Nach Milliardenverlust: Lufthansa verschärft Gangart bei Stellenabbau

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Die Lufthansa will mindestens 150 Jets dauerhaft am Boden lassen. (Foto: Lufthansa)

Frankfurt – Die Lufthansa rechnet in der Corona-Krise mit einer noch langsameren Erholung des Flugverkehrs und verschärft beim Stellenabbau ihre Gangart. „Wir erleben eine Zäsur des globalen Luftverkehrs“, sagte Vorstandschef Carsten Spohr bei der Vorlage der tiefroten Quartalsbilanz am Donnerstag in Frankfurt – wenige Wochen nach der Rettung des Konzerns durch den deutschen Staat.

„Vor 2024 rechnen wir nicht mehr mit einer anhaltenden Rückkehr der Nachfrage auf das Vorkrisenniveau.“ Das wäre ein Jahr später als bisher gedacht. Beim geplanten Abbau von weltweit 22’000 Vollzeitjobs hält der Vorstand Entlassungen auch in Deutschland für kaum noch vermeidbar.

An der Börse wurden die Nachrichten positiv aufgenommen. Nachdem der Verlust im zweiten Quartal nicht ganz so hoch ausfiel wie von Analysten erwartet, legte die Lufthansa-Aktie am Morgen um zeitweise rund acht Prozent zu. Zuletzt lag sie noch mit gut drei Prozent im Plus bei 8,45 Euro. Seit dem Jahreswechsel hat das Papier aber immer noch fast die Hälfte an Wert eingebüsst.

Betriebsbedingte Kündigungen unvermeidbar
Das Ziel, betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden, sei angesichts der Entwicklungen im weltweiten Luftverkehr und der Verhandlungen mit den deutschen Gewerkschaften nicht mehr realistisch, schrieb Spohr in einem Brief an die Mitarbeiter. Das Management verhandelt mit der Arbeitnehmerseite seit Monaten über ein Entgegenkommen etwa bei Gehältern und Teilzeitregelungen, um die Einschnitte zu begrenzen. Bisher liegen jedoch keine belastbaren Vereinbarungen mit der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit, der Flugbegleitergewerkschaft Ufo und der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi vor.

Dabei hat die Coronavirus-Pandemie die Lufthansa wie Fluggesellschaften in aller Welt in eine Krise ungekannten Ausmasses gestürzt. Vor wenigen Wochen stieg der deutsche Staat deshalb als Anteilseigner bei der Lufthansa ein – und verschaffte dem Konzern Eigenkapital und Kredite im Umfang von insgesamt neun Milliarden Euro.

Einschliesslich der Staatshilfen kam die Lufthansa Ende Juni auf eine Liquidität von 11,8 Milliarden Euro. Allerdings zahlte der Konzern im Juli bereits wieder fast eine Milliarde Euro an Kunden aus, deren Flüge wegen der Pandemie ausgefallen waren.

Operativer Verlust von 1,7 Milliarden Euro im Q2
Wie schwer die Krise die Lufthansa getroffen hat, wurde an den Zahlen des zweiten Quartals besonders deutlich. Weil der Passagierverkehr im April und Mai fast vollständig ausfiel, verbuchte die Lufthansa einen operativen Verlust (bereinigtes Ebit) von fast 1,7 Milliarden Euro. Das war fast eine halbe Milliarde mehr als schon im ersten Quartal. Analysten hatten im Schnitt sogar mit einem Minus von fast zwei Milliarden Euro gerechnet.

Dass es nicht noch schlimmer kam, verdankte das Unternehmen seiner Tochter Lufthansa Cargo, die von der stark gestiegenen Nachfrage nach Frachtflügen profitierte und einen operativen Rekordgewinn von 299 Millionen Euro einflog.

Der Konzernumsatz brach im Jahresvergleich um 80 Prozent auf 1,9 Milliarden Euro ein. Den Grossteil der verbliebenen Erlöse erwirtschafteten Lufthansa Cargo und die Wartungssparte Lufthansa Technik. Unter dem Strich verbuchte der Konzern einen Nettoverlust von rund 1,5 Milliarden Euro nach einem Gewinn von 226 Millionen ein Jahr zuvor.

Dabei wirkte sich der wieder etwas gestiegene Ölpreis positiv aus. Die Lufthansa konnte daher den Wert ihrer Verträge zur Absicherung der Treibstoffpreise um gut 200 Millionen Euro nach oben korrigieren. Nach dem ersten Halbjahr steht damit aber immer noch ein Wertverlust von 782 Millionen Euro zu Buche.

Tiefrote Zahlen auch in zweiten Halbjahr erwartet
Obwohl die Lufthansa ihren Flugverkehr inzwischen wieder schrittweise hochfährt, rechnet Spohr für die zweite Jahreshälfte mit tiefroten Zahlen im laufenden Geschäft. Nachdem sich der operative Verlust in den ersten sechs Monaten bereits auf 2,9 Milliarden Euro summierte, ist ein Milliardenverlust auch für das Gesamtjahr ausgemachte Sache. Analysten gingen im Schnitt zuletzt von einem operativen Minus von 4,7 Milliarden Euro aus. Mit schwarzen Zahlen rechnen sie frühestens wieder im kommenden Jahr. Ihre Prognosen liegen dabei jedoch noch weit auseinander.

Um den Konzern nach seiner Rettung durch den deutschen Staat wieder auf die Beine zu bekommen, dreht das Management stark an der Kostenschraube. Bis zum Jahr 2023 soll die Produktivität um 15 Prozent steigen. Die Flotte von zuletzt rund 760 Maschinen soll um mindestens 100 Jets schrumpfen.

Dennoch steht Abbau zigtausender Arbeitsplätze bevor. Bis Ende Juni hat die Lufthansa die Zahl ihrer Beschäftigten im Vergleich zum Vorjahr bereits um knapp 8300 auf 129’400 gesenkt. Laut Spohr fand dieser Abbau aber fast ausschliesslich im Ausland statt.

In den kommenden Wochen soll über die endgültige Stilllegung einzelner Flugzeugtypen und Teilflotten entschieden werden. Dort könnten Personalüberhänge über Jahre hinweg entstehen. Lufthansa ist zudem nicht bereit, die Fluglizenzen der Mitarbeiter für ausgemusterte Flugzeugtypen aufrecht zu erhalten.

Bereits bekannt sind die Schliessungspläne für Germanwings und die deutsche Tochter des Joint Ventures mit Turkish Airlines, SunExpress. Bei den Flugzeugtypen stehen vor allem die vierstrahligen Grossflugzeuge Airbus A380, A340 und Boeing 747 auf dem Prüfstand. Dennoch will die Lufthansa im Jahr 2024 wieder eine Flugkapazität wie in der Zeit vor der Krise anbieten. (awp/mc/ps)

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