VP Bank: News aus den Finanzmärkten – Starker Euro, schwacher Dollar

VP Bank: News aus den Finanzmärkten – Starker Euro, schwacher Dollar
Von Thomas Gitzel, Chefökonom VP Bank. (Foto: VP Bank)

Vaduz – Der USD ist angeschlagen. Aus fundamentaler Sicht gibt es bereits seit längerem gute Gründe für eine Schwäche. Der Greenback liess jedoch über die vergangenen Wochen in seiner Funktion als «sicherer Hafen» die Muskeln spielen. Jetzt mehren sich die Anzeichen eines beginnenden Richtungswechsels. Die EU-Staaten konnten sich auf einen Aufbaufonds einigen, was den EUR anschiebt. Gleichzeitig bahnt sich eine USD-Schwäche an.

In unserem Magazin «Teleskop» haben wir es bereits ausführlich skizziert: Es gibt fünf Gründe für eine längerfristige Schwäche des US-Dollar. Die noch nicht bewältigte Corona-Pandemie und die Funktion als sicherer Hafen vereitelten bislang eine deutlichere Schwäche der US-amerikanischen Währung. Doch der Greenback sieht nun auch auf kurzfristige Sicht angeschlagen aus. Die Funktion des sicheren Hafens könnte in den Hintergrund treten und dagegen hausgemachte Unsicherheiten in den USA nach vorne rücken. Gleichzeitig gibt es auf dem europäischen Kontinent richtungsweisende Entscheidungen, die das Zusammenwirken innerhalb der Länder der Eurozone verändern könnten. Letzteres spräche für eine EUR-Stärke. Die Zeichen für einen Richtungswechsel mehren sich also. Auf Sicht der kommenden drei bis sechs Monate rechnen wir deshalb neu mit einer Aufwertung des Euro bis in den Bereich zwischen 1.15 und 1.20 gegenüber dem US-Dollar.

  1. EU-Staaten rücken zusammen

Die EU-Staaten haben sich nach zähen Verhandlungen auf einen Aufbaufonds geeinigt. Der Gipfelbeschluss sieht vor, dass die Europäische Union hierfür Schulden in eigenem Namen aufnimmt. Das Gesamtpaket von EUR 750 Mrd. soll sich in EUR 390 Mrd. Zuschüsse, die vor allem an die schuldengeplagten Länder der EU fliessen werden, und EUR 360 Mrd. Kredite aufteilen. Dem bemerkenswerten Schritt des Spitzentreffens war ein Paradigmenwechsel der deutschen Bundesregierung vorausgegangenen. Bislang stand Deutschland bei jeglicher Art von gemeinsamen Schulden auf der Bremse.

Hinter dem Schwenk der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel scheint sich eine neue Sichtweise zu verbergen. Das Credo könnte lauten: Manche Länder erleiden durch die Mitgliedschaft in der Eurozone einen strukturellen Nachteil, der durch Ausgleichzahlungen ausgeglichen werden muss. Dies sind auf mittlere Sicht gute Nachrichten für die Eurozone, macht es ein Auseinanderbrechen des Währungsraumes zunächst unwahrscheinlicher. Darüber hinaus bewies die EU nach einem schwierigen Zusammenfinden der unterschiedlichen Interessen Handlungsfähigkeit. Das wird an den Devisenmärkten goutiert. Der Euro legte bereits im Vorfeld des Gipfels gegenüber dem US-Dollar zu. Wir wollen jedoch kritisch anmerken, dass der Aufbaufonds andererseits auch der erste Schritt in Richtung einer dauerhaften Vergemeinschaftung von Schulden sein könnte. Damit besteht das Risiko des sogenannten «Trittbrettfahrens». Fliesst Geld aus einem gemeinsamen Topf könnte der Zwang zu Strukturreformen, insbesondere in Italien, gemindert werden. Das würde langfristig die Wettbewerbsfähigkeit der Union als gesamtes schwächen. Allerdings sind dies langfristige Gefahren, die zunächst einmal an den Währungsmärkten nicht als vordringlich eingestuft werden. Im Vordergrund steht der kurzfristige und mittlere Aspekt der mit dem Aufbaufonds verbundenen wirtschaftlichen Stabilisierung.

  1. Die USA und das Virus

Die europäischen Staaten haben sich in der Bekämpfung der Corona-Pandemie äusserst gut geschlagen. Trotz unterschiedlicher nationaler Strategien war übergeordnet eine einheitliche Linie erkennbar. Das zahlt sich nun aus. Die Neuinfektionen bleiben trotz kurzzeitig beobachtbaren, starken regionalen Ausbrüchen unter Kontrolle. Ganz im Gegensatz hierzu steigt die Anzahl der Neuinfektionen in den USA weiterhin stark an. Die USA haben das Virus nicht im Griff.

