Alexis Weil, CEO Seniors@Work, im Interview

Alexis Weil, CEO Seniors@Work, im Interview
Alexis Weil, CEO Seniors@Work. (Foto: zvg)

von Patrick Gunti

Moneycab.com: Herr Weil, Ihr Startup Seniors@Work hat sich zum Ziel gesetzt, innovative Ansätze für das Arbeiten im Alter zu entwickeln. Wie kam es dazu?

Alexis Weil: Vor einem Jahr wurde mein Vater pensioniert und mir wurde bewusst, dass es eigentlich keine Möglichkeit gibt, die wertvolle Lebens- und Arbeitserfahrung der älteren Generation weiter einsetzen zu können. In der Schweiz gibt es über 1.5 Millionen Senioren, von denen viele viel Zeit haben und sich dadurch zum Teil auch einsam fühlen. Daher suchen viele Senioren aktiv nach Tätigkeiten, können aber nichts finden, obwohl sie sich oftmals noch immer körperlich und geistig fit fühlen und sich auch in der digitalen Welt gut auskennen. Gleichzeitig gibt es zum Beispiel viele Startups oder Vereine, die Unterstützung in der Buchhaltung benötigen oder Privatpersonen die auf der Suche nach Kinderbetreuung sind. Doch wie können sich Senioren und Auftraggeber mit wenigen Klicks finden? So war die Idee von Seniors@Work geboren.

Wie definiert sich «Senior» bei Seniors@Work? 60? 65? Rentner?

Die Zielgruppe von Seniors@Work sind motivierte sowie körperlich und geistig fitte Personen ab ca. 55 Jahren. Dies sind einerseits Personen kurz vor der Pensionierung bzw. Frühpensionierte und andererseits Menschen, die ab 65 Jahren in den offiziellen Ruhestand gehen.

Wie funktioniert Ihre Plattform?

Die Plattform ermöglicht es Privatpersonen, Unternehmen, Vereinen oder sogar Startups mit älteren Berufsleuten in Kontakt zu treten und ihre fachspezifischen Fähigkeiten und Erfahrung für kleinere und grössere Aufträge zu nutzen.  Senioren können ihre Dienstleistungen in Bereichen wie Buchhaltung, Administration, Kinderbertreuung etc. freiwillig oder gegen Entgelt anbieten. Auftraggeber haben die Möglichkeit, einen Auftrag zu veröffentlichen, also zum Beispiel „Buchhalter für Startup gesucht (20%)“. Auf diesen Auftrag können sich dann die Senioren bewerben und mit dem potentiellen Auftraggeber in Kontakt treten.

Gleichzeitig können aber auch Auftraggeber aktiv nach Senioren suchen. So kann mit Hilfe eines Suchfilters nach Senioren mit spezifischen Kenntnissen wie z.B. „Kinderbetreuung“ in der Nähe gesucht werden. Ist ein geeigneter Senior gefunden, kann er vom potentiellen Auftraggeber via Kontaktformular kontaktiert werden. Falls ein Auftrag zu Stande kommt, vereinbaren der Auftraggeber und der Senior die Termine und Preise für die gewünschten Dienstleistungen. Die Bezahlung, Garantieleistungen und Versicherungen ist Sache der Parteien. Seniors@Work ist zum heutigen Zeitpunkt eine Vermittlungsplattform.

«Die Plattform ermöglicht es Privatpersonen, Unternehmen, Vereinen oder sogar Startups mit älteren Berufsleuten in Kontakt zu treten und ihre fachspezifischen Fähigkeiten und Erfahrung für kleinere und grössere Aufträge zu nutzen.»  
Alexis Weil, CEO Seniors@Work

Und wie finanziert sich Seniors@Work in diesem Prozess?

In einer ersten Phase wird eine Gebühr für die Veröffentlichung eines Profils und eines Auftrags erhoben. Dadurch kann gewährleistet werden, dass nur seriöse Profile oder Aufträge erstellt werden. Dies erhöht die Qualität der Plattform. Denn schlussendlich soll das Matching zwischen Auftraggeber und Senior so effizient wie möglich gestaltet werden. Mittelfristig ist aber das Ziel, dass die ganze Transaktion via der Plattform abgewickelt wird. Pro Transaktion wird dann eine kleine Vermittlungsgebühr durch Seniors@Work erhoben.

