T. Rowe Price: Kapital dreht – Warum Hard Tech und Hard Power die Märkte dominieren
Schon vor Ausbruch des Iran-Kriegs hatte sich der Schwerpunkt an den Kapitalmärkten von Soft Assets hin zu Hard Tech und Hard Power verlagert. Hyperscaler stehen vor einer existenziellen Krise und setzen verstärkt auf den Ausbau ihrer KI-Infrastruktur, wobei die Investitionsausgaben für 2026 voraussichtlich etwa 2 % des US-BIP betragen werden. Die Verteidigungsausgaben steigen weltweit, und ein bullischer Rohstoffzyklus scheint intakt zu sein.
von Ritu Vohora, Anlagespezialistin Kapitalmärkte bei T. Rowe Price
Softwareunternehmen hingegen haben einen heftigen Ausverkauf erlebt, da Investoren angesichts der KI-Gewinne ihren Endwert neu bewerten. Diese Neubewertung markiert den Beginn einer differenzierteren Phase an den Märkten. Die Aussicht auf sinkende Kosten für künstliche Intelligenz und ein stärkeres, produktivitätsgetriebenes Wachstum bedeutet, dass sich Wert anders als in den letzten Jahren bilden könnte – was wahrscheinlich die Marktführerschaft neu ordnen wird.
Vom Hype zur Bilanz
Der KI-Zyklus hat sich vom Hype über reale Gewinne hin zu echter Disruption entwickelt. Die nächste Phase bringt eine genauere Prüfung von Bilanzen und Geschäftsmodellen mit sich. Tech-Giganten, die die Aktienmärkte lange Zeit durch hochprofitable, kapitalarme Wachstumsmotoren wie Code, Plattformen und geistiges Eigentum dominiert haben, setzen nun voll auf physische, kapitalintensive Investitionen. Nicht die Nachfrage, sondern die Kapazität ist zum limitierenden Faktor geworden, wobei der Wettbewerbsdruck aggressive Ausgaben für Strom, Chips, Rechenzentren und Netzwerke erzwingt.
Hyperscaler, die zu den Unternehmen mit der höchsten Cash-Generierung in der Geschichte zählen, haben diese Investitionen grösstenteils aus dem operativen Cashflow finanziert. Sie können noch viel mehr ausgeben, bevor sie in die Nettoverschuldung rutschen. Allerdings schwinden die operativen Margen rapide, und der zunehmende Einsatz von Anleiheemissionen und ausserbilanzieller Finanzierung durch bestimmte Akteure ist zu beobachten.
Allein die Ausgaben für KI-Chips könnten bis 2030 1 Billion US-Dollar erreichen, und die vielversprechendsten Chancen liegen dort, wo die Investitionsgelder fliessen. Halbleiter bleiben neben Engpässen in den Bereichen Speicher, Stromversorgung, Optik, Elektrotechnik und anderen kritischen KI-Segmenten die klarsten Nutzniesser.
Neubewertung von SaaS
Da sich die wirtschaftlichen Erträge auf Hardware und Infrastruktur verlagern, durchläuft die Softwarebranche einen strukturellen Umbruch. Fortschritte in der KI senken die Kosten für die Softwareentwicklung, verschärfen den Wettbewerb um Software-as-a-Service und bergen ein Risiko für den Endwert. Die jüngsten Kursbewegungen waren zwar wahllos, doch ausgewählte Software-as-a-Service-Unternehmen (SaaS) dürften gestärkt daraus hervorgehen. Diejenigen, die kritische Datensätze kontrollieren, als Plattformen für den KI-Einsatz fungieren oder tief in den Arbeitsabläufen von Unternehmen verankert sind, behalten ihre günstigen Aussichten. Einfach ausgedrückt: Geschäftskritische Systeme sind nicht mehr wegzudenken.