Dazu trägt sicherlich auch die nicht vorhandene Koordination des Weissen Hauses bei. In einzelnen US-Bundes-staaten werden mittlerweile bereits erneut drastische Eindämmungsmassnahmen verhängt. Darunter etwa Kalifornien, das mit 40 Millionen Einwohnern der bevölkerungsreichste Bundesstaat ist. Dies hat unmittelbare Folgen für das Wachstum. Bereits jetzt schon zeichnen sich erneute wirtschaftliche Rückschläge ab. Damit könnte aber ein wirtschaftlicher Neustart in den USA holpriger ausfallen als in der Eurozone. An den Devisenmärkten scheint dies nicht unbemerkt zu bleiben.

  1. Politische Unsicherheiten in den USA

Die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie, das Krisenmanagement im Umgang mit Covid-19 und die Rassismus Debatte in Folge des gewaltsamen Todes des Afroamerikaners Georg Floyd durch einen weissen Polizisten setzen Donald Trump zu. Die Zustimmungs- bzw. Ablehnungswerte des US-Präsidenten sprechen wie die untenstehende Grafik zeigt, eine klare Sprache. Derzeit müsste sich laut Umfragen der amtierende US-Präsidenten gegenüber seinem designierten Herausforderer Joe Biden wohl geschlagen geben.

Gerade in den sogenannten Swing-States, in denen es keine traditionellen Mehrheiten für die Republikaner oder Demokraten gibt, scheint das Pendel zugunsten von Joe Biden zu schwingen. Aber noch sind es vier Monate bis zu den Wahlen innerhalb derer sich die Stimmung auch wieder verändern kann. Was bleibt, ist eine gute Portion politische Unsicherheit in den USA, die in den kommenden Monaten den US-Dollar gegenüber dem EUR lasten könnte.

  1. Markttechnik

Aktuell durchbrechen die gleitenden Durchschnitte der vergangenen 50 und 100 Handelstage die 200-Tagelinie des EUR/USD-Wechselkurses.

Technische Indikatioren
Exakt die gleiche Formation lag im Mai 2017 vor. Zu damaligen Zeitpunkt startete der Euro eine Rally gegenüber dem US-Dollar, die bis zur Marke von 1.25 reichte. Rückenwind erhielt der Euro durch den Sieg Emanuel Macrons bei den französischen Präsidentschaftswahlen. Der Wachwechsel im Élysée-Palast weckte an den Devisenmärkten Reformhoffnungen. Parallelen zur gegenwärtigen Situation sind also offensichtlich. Das Zusammenrückend der EU-Staaten wird begleitet von markttechnischen Signalen, die darauf deuten lassen, dass sich der Euro zu höheren Niveaus aufmachen möchte.

Auswirkungen auf EUR/CHF und USD/CHF
Die erwarteten höheren Notierungen beim Währungspaar EUR/USD haben keine Auswirkungen auf unsere Einschätzung des Franken gegenüber dem Euro. Wir rechnen bislang schon mit einer Schwäche der eidgenössischen Valuta gegenüber der europäischen Währungsgemeinschaftswährung. Die Prognoserevision beim Devisenpaar EUR/USD bestätigt uns vielmehr in unserer Einschätzung. Aufgrund der verschiedenen Kurskonstellationen zwischen EUR/USD und EUR/CHF passen wir das Prognoseband des Franken gegenüber dem USD an und rechnen nun mit Notierungen zwischen 0.94 und 1.00.

Fazit
Die Zeichen einer Richtungsänderung beim Währungspaar EUR/USD mehren sich. Ein Mix zwischen einer EUR-Stärke und einer gleichzeitigen USD-Schwäche könnte ins Haus stehen. Auf der Oberseite könnte der Euro bis zur Marke von 1.20 gegenüber dem USD-Dollar aufwerten. Sollte sich die Corona-Krise an den Kapitalmärkten nochmals verschärfen und dabei Panik aufkommen, wäre jedoch der US-Dollar erneut aufgrund seiner herausragenden Stellung als Weltreservewährung gefragt. In diesem Fall bedarf es für höhere Kursnotierungen von EUR/USD etwas mehr Geduld. Doch eine fundamentale Fehlbewertung hat nicht ewig Bestand. Auch im Falle neuerlicher Aufwertungen würde vorausschauend gelten: Der Dollar ist reif für eine Abwertung. (VP Bank/mc/ps)

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Starker Euro, schwacher Dollar (21.07.2020, 135 kb)

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