr 2009 mehr als verdoppelt, vorausgesetzt man hatte die Nerven, immer investiert zu bleiben.

Der Anleger will Performance und bekommt seit sechs Jahren auch, was er will. Dank monetärem Manna, das stets vom Himmel fiel, wenn an den Märkten irgendwelche Zweifel aufkamen. Zweifel an der Standhaftigkeit des Euros und der Währungsunion zum Beispiel, die nie ausgeräumt wurden. Oder Bedenken, ob die Banken in Europa robust genug sind, konjunkturelle Unsicherheiten und Rückschläge, geopolitische Unsicherheiten zuhauf, alles eingehüllt in diesen geldpolitischen Schleier, der schon längst zum Credo der Märkte geworden ist. Mario Draghi weiss ebenfalls, was er will. Er will den Euro schwach halten, die Zinsen tief und die Kreditmärkte um jeden Preis anfachen – und das bis September 2016. Damit hat er Zeit gewonnen und kann wie seine japanischer Amtskollege nun entspannt über den Atlantik blicken und beobachten, wie die amerikanische Notenbank mit der Rolle des «schwarzen Peters» umgeht, die zwangsläufig dem Währungshüter zufallen wird, der dem monetären Überfluss ein Ende klares bereitet – mit einer Zinserhöhung.

Was will Frau Yellen?
Dass in Amerika im Juni die Zinsen angehoben würden, war bis vor wenigen Monaten eingepreist, am US- Kapitalmarkt mit einen Anstieg der Langfristzinsen und quittiert mit eher seitwärts tendierenden Aktienmärkten in Amerika. Die Rhetorik Janet Yellens war von den Märkten damals so interpretiert worden, dass es danach beschaulich nach oben weiter gehen könnte. Doch seitdem hat sich die Rhetorik wieder etwas entschärft. Irgendwie scheint Frau Yellen der amerikanischen Konjunktur und dem Hoch am Arbeitsmarkt noch immer nicht richtig zu trauen. Doch wenn nicht jetzt, wann dann? Oder macht ihr die Aufwertung des Dollars einen Strich durch die Rechnung? Keiner weiss es so genau, es gibt sehr unterschiedliche Auffassungen zur Fed-Rhetorik in der Schar der Analysten.

Da Frau Yellen nicht sagt, was sie will, geschweige denn wann, haben nun die Märkte wieder das Zepter übernommen. Wer noch immer mit einer Zinserhöhung in den USA im Juni rechnet, gilt inzwischen als Contrarian. Am langen Ende haben die US-Zinsen wieder spürbar nachgegeben. Zehnjährige Treasuries rentieren wieder unter 2%. Das Votum der Finanzmärkte ist eindeutig. Besser später als nie. Das bringt Frau Yellen nun in zweifacher Hinsicht ins Dilemma. Denn aus heutiger Sicht würde sie im Juni die Märkte enttäuschen, wenn sie dann an der Zinsschraube dreht. Oder aber sie muss sich dazu äussern, ob die aktuelle Positionierung der Märkte, die auf einen Aufschub setzen, begründet ist.

Die Macht der Kommunikation
Das alles weiss natürlich auch Janet Yellen, sie weiss aber auch, was (ihre) Worte auslösen könnten. Ihr Vorgänger Ben Bernanke hat Ende Mai 2013 allein mit der verbalen Ankündigung der Einstellung des dritten und letzten Quantitative Easings auf Ende 2014 ein mittleres Erdbeben an den Märkten ausgelöst. Der zeitliche Vorlauf von 18 Monaten schien den Märkten damals nicht annähernd genug, um diesen ersten Richtungswechsel gemütlich verdauen zu können. Die so mächtige Kommunikation des obersten Notenbankchefs ist in Zeiten der unangenehmeren Entscheidungen auch eine gefährliche, da die Märkte dann wirklich jedes Wort auf die Goldwaage legen. Janet Yellen schien jüngst kommunikativ unverbindlicher, wirkte gar zaudernd. Doch das ist leider auch kein Dauerzustand, denn die Märkte werden die Zinsdiskussionen bald schon wiederbeleben. Aufgeschoben ist schliesslich noch lange nicht aufgehoben. Und daher bleibt Janet Yellen gar nichts anderes mehr übrig, als zu sagen, was sie will – und natürlich wann. Ob sich die Märkte das wünschen oder nicht, darf dabei keine Rolle spielen. Auch nicht die Angst vor nervösen Reaktionen am  Finanzmarkt.

Applaus wird Janet Yellen auf keinen Fall ernten, im schlimmsten löst sie einen Kursrutsch aus. Die Zeiten, in denen die Notenbanker zu permanent gefeierten Helden der Finanzmärkte wurden, neigen sich aber nun mal dem Ende zu. Zeit, das klar und deutlich kund zu tun und dem Willen auch Taten folgen zu lassen. Alles eine Frage der Kommunikation – oder nicht auch der Courage? Man kann mit dem SNB-Entscheid zur Aufhebung der Wechselkursuntergrenze hadern – couragiert war er allemal und sicher unabhängig. (Raiffeisen/mc/ps)

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