Niedriginflation Europas macht Welt nervös

Christine Lagarde

IWF-Direktorin Christine Lagarde. (Foto: OIMF Staff  Photograph / Stephen Jaffe)

Washington – Nach der Finanzkrise ist die Eurozone aus Sorge vor einer Deflation erneut ins Visier der Weltwirtschaft geraten. Politiker aus vielen Ländern forderten die Europäische Zentralbank (EZB) am Wochenende auf, ihre Geldpolitik weiter zu lockern, wenn die niedrige Inflation in der Währungsunion zu lange anhalte. Eine Spirale aus fallenden Preisen und sinkender Nachfrage sei aktuell eine Gefahr für die globale Konjunktur.

Die Finanzminister und Notenbankchefs vereinbarten bei der Frühjahrstagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank in Washington auch, nach Jahren der Krisenabwehr wieder mehr für Wachstum tun zu wollen. „Kräftiges, nachhaltiges Wachstum zu sichern und Anfälligkeiten zu reduzieren“, sei das vorrangige Ziel, erklärte der IWF-Lenkungsausschuss (IMFC) im Abschlusspapier des Treffens, das am Sonntag endete. Der Abbau der „hartnäckig hohen“ Arbeitslosigkeit müsse im Mittelpunkt stehen.

Deflations-Sorge
Die Deflations-Sorge spielte aber eine Hauptrolle bei dem Treffen in der US-Hauptstadt. EZB-Chef Mario Draghi gab auch die positive Entwicklung des Euro als Grund für den geringen Preisauftrieb an, der mit zuletzt 0,5 Prozent weit von der 2,0-Prozent-Zielmarke der Notenbank entfernt liegt. Draghi erläuterte, dass eine weitere Lockerung der Geldpolitik erforderlich werde, sollte der Eurokurs weiter steigen.

Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble und Bundesbank-Präsident Jens Weidmann teilten die Befürchtungen nicht. „Das Risiko ist gering, dass es im Euro-Raum zu einer breit angelegten Deflation kommen könnte“, sagte Weidmann. Gründe für die Niedriginflation seien vor allem schwache Energie- und Nahrungsmittelpreise, meinte auch Draghi. So würden Konsumenten keine Anschaffungen verschieben, um später von niedrigeren Preisen profitieren zu können. Eine Deflation birgt negative Auswirkungen auf die Wirtschaft, ausgelöst durch eine Abwärtsspirale von Preisen, Kaufzurückhaltung und in der Folge sich abschwächende Investitionen.

Erholung der Weltwirtschaft bei allen Fortschritten noch nicht beendet
Japans Finanzminister Taro Aso verwies dagegen auf schmerzhafte Erfahrungen im eigenen Land. „Sobald sich Deflationserwartungen in den Köpfen festsetzen, ist es leicht, in einen bösartigen Kreislauf zu geraten“, warnte er. Brasiliens Finanzminister Guido Mantega bezeichnete den Deflationsdruck als „grosse Besorgnis“. Ähnlich äusserte sich sein US-Kollege Jack Lew. Spaniens Wirtschaftsminister wies das klar zurück: „Es gibt wirklich kein Risiko einer Deflation, nicht in Europa und nicht in Spanien“, sagte er.

Der IMFC erklärte, die Erholung der Weltwirtschaft sei bei allen Fortschritten noch nicht vollendet. „Obgleich die Gefahren an Gewicht verloren haben, bestehen weiter Abwärtsrisiken im globalen Ausblick“, hiess es in dem Communiqué. Probleme seien neuerliche Turbulenzen an Kapitalmärkten und die weiterhin hohe öffentliche und private Verschuldung in manchen Teilen der Welt. Geopolitische Spannungen wie in der Ukraine böten ebenfalls Anlass zur Sorge.

Schäuble warnt vor Selbstzufriedenheit
Trotz der Inflations-Debatte gab es für die Eurozone wegen der Erfolge im Kampf gegen die Finanzkrise aber auch viel Lob. Die Rückkehr Griechenlands an den Anleihemarkt sei ein klares Zeichen, „dass da etwas funktioniert“, sagte IWF-Direktorin Christine Lagarde. Strukturreformen in den angeschlagenen Euroländern, die der Fonds mit Krediten unterstützt, hätten geholfen.

Schäuble warnte allerdings vor Selbstzufriedenheit. „Wir Europäer sind aus der Krise heraus“, sagte er, schränkte jedoch zugleich ein: „Wir sind aber noch nicht übern Berg“. Es sei gut, dass die Finanzmärkte wieder Vertrauen fassten. Doch teils gebe es schon wieder Übertreibungen.

Lagarde: „Wir bewegen uns in eine Phase der Stärkung“
„Wir bewegen uns in eine Phase der Stärkung“, meinte Lagarde zur Lage der Wirtschaft. Aber die Entwicklung sei „zu unausgeglichen und zu zerbrechlich“. Rund um den Globus seien mehr Investitionen notwendig, erklärte der IMFC-Vorsitzende, Singapurs Finanzminister Tharman Shanmugaratnam. „Die Investitionen sind immer noch geringer, als sie an diesem Punkt der Erholung sein sollten.“

Der IMFC und die G20-Topwirtschaftsmächte forderten erneut den US-Kongress auf, die Blockade der 2010 beschlossenen IWF-Reform zur Neuordnung der Stimmrechte aufzugeben. Es sei wirklich zu hoffen, dass dies bis Jahresende gelinge. Schäuble und Weidmann zeigten sich skeptisch über die von den G20 ins Spiel gebrachten Alternative, die Reform ohne die USA und damit ohne den grössten IWF-Anteilseigner voranzutreiben.

Geldpolitik
„Der beste Weg ist es, die US-Regierung in ihrem Werben gegenüber dem Kongress zu unterstützen“, sagte Weidmann. Die G20 hatten den USA eine Frist bis Ende des Jahres gesetzt, um die Reform zu ratifizieren, die Schwellenländern wie China mehr Gewicht einräumt. Die USA besitzen mit mehr als 15 Prozent IWF-Anteil eine Sperrminorität für wichtigen Beschlüsse. „Wir sind tief enttäuscht von der weiteren Verzögerung“, erklärte der IWF-Lenkungsausschuss.

Um neue Marktturbulenzen zu vermeiden, sollten Zentralbanken in grossen Ländern weiterhin sehr vorsichtig mit ihrer Geldpolitik umgehen und ihre Schritte sehr klar kommunizieren, hiess es ebenfalls im Abschlusspapier der Tagung. Eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit könne Ansteckungsgefahren bei Problemen vermeiden. Zumal die Kapitalgeber ihre Mittel offenbar mehr und mehr wie im „Herdentrieb“ von Land zu Land verschöben, sagte Shanmugaratnam. (awp/mc/ps)

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