SKGB Investment views: Die 1.20 spielen für die SNB keine Rolle

Thomas Stucki
von Thomas Stucki, Chief Investment Officer bei der St.Galler Kantonalbank. (Foto: SGKB)

St. Gallen – Der Franken ist in den letzten Tagen sowohl gegenüber dem Dollar als auch gegenüber dem Euro schwächer geworden. Die SNB hat damit nichts zu tun. Sie hat ihre Kommunikation nicht verändert und ist am Devisenmarkt nicht aktiv. Das Argument, dass die russischen Oligarchen wegen den US-Sanktionen ihr Geld aus der Schweiz abziehen, ist auch nicht schlüssig. Solche Transaktionen wurden wahrscheinlich gemacht, der Franken schwächelte jedoch bereits vorher. Am Devisenmarkt geschieht also etwas Ungewöhnliches: Der Markt spekuliert auf eine Abschwächung des Frankens. Die Nähe zu den symbolischen 1.20 zum Euro, welche dem ehemaligen Mindestkurs der SNB entsprechen, hat die Phantasie der spekulativen Anleger geweckt. Am Freitag wurde diese Marke geknackt. Wie es kurzfristig weitergeht, ist schwierig zu sagen, da die Handelspositionen und Ideen rund um 1.20 schwierig einzu-schätzen sind. Es lohnt sich deshalb ein Blick auf das grössere und längerfristige Bild.

Der Franken ist vor allem dann als sicherer Hafen gefragt, wenn es in der Eurozone kriselt. Das ist heute nicht der Fall. Die Wirtschaft läuft trotz einer Delle zu Beginn des Jahres gut. Griechenland wird im August voraussichtlich an den Kapitalmarkt zurückkehren und sich wieder selber finanzieren können. Der französische Präsident Macron will mit den Reformen der EU und der Eurozone vorwärts machen. Im Zentrum stehen dabei die Stärkung der Bankenunion und eine Solidarisierung bei der Finan-zierung der Eurostaaten. Die EZB wird sich einer Trendumkehr in ihrer Geldpolitik nicht mehr lange widersetzen können. Sie wird in den nächsten Monaten damit beginnen, die Finanzmärkte auf die erste Zinserhöhung im Frühjahr 2019 vorzubereiten.

Rosa Brille der Devisenhändler
Das alles lässt die Devisenanleger von einer starken Aufwertung des Euro träumen. Entsprechend einseitig sind sie an den Futures-Märkten im Hinblick auf einen stärkeren Euro positioniert. Die Zahl der offenen «Long-Euro»-Kontrakte ohne kommerziellen Hintergrund ist so hoch wie noch nie. Eine solche Extremposition birgt auch Risiken, insbesondere wenn die Rechnung nicht aufgehen sollte. Dazu kommt, dass sich die fundamentale Situation in der Eurozone nicht verbessert hat. Das Schuldenproblem hat sich nicht entschärft.

Wenn die EZB ab dem Herbst als zusätzlicher Nachfrager wegfällt, müssen andere Investoren für die steigenden Schulden der Euroländer gesucht werden. Die Vorschläge Macrons für eine stärkere Solidarisierung werden in Deutschland und den anderen «Nordländern» auf Gegenwehr stossen. Die EZB läuft Gefahr, dass sie mit höheren Zinsen zulange zuwartet und den Ausstieg aus ihrer expansiven Geldpolitik verpasst. Insbesondere falls sich die Konjunktur abschwächen sollte. Die Probleme des Euro wer-den ausgeblendet, können in einem unsichereren Umfeld als heute aber rasch wieder zum Thema werden.

So oder so, SNB bleibt im Schatten der EZB
Die SNB tut deshalb gut daran, an ihrer Marschrichtung festzuhalten. Sie kann dies aus einer guten Position heraus machen. Die Schweizer Wirtschaft hat an Schwung gewonnen. Die Inflationsrate wird durch den schwächeren Franken steigen, sich jedoch im Komfortbereich der SNB bei rund 1% bewegen. Die Überbewertung des Frankens hat sich weitgehend abgebaut. Dennoch wird die SNB ihre Zinsen nicht vor der EZB erhöhen. Zu gross ist die Gefahr, dass sie dadurch eine deutliche Stärkung des Frankens provoziert. Die negative Zinsdifferenz bleibt ein wichtiges Argument dafür, den Franken unattraktiv zu machen. Die SNB wird auch nicht damit beginnen, ihre Devisenreserven abzubauen. Dazu müsste sie am Markt Franken zurückkaufen, was wiederum ein für sie gefährliches Signal geben kann. Zudem weiss die SNB auch, dass es nicht viel braucht und der Franken ist als sicherer Hafen wieder gesucht. (SGKB/mc/ps)

St. Galler Kantonalbank

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