Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen: Zwischen Angst und Gier

Martin Neff
von Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: Raiffeisen)

St. Gallen – Letzte Woche kamen die weltweiten Börsen ziemlich unter die Räder. Auch die US-Märkte, die wie an der Schnur gezogen ein Rekordhoch nach dem anderen markierten, verzeichneten deut­liche Korrekturen. Vor allem Technologiewerte hatten breite Ab­gaben zu verzeichnen. Aufs Jahr hochgerechnet liegt die Techno­logiebörse Nasdaq zwar immer noch klar im Plus und sie hat die Nase gegenüber allen anderen Börsenplätzen weit vorn, aber ir­gendwie scheint die Unbekümmertheit der letzten Monate sich im Herbstwind zu verflüchtigen. Und wie immer, wenn der Markt nicht vorgesehene Eskapaden unternimmt, rätselt die Schar der Marktbeobachter über die Gründe.

Doch eigentlich hatte sich schon früh im 2018 abgezeichnet, dass sich das für die Anleger höchst erfreuliche Ergebnis des Vor­jahres kaum wiederholen würde. Ende Januar kam es zu einem ersten markanten Kurszerfall. Unvermittelt kehrte die Volatilität zurück an die Börsen. Es setzten natürlich auch Gewinnmitnah­men ein, aber hauptsächlich dürften etliche Investoren vor der eigenen Sorglosigkeit zurückgeschreckt sein. Sie gewichteten die Risiken, die ja nie vom Tisch waren, wieder höher. Wie immer spielten die Zinsen eine wichtige Rolle, genauer gesagt Befürch­tungen, sie könnten schneller steigen, als den Investoren lieb war. Inflationsängste spielten aber auch mit rein. Die Verschul­dung in den USA war plötzlich auf der Agenda der Märkte, wel­che sie vor lauter Euphorie über Trumps Fiskalpolitik fast völlig ausgeblendet hatten. Und schliesslich natürlich die latenten Ängste vor einem weltweiten Handelsstreit im Zuge der restrikti­ven Handelspolitik des US-Präsidenten. Dann kam die Türkei ins Spiel und sorgte für ein kleines Beben. Während sich in den USA die Ängste im weiteren Jahresverlauf wieder etwas verflüchtig­ten, stieg die Nervosität in Europa. Die harzige Regierungsbil­dung in Deutschland und die unheilvolle Regierungsallianz in Italien brachten die Märkte aus dem Lot und sorgen für wieder­holte Nervosität. Unterm Strich fanden die europäischen Börsen nicht mehr dahin zurück, wo sie anfangs Jahr gestartet waren. Mit dem jüngsten Aderlass fällt die Jahresbilanz noch trüber aus. Und es gibt erste Stimmen, welche nicht mehr ausschliessen, dass uns ein Bärenmarkt bevorsteht, vor allem weil die bisher völlig abgehobenen US-Märkte jetzt doch auch zu schwächeln scheinen.

Gibt es Neues?
Die jüngste Anfälligkeit der US-Märkte ist für mich die eigentliche Neuigkeit. Vielleicht hängt sie ja mit dem starken Ölpreisanstieg 2018 zusammen. Fast allen Rezessionen in der jüngeren Ge­schichte der USA ging jeweils ein massiver Anstieg der Ölpreise voraus und manche sehen darin ein Muster, das sich durchaus wiederholen könnte, auch wenn es höchstens anekdotische Evi­denz besitzt. Andere sehen den berühmten Cocktail verschiede­ner Faktoren wie Zinsängste oder geopolitische Unwägbarkeiten als Ursache der Unruhe. Doch davon reden wir auch schon seit gut drei Jahren. Im Sommer 2015 titelte unsere Anlagepolitik schon mit „Alternierende Ungewissheit“. Solche haben auch im­mer wieder zu Rückschlägen an den Börsen geführt, stets aber galoppierte der US-Markt den andern Märkten davon. Und wenn es mal besonders nervös zuging in Europa oder anderswo, ging von den USA jeweils eine stabilisierende Wirkung aus. Ich bin überzeugt, dass ein Bärenmarkt – sollte es tatsächlich zu einem kommen – in den USA eingeläutet wird. Die sind bisher noch am wenigsten durchgeschüttelt worden. Während Europa bzw. der Euro regelmässig auf den Prüfstand kommen und die ganze Fi­nanzwelt sich mit dem Budgetdefizit Italiens beschäftigt, wird die Politik Donald Trumps nicht annähernd so kritisch beäugt wie anderswo. Wenn von Schulden die Rede ist, dann geht es meis­tens um Europa oder neuerdings vielleicht auch China, aber nie um die USA, obwohl die kein bisschen besser dastehen als ande­re hochverschuldete Nationen. Mit dem kleinen Börsencrash letz­te Woche könnte sich diese Sichtweise ändern. Denn parallel dazu kam es zu einer Zinswende in den USA, die diesen Namen auch verdient, namentlich ein Schub nach oben am langen Ende der Zinskurve.

Trigger USA
Für kurze Zeit stiegen die Renditen zehnjähriger US-Schatzpapie­re letzte Woche über 3.2%, den höchsten Wert seit mehr als sechs Jahren. Die psychologisch wichtige Dreiprozent-Hürde wur­de damit endgültig nach oben durchbrochen – so lautet wohl die Interpretation der Märkte. Das hat nicht nur zu weiteren Kapital­abflüssen aus den Emerging Markets geführt, sondern vor allem die US-Haushaltspolitik über Nacht wieder zum Thema gemacht. Fast schlagartig schoss den Märkten ins Gedächtnis, dass es an­gesichts der seit der Finanzkrise explodierenden Schuldenlast in fast allen Industriestaaten auch schon bei moderat höheren Zins­niveaus zu Friktionen kommen könnte und dies durchaus auch in den Vereinigten Staaten. Der weitverbreitete Konsens eines leicht tieferen Weltwirtschaftswachstums 2019 im Vergleich zum lau­fenden Jahr erzeugte plötzlich breite Skepsis, da mit ihm auch das Steueraufkommen weniger wachsen dürfte. Dabei ist das alles nicht wirklich neu. Neu ist nur, dass die Märkte dies nicht mehr auf die leichtecSchulter nehmen. Aber selbst das hatten wir schon mal, im Sommer 2015 oder im Januar/Februar dieses Jah­res bzw. eben gerade. Dass es im Westen nichts Neues gibt, die Märkte aber trotzdem hin und her geworfen scheinen zwischen Angst und Gier, ist zumindest ein Warnzeichen, dass der Börsen­zug nicht ewig weiterrauscht. Wer nicht verkaufen will, weil die Gier grösser ist als die Angst, sollte sich wenigstens überlegen, ob er nicht einen Teil seiner Aktien absichert. Zumindest so lange nichts Neues aus dem Westen kommt. (Raiffeisen/mc/ps)

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