Gibts es einen Kontrollmechanismus, ob die gemachten Angaben und Fähigkeiten auch zutreffend sind?

Jedes Profil und jeder Auftrag wird vor Veröffentlichung durch unser Team zuerst noch geprüft. Falls Fehler oder anstössige Informationen vorhanden sind, werden sie nicht veröffentlicht. Des Weiteren wird mit der Bewertungsfunktion durch den Auftraggeber Vertrauen geschaffen. Wenn beispielsweise ein Senior 100 Bewertungen mit einem Rating von 4.9 von 5 besitzt, dann ist das Vertrauen in die Person und ihre Fähigkeiten vorhanden. Solche Bewertungen funktionieren auf Plattformen wie AirBnb oder Uber schon sehr gut.

Was sind die Beweggründe der «Seniors», auf Ihrer Plattform präsent zu sein? Aktiv sein? Soziale Aspekte? Aufbesserung der Rente?

Für die meisten Senioren ist Folgendes wichtig: sie wollen immer noch ein aktives Mitglied der Gesellschaft sein und ihre Fähigkeiten weiter einsetzen sowie andere Menschen unterstützen können. Wichtig für sie ist einzig, dass sie ihre Freiheit und Flexibilität bewahren können. Sie wollen selber entscheiden können wann, wo, welchen Auftrag sie ausüben.

Für viele Senioren ist aber auch der soziale Aspekt von hoher Bedeutung. Altersvereinsamung ist nämlich ein grosses gesellschaftliches Problem. Durch Aufträge via Seniors@Work bekommt der Senior das Gefühl, dass er immer noch „gebraucht“ wird und kann so auch neue soziale Kontakte knüpfen! Dies kommt schlussendlich der ganzen Gesellschaft zu Gute: Studien zeigen, dass aktive Beschäftigung gleich wirksam für das Wohlbefinden eines Menschen ist wie Fitnessangebote. Glücklichere Senioren entlasten also auch das immer teurere Gesundheitssystem.

«Vor allem für Startups, KMU’s oder Vereine, welche zum Teil nicht so viele Ressourcen besitzen, können Senioren einen wertvollen Beitrag zur Wertschöpfung beitragen.» 

Über Seniors@Work soll man unkompliziert jemanden finden können, der während den Ferien das Haus hütet, mit dem Hund Gassi geht, Nachhilfe erteilt, die Steuererklärung ausfüllt oder Möbel zusammenschraubt. Das sind alles ehrenvolle Aufgaben – das Potenzial und das Knowhow 55-jähriger Arbeitnehmer könnte aber auch in anspruchsvolleren Bereichen erfolgreich eingesetzt werden…

Das ist richtig! Vor allem für Startups, KMU’s oder Vereine, welche zum Teil nicht so viele Ressourcen besitzen, können Senioren einen wertvollen Beitrag zur Wertschöpfung beitragen. Senioren üben nämlich die Tätigkeiten oftmals nicht aus finanzieller, sondern aus intrinsischer Motivation aus. Dies sind perfekte Bedingungen für solche Organisationen. Zudem bringen die Senioren ja sehr viel Lebens- und Arbeitserfahrung mit, von der die jüngere Generation extrem profitieren kann.

Nichtsdestotrotz sollte der soziale Aspekt nicht vernachlässigt werden! Daher ist es auch wichtig, dass jegliche Arten von Tätigkeiten auf der Plattform angeboten werden.

Gemäss einer aktuellen Deloitte-Studie sehen viele Unternehmen ältere Arbeitskräfte nicht als wertvolle Ressource, ein Drittel sieht sie sogar als Wettbewerbsnachteil. Welches sind für Sie die am häufigsten gehörten Vorurteile gegenüber älteren Mitarbeitenden?

Das Problem ist, dass die Gesellschaft ein falsches Bild von einer älteren Arbeitskraft bzw. von einem Senior hat. Der Begriff „Senior“ besitzt ein negatives Image: so denkt man gleich an eine Person mit grauen Haaren, welche an einem Stock geht und geistig nicht mehr fit ist. Zudem hat man das Gefühl, dass Senioren keine Ahnung von Internet oder Smartphones haben. Das Gegenteil ist der Fall. Von den 65- bis 74-Jährigen in der Schweiz benutzen schon über drei Viertel das Internet, Tendenz natürlich steigend. Senioren stehen also heutzutage noch mitten im Leben und sind voller Tatendrang!

