Deutschland: Hohe Neuinfektionen belasten ZEW-Konjunkturerwartungen

Deutschland: Hohe Neuinfektionen belasten ZEW-Konjunkturerwartungen
ZEW-Präsident Achim Wambach. (Foto: ZEW)

Mannheim – Die Konjunkturerwartungen deutscher Finanzexperten haben sich im Oktober angesichts der wieder grösser werdenden Corona-Unsicherheiten überraschend deutlich eingetrübt. Wie das Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) am Dienstag mitteilte, fiel der von ihm erhobene Indikator um 21,3 Punkte auf 56,1 Punkte. Analysten hatten mit einem Rückgang auf 72,0 Punkte gerechnet. An den Finanzmärkten sorgten die schwachen Daten allerdings kaum für Kursreaktionen.

Der Indikator liegt damit zwar weiter im positiven Bereich. „Die grosse Euphorie der Monate August und September scheint aber verflogen zu sein“, kommentierte ZEW-Präsident Achim Wambach. „Die zuletzt stark gestiegene Zahl der Corona-Infektionen lässt die Unsicherheit über die weitere wirtschaftliche Entwicklung ansteigen.“ Hinzu komme die Aussicht auf einen Brexit ohne Handelsvertrag und die unsichere Situation vor den Wahlen in den USA.

Aktuelle Lage wird besser beurteilt
Verbessert hat sich hingegen die Beurteilung der aktuellen Lage. Der Indikator stieg um 6,7 Punkte auf minus 59,5 Punkte. Hier war ein etwas geringerer Anstieg auf minus 60,0 Punkte erwartet worden.

„Offenbar hat sich das Infektionsgeschehen direkt auf die Erwartungen der befragten Finanzmarktexperten niedergeschlagen“, kommentierte Jens-Oliver Niklasch, Volkswirt bei der Landesbank Baden Württemberg. „In der Tat ist die grösste Gefahr für die Konjunktur ein zweiter flächendeckender Lockdown.“ Das Schlussquartal werde konjunkturell schwieriger als noch vor vier Wochen gedacht.

„Nach der fulminanten wirtschaftlichen Aufholjagd im dritten Quartal herrscht nun vielerorts Tristesse“, sagte Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank. Auch ohne einen Lockdown werde die steigende Zahl an Neuinfektionen das Konsumverhalten belasten. Es sei zwar kein massiver Wachstumseinbruch zu befürchten, aber ein leicht rückläufiges Bruttoinlandsprodukt sei zum Jahresende nicht auszuschliessen.

Ähnliche Entwicklung in der Eurozone
In der Eurozone ist die Entwicklung ähnlich wie in Deutschland. Der Indikator für die Erwartungen sank um 21,6 Punkte auf 52,3 Punkte. Der Indikator für die aktuelle Konjunkturlage im Eurogebiet stieg hingegen um 4,3 Punkte auf einen Wert von minus 76,6 Punkten.

An der Umfrage vom 5. bis 12. Oktober haben sich 171 Analysten und institutionelle Anleger beteiligt. Sie wurden nach ihren mittelfristigen Erwartungen bezüglich der Konjunktur- und Kapitalmarktentwicklung befragt. Der Indikator Konjunkturerwartungen gibt die Differenz der positiven und negativen Einschätzungen für die zukünftige Wirtschaftsentwicklung auf Sicht von sechs Monaten in Deutschland wieder. (awp/mc/ps)

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