Wachsende Chancen
Weltweit stärken wirtschaftlicher Nationalismus, politische Neuausrichtung und fiskalische Veränderungen die Investitionen in den Bereichen Verteidigung, Energiewende und industrielle Kapazitäten – allesamt Bereiche, die sich mit dem physischen Fussabdruck der KI überschneiden. Kapital wird umgeleitet und gestaltet Sektoren neu.
Die Anleger haben Deutschlands „fiskalische Bazooka“ für 2025 schnell eingepreist. Allerdings haben sie möglicherweise die umfassenderen geopolitischen Verschiebungen unterschätzt, auf die der kanadische Premierminister Mark Carney kürzlich in seiner Rede auf dem Weltwirtschaftsforum hingewiesen hat.
Die wachsende Dringlichkeit unter den sogenannten „Mittelmächten“, strategische Autonomie über ihre Verteidigungsfähigkeiten und kritischen Industrien zu erlangen, deutet auf weiteres Aufwärtspotenzial für die Staatsausgaben und das Wirtschaftswachstum hin.
Der Krieg im Iran könnte weitere fiskalische Massnahmen auslösen, wobei die Länder noch mehr für Energie und Verteidigung ausgeben würden. Europäische Verteidigungsaktien, Investitionsgüterunternehmen, Hersteller von Halbleiterausrüstung und ausgewählte Finanzwerte dürften von diesen Rückenwindfaktoren profitieren.
In Asien bleiben Strukturreformen und tiefgreifende Halbleiter-Ökosysteme zentral für die KI-Wertschöpfungskette. Japans strategische Industrieoffensive und seine Schlüsselrolle in den Halbleiter-Lieferketten – eine Position, die es sich mit Taiwan und Südkorea teilt – untermauern einen optimistischen Aktienausblick ausserhalb der USA.
Diese Verschiebungen erweitern die Marktführerschaft. Seit Ende letzten Jahres haben globale Small-Caps, globale Value-Aktien ausserhalb der USA und Aktien aus Schwellenländern gleichermassen profitiert, da die Anleger ihre Anlagen über US-Megacaps hinaus diversifiziert haben.
Realwerte werden zum Engpass
Angesichts der anhaltenden makroökonomischen und geopolitischen Neuausrichtung scheint ein anhaltender Ansturm auf vermeintliche sichere Häfen wahrscheinlich. Die Beschleunigung der Staatsausgaben in den Industrieländern – gepaart mit einer japanischen Geldpolitik, die weiterhin hinterherhinkt – mindert die Attraktivität langfristiger Staatsanleihen und stärkt die Argumente für Sachwerte gegenüber Fiat-Währungen.
Bei Industriemetallen kam es in letzter Zeit zu einigen spekulativen Exzessen, doch der langfristige Ausblick bleibt bullisch. Ein geschwächter US-Dollar angesichts explodierender Defizite, die Gefahr eines de facto Renditekurvenmanagements und ein protektionistischerer Ton in Washington stützen einen konstruktiven Rohstoffausblick.
Da zudem der Ausbau der KI und sinkende Rechenkosten die Voraussetzungen für ein strukturell höheres Wachstum schaffen, könnten reale Vermögenswerte zu Engpässen werden. Als Lieferanten der Welt dürften die Schwellenländer – insbesondere lateinamerikanische Länder und Südafrika – davon profitieren.
Ein reifer werdender Zyklus, kein Höhepunkt
Das makroökonomische Umfeld ist komplexer geworden – aber auch attraktiver für Anleger, die Diversifizierung und fundamental getriebene Chancen suchen.
Die offene Frage ist nicht mehr, ob KI die Wirtschaft radikal verändern wird. Es geht vielmehr darum, wo und in welchem Umfang Wert geschaffen wird: im vorgelagerten Bereich bei physischer Infrastruktur und Rohstoffen, innerhalb von Enabling-Plattformen oder in völlig neuen Anwendungen.
Da sich der Wert vom Immateriellen zum Materiellen verlagert, könnten Anleger, die selektiv, diversifiziert und wertbewusst bleiben, die nächste Ära weniger als Bedrohung, sondern vielmehr als Chance betrachten. (pd/mc)