Andreas Waespi, CEO Bank Coop

Andreas Waespi

Andreas Waespi, CEO Bank Coop.

Von Helmuth Fuchs

Moneycab: Der Beitrag von 11,6 Millionen Franken zur Schliessung der Deckungslücke in der Pensionskasse wegen dem Wechsel auf das Beitragsprimat für 2014 hat den Gewinn nach unten korrigiert. Bei Kunden-, Anlagegeldern und Hypothekarforderungen haben Sie neue Rekordwerte erreicht. Wie beurteilen Sie das Halbjahresergebnis, welches werden die grössten Herausforderungen im zweiten Halbjahr sein? 

Andreas Waespi: Unsere operative Leistung im ersten Halbjahr erachten wir als sehr solide. In einem weiterhin angespannten Finanzumfeld hätten wir ohne Berücksichtigung des Sonderaufwands für die Pensionskasse eine Bruttogewinnsteigerung von 4% im Vergleich zum Vorjahr erzielt. Der Zuwachs an Hypotheken und Kundengeldern freut uns und zeigt, dass die Bank Coop ihre Stellung im Schweizer Markt weiter ausbaut. Die grössten Herausforderungen im zweiten Halbjahr sind nach wie vor der Margendruck, die regulatorischen Reformen sowie die Unsicherheiten an den Finanzmärkten, welche durch viele exogene Faktoren beeinflusst werden.

«Kunden haben langsam das Vertrauen in die Aktienmärkte zurückgewonnen, das zeigt die positive Entwicklung der Kommissionserträge.» Andreas Waespi, CEO Bank Coop

Fast eine halbe Milliarde Franken Neukundengelder (+493,7 Millionen Franken) tragen wesentlich zum neuen Höchststand an Kundengeldern von 11,5 Milliarden Franken bei. Ist Sparen in der Krise die Antwort zu deren Bewältigung?

Kunden haben langsam das Vertrauen in die Aktienmärkte zurückgewonnen, das zeigt die positive Entwicklung der Kommissionserträge. Sie sind jedoch immer noch vorsichtig. Spargelder bieten eine gute Möglichkeit zur Diversifizierung des Risikos und dies ganz besonders, wenn die Verzinsung im Marktvergleich so attraktiv ist wie bei unserem Sparkonto Plus. Mit einem Zinssatz von 0,25% im ersten Jahr und einem Zinsbonus von 1% auf Neugeld hat die Nachfrage nach dem Sparkonto Plus massgeblich zum Zuwachs bei den Spargeldern beigetragen.

Basel-Stadt und das Untere Baselbiet gehören gemäss der UBS-Einschätzung im «Swiss Real Estate Bubble Index» zu den Regionen mit erhöhtem Risiko in der Immobilien-Preisentwicklung. Die Bank Coop hat ein Hypothekarwachstum von 306,3 Millionen Franken (+2,5%) im ersten Halbjahr erreicht. Wie beurteilen Sie das Risiko dieser Position?

Die Bank Coop ist ein schweizweit tätiges Institut mit einem Marktanteil von ca. 1.5% am schweizerischen Hypothekarmarkt. Das Hypothekarportfolio der Bank ist daher entsprechend breit diversifiziert. Der Anteil der beiden genannten Regionen, die zu den prosperierendsten Regionen der Schweiz gehören, beträgt derzeit ca. 10% des Gesamtportfolios. Die Bank hat in den vergangenen Jahren ihr Hypothekarwachstum bewusst reduziert, an ihren vorsichtigen Vergabestandards konsequent festgehalten und massvolles und qualitativ hochwertiges Wachstum generiert.

Das Zinsgeschäft liefert fast zwei Drittel des Betriebsertrages (63,7%), unterliegt aber einem hohen Margendruck und muss durch Absicherungsgeschäfte, die wiederum Kosten generieren, geschützt werden. Was heisst das für das zu erwartende Jahresergebnis?

Die gesamte Branche bekommt den Margendruck und das tiefe Zinsniveau natürlich seit geraumer Zeit zu spüren. Die Bank Coop hat bereits seit längerer Zeit Anstrengungen unternommen, um im bestehenden Marktumfeld ein stabiles Zinsergebnis ausweisen zu können. Eine Prognose bezüglich des Jahresergebnisses ist derzeit grundsätzlich sehr schwierig. Wir halten auf jeden Fall an unseren Investitionen fest. Durch gezielte Marketingmassnahmen wie unserer Regionalkampagne „Beratung durch Begeisterung“ und unsere TV-Spots wollen wir das Wachstum weiter vorantreiben.

«Die Bank hat in den vergangenen Jahren ihr Hypothekarwachstum bewusst reduziert, … und massvolles und qualitativ hochwertiges Wachstum generiert.»

Da die Bank Coop sich dem Thema «Fairness» verschreiben hat, bilden «Familienfreundlichkeit und Chancengleichheit» spezielle Schwerpunkte des folgenden Teils des Interviews

Gleichberechtigung und Gleichstellung von Frauen im Beruf scheinen immer wieder ein Thema zu sein. Wieso sind Frauen in Führungsetagen immer noch stark untervertreten?

Das hat sicher mehrere Gründe. Zum einen werden in Führungsetagen nur selten Teilzeitmodelle angeboten, weil allgemein die Meinung vorherrscht, dass dies schwierig mit den familiären Aufgaben zu vereinbaren ist. Zum anderen trauen sich Frauen weniger zu als Männer. Sie sind z.B. von allzu fordernd formulierten Stellenausschreibungen leichter abgeschreckt.

«Mit einer Frauenquote von 25% im Verwaltungsrat liegt die Bank Coop über dem Schweizer Durchschnitt, der bei ca. 10% liegt.»


Bei der Bank Coop ist eine Frau in der dreiköpfigen Geschäftsleitung, zwei von acht VR-Positionen sind von Frauen besetzt. Welche Massnahmen sind vorgesehen, um auch hier den Frauenanteil zu erhöhen?

Mit einer Frauenquote von 25% im Verwaltungsrat liegt die Bank Coop über dem Schweizer Durchschnitt, der bei ca. 10% liegt. Bei den grossen Konzernen der Schweiz hat sich der Anteil Frauen im Verwaltungsrat in den letzten Jahren auf 17% erhöht. Auch diesen Wert übertrifft die Bank Coop. Allerdings haben wir auf die Zusammensetzung unseres Verwaltungsrats nur wenig Einfluss. Ein Grossteil der Mitglieder wird vom Bankrat der Basler Kantonalbank in das Gremium vorgeschlagen, da die BKB die Mehrheit an der Bank Coop besitzt. Generell haben wir ein grosses Interesse an diversifizierten Teams, weil wir davon überzeugt sind, dass gemischte Teams bessere Ergebnisse erzielen. Dies betrifft nicht nur die Geschlechter sondern z.B. auch das Alter.

Flexible Arbeitszeiten und vor allem Betreuungsplätze für Kinder scheinen gute Voraussetzungen zu sein, damit Frauen sich karrieremässig ebenso wie Männer entwickeln können. Was bietet hier die Bank Coop ihren weiblichen