SGKB investment views: Navigieren im Nebel
Die Lage im Nahen Osten wird immer verwirrender und die Meldungen und Aussagen der Kriegsparteien immer widersprüchlicher. Eine rasche Lösung und die Rückkehr zur freien Fahrt in der Strasse von Hormus ist zwar das bevorzugte, aber nicht das realistische Szenario. Die Aktienmärkte scheinen dies aber nur am Rande zu kümmern. Der Swiss Performance Index ist seit dem 20. März satte 8% gestiegen. Der S&P 500 legte in dieser Zeit gar 12% zu, angetrieben durch das Revival der Technologieaktien, die wieder hoch in der Gunst der Anleger stehen. Eine so schnelle und steile Erholung hat man an den Aktienmärkten noch selten gesehen.
Die Auswirkungen der höheren Preise für Erdgas und Erdöl zeigen sich bisher nur punktuell, vor allem in den stark gestiegenen Benzin- und Kerosinpreisen. Diese sind für die Wahrnehmung und Stimmung der Leute wichtig, aber für die Beurteilung der Inflationsgefahr jedoch zweitrangig. Sie werden wieder sinken, wenn der Erdölpreis tiefer ist. Wichtiger sind die Folgen der höheren Transport- und Produktionskosten, welche eine breite Palette von Gütern und in abgeschwächter Form auch Dienstleistungen teurer machen. Wie stark diese durchschlagen, wird sich erst in den nächsten Monaten zeigen.
Einschneidend für die Weltwirtschaft sind aber nicht die hohen Energiepreise, sondern die effektiven Engpässe in der Versorgung mit Öl, Gas oder Düngemitteln. Die letzten Tanker, die die Strasse von Hormus vor dem Krieg passiert haben, erreichen nun ihre Zielorte. Danach ist für eine Weile Schluss mit den Lieferungen. Die bisher anekdotischen Meldungen über das Fehlen von Gas in indischen Restaurants oder die Streichung von Flügen werden sich in den nächsten Wochen ausweiten und an Wichtigkeit zunehmen.
Warten auf die Notenbanken
Stress in der globalen Logistik und in den Lieferketten ist die grössere Gefahr für die Preisstabilität als ein hoher Benzinpreis. Ein direkter Vergleich mit 2021 ist gefährlich, da die Unternehmen heute nach den Erfahrungen von damals breiter aufgestellt sind. Dennoch ist es für die Zentralbanken schwierig zu beurteilen, ob der Anstieg der Inflationsrate ein temporärer Effekt ist oder ob eine breit abgestützte Inflationswelle droht. Gleichzeitig müssen sie aufpassen, die angeschlagene Konjunktur nicht mit voreiligen Zinserhöhungen unnötig zu belasten. Daher werden sie vorderhand zuwarten und hoffen, rasch ein klareres Bild zu bekommen. Dabei ist der Nebel für die Fed oder die EZB dicker als für die SNB, da die Abhängigkeit von Erdöl und Erdgas in ihren Volkwirtschaften grösser ist als in der Schweiz. Für die SNB gibt es keinen Grund, rasch an der Zinsschraube zu drehen. Die Inflationsrate ist tief und der Puffer für die Erhaltung der Preisstabilität gross.
Zeit der Opportunisten kommt
Die Weltwirtschaft wird auch diese Energiekrise überstehen. Die Ausgangslage ist anders als 2021, als sie nach Covid bereits angeschlagen in den Inflationshammer krachte. Die Unternehmen sind besser aufgestellt und passen sich an die neuen Rahmenbedingungen an. Bei diesen Prozessen haben sie mittlerweile einiges an Erfahrung. Das Wachstum der Weltwirtschaft wird weitergehen und sich nach einer Delle auch wieder beschleunigen. Die Aktien sind und bleiben die beste Anlage, um an diesem Wachstum teilzuhaben. Das aktuelle Umfeld bietet aber Gelegenheiten, die opportunistisch ausgenützt werden können. Die steile Erholung der letzten Wochen kann dazu benutzt werden, in stark gestiegenen Titeln einen Teil der Gewinne abzuschöpfen. Auf der anderen Seite gibt es, und wird es in den nächsten Wochen weitere geben, Aktien von Unternehmen, die zu Unrecht stark abgestraft wurden. Diese Aktien können zu einem Preis gekauft werden, der vor ein paar Monaten noch als Wunschgelegenheit betrachtet worden wäre. (mc/pg)