SGKB investment views: Hohe Ölpreise lassen die Zentralbanken kalt

Thomas Stucki
Von Thomas Stucki, Chief Investment Officer bei der St.Galler Kantonalbank. (Foto: SGKB)

St. Gallen – Seit Anfang April ist der Ölpreis um 10% gestiegen. Das hat nicht nur die Anzeige an der Zapfsäule steigen lassen, sondern auch die Inflationserwartungen an den Finanzmärkten. Diese sind in den USA mit 2.3% auf den höchsten Stand seit fast vier Jahren. Beunruhigt hat dabei nicht die Höhe, sondern die Geschwindigkeit der Bewegung nach oben. In der Folge sind die Zinsen gestiegen. Die Rendite der 10-jährigen US-Treasury Note hat vorübergehend die Marke von 3% überschritten. Die Angst vor diesen 3% hat Anfang Februar die Korrektur an den Aktienmärkten ausgelöst. Am letzten Dienstag verlor der Dow Jones innert kurzer Zeit erneut fast 3%, bevor sich die Anleger neuen Themen widmeten und sich die Kurse wieder erholten. Steigen die Rohölpreise weiter und sind sie wirklich eine Gefahr für Preisstabilität und Finanzmärkte?

Am Ölmarkt haben die Bullen die Oberhand. Es gibt gute Gründe, warum das so ist. Im Zentrum steht der mögliche Ausstieg der USA aus dem Iran-Abkommen. Neue Sanktionen gegen den Iran wären die Folge. Der Iran produziert 12% des Opec-Ölangebots. Mit Venezuela fällt zudem ein weiterer wichtiger Produzent aus. Seine Erdölproduktion ist durch die schwierige Lage im Land völlig eingebrochen. Dagegen haben die Amerikaner ihre eigene Öl-Produktion auf über 10 Mio. Fass pro Tag gesteigert und damit den höchsten Stand seit den 70er-Jahren erreicht. Die Opec hält jedoch dagegen und will den Preis mit Fördergrenzen hochhalten. Das gilt besonders für Saudi-Arabien, welches im Vorfeld des Börsengangs des staatlichen Ölkonzerns Saudi Aramco an einem möglichst hohen Ölpreis interessiert ist. Hinzu kommt, dass aufgrund der guten Konjunkturlage die Öl-Nachfrage hoch ist und die Lagerbestände abnehmen. Das alles führt dazu, dass der Ölpreis in den nächsten Wochen hoch bleiben wird. Ob er aber noch einmal 10% zulegt, das wage ich zu bezweifeln.

Steigende Energiepreise schlagen rasch auf höhere Inflationsraten durch
In den USA ist die Inflation im März von 2.2% auf 2.4% gestiegen, in der Eurozone von 1.1% auf 1.3% und in der Schweiz von 0.6% auf 0.8%. Dieser Anstieg darf nicht überbewertet werden. Der Einfluss der Energiepreise auf die Inflation ist ein vorübergehender Effekt, weshalb zur Beurteilung des grundlegenden Inflationsdruckes auf die Kernrate der Inflation zurückgegriffen wird. Diese ist in Europa stabil bei 1.0%. In den USA ist auch die Kernrate deutlich auf 2.1% gestiegen, wobei ein Sondereffekt im Zusammenhang mit den Preisen für die mobile Telefonie wesentlich dazu beigetragen hat. Höhere Ölpreise haben erst mit der Zeit einen Einfluss auf die Kerninflation, wenn die höheren Produktionskosten durch die ganze Produktionskette durchgelaufen sind und beim Konsumenten ankommen. Auf diesem Weg wird der Preiseffekt jedoch gemildert. Zudem müssen die Ölpreise auf Dauer auf dem höheren Stand bleiben.

Auf höhere Ölpreise reagieren die Zentralbanken deshalb nicht mit höheren Zinsen. Solange die Energiepreise nicht immer weiter steigen, fallen sie mit der Zeit aus der Inflationsberechnung raus. Wichtiger ist jedoch, dass die Zentralbanken das Verhalten der Ölmärkte mit ihrer Geldpolitik nicht beeinflussen können. Steigende oder fallende Ölpreise sind für sie daher ein externer Einflussfaktor, der erst relevant wird, wenn die Preisveränderungen so gross sind, dass sie das Verhalten der Wirtschaft massgeblich ändern. Dies war beispielsweise 2014/2015 der Fall, als der Einbruch des Ölpreises um 70% die Angst vor einer Deflation schürte. Von einer solchen Preisbewegung sind wir weit entfernt, weshalb der kürzliche Schub des Ölpreises weder die Fed noch die EZB zu einer schnelleren oder stärkeren Anhebung der Zinsen verleiten wird.

Steigende Zinsen, aber kein Zinsschub
Entsprechend unbegründet ist die Angst vor einem markanten Zinsschub bei den Obligationen. Was nicht heisst, dass die Zinsen in den nächsten Wochen nicht weiter steigen werden. Der Anstieg der Renditen wird jedoch in geordneter Form erfolgen und ist eine zyklische Reaktion auf eine allmählich restriktiver werdende Geldpolitik der Zentralbanken. Da die höheren Zinsen das Resultat einer gut laufenden Konjunktur sind, sind sie auch nicht eine unmittelbare Gefahr für die Aktien. Das werden sie erst, wenn durch die höheren Zinsen die Konjunktur gebremst wird. Diesen Punkt haben wir aber noch nicht erreicht.

Dr. Thomas Stucki ist CIO der St.Galler Kantonalbank. Stucki hat einen Abschluss mit Doktorat in Volkswirtschaft von der Universität Bern und ist CFA Charterholder. Er führt bei der St.Galler Kantonalbank das Investment Center mit rund 35 Mitarbeitenden. Er ist verantwortlich für die Verwaltung von Kundenmandaten und Anlagefonds im Umfang von 7,5 Milliarden Franken. Zuvor war er als Leiter Asset Management der Schweizerischen Nationalbank verantwortlich für die Verwaltung der Devisenreserven.

St. Galler Kantonalbank AG
Die St.Galler Kantonalbank wurde 1868 gegründet und ist seit 2001 an der Börse SIX Swiss Exchange kotiert. Der Kanton St. Gallen hält als Mehrheitsaktionär 54.8% des Aktienkapitals. Als Universalbank bietet sie den Kunden in ihrem Heimmarkt die gesamte Palette von Finanzdienstleistungen an. In Zürich ist sie mit einer auf Vermögensverwaltung spezialisierten Niederlassung präsent. Mit ihrer umfassenden Dienstleistungspalette betreut sie Privatkunden in der Deutschschweiz in allen Fragen der privaten Vermögensplanung und Vermögensverwaltung. Am 31. Dezember 2017 beschäftigte die St.Galler Kantonalbank Gruppe insgesamt 1233 Mitarbeitende und verwaltete Kundenvermögen von CHF 42.4 Milliarden. Das Stammhaus besitzt Staatsgarantie und das Aa1-Rating von Moody’s. (SGKB/mc/pg)

SGKB

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