Wo sehen Sie den grössten Wert, den das Alter im Arbeitsprozess haben kann?

Die vielseitige Erfahrung, die ältere Arbeitnehmer mitbringen, ist von grossem Vorteil. Mit Erfahrung ist nicht nur die Arbeits-, sondern auch die Lebenserfahrung gemeint. Für Startups mit oftmals jungen Gründern und Mitarbeiter im Unternehmen bringt eine ältere und erfahrene Person einen grossen Mehrwert. Sie kann einerseits normale Tätigkeiten wie Buchhaltung oder Administration übernehmen aber auch als eine Art Mentor mit grosser Erfahrung fungieren. Zudem sind Personen im offiziellen Ruhestand zeitlich flexibler und können schnell mal kurzfristig einspringen.

Der Arbeitskräftemangel wird sich in den nächsten Jahren verschärfen. Eine Chance für «Seniors», länger in der Berufswelt aktiv zu sein – wenn möglich sogar über das Rentenalter hinaus?

In den nächsten 15 Jahren wird sich die Anzahl der Senioren um über 20% erhöhen. Dies hat vor allem damit zu tun, dass die Babyboomer-Generation ins Rentenalter kommt, aber auch weil die Menschen länger leben. Gleichzeitig herrscht Arbeitskräftemangel. Daher werden die Ressourcen der älteren Arbeitskräfte immer mehr benötigt, jedoch gibt es bis anhin noch keine unkomplizierte Lösung für die Vermittlung von einer älteren Arbeitskraft mit dem Auftraggeber. Die Plattform von Seniors@Work löst nun dieses Problem indem sich der Auftragnehmer und Auftraggeber mit wenigen Klicks finden können.

Seniors@Work wurde 2018 gegründet. Wo stehen Sie damit heute, und wie stellen Sie sich die weitere Entwicklung vor?

Seniors@Work konnte im Herbst 2018 die wichtige strategische Partnerschaft mit Pro Senectute beider Basel, der grössten Senioreninstitution in der Region, eingehen. Diese Partnerschaft erleichtert den Zugang zu den Senioren und fördert die Glaubwürdigkeit gegenüber allen Stakeholdern. Offiziell wurde die Plattform Anfang November 2018 in der Region Basel lanciert und wir konnten schon einige Aufträge in verschiedenen Bereichen vermitteln. Zudem sind wir sehr stolz, dass wir die Helvetia Jubiläums-Pitch Session 2018 gewinnen konnten. Dies bestärkt uns in unserer Arbeit.

Für 2019 sind weitere wertvolle Partnerschaften angestrebt. Des Weiteren ist die nationale Expansion sowie die Integrierung eines Bezahlsystems und weiterer Dienstleistungen vorgesehen. Mittelfristig ist die internationale Expansion in mindestens Deutschland und Österreich beabsichtigt.

Herr Weil, besten Dank für das Interview.

Zur Person:
Alexis Weil schloss seinen Master in Finance & Accouting an der Universität St. Gallen ab. Nach verschiedenen Tätigkeiten in den Bereichen Finanz- und Versicherungswesen entschloss sich Weil 2018 seinen eigenen Weg zu gehen und gründete die Online Vermittlungsplattform Seniors@Work, von der er seither CEO ist.
Profil auf LinkedIn

Seniors@Work
Die Online Vermittlungsplattform Seniors@Work ermöglicht es Privatpersonen, Unternehmen, Vereinen oder Start-Ups mit älteren Berufsleuten in Kontakt zu treten und ihre fachspezifischen Fähigkeiten und Erfahrung für kleinere und grössere Aufträge zu nutzen. Auf der Plattform können motivierte Personen ab 55 Jahren freiwillig oder gegen Entgelt ihre Dienstleistungen in Bereichen wie Buchhaltung, Administration, Gartenpflege, Handwerk, Arbeiten am Haus und vielen anderen Bereichen anbieten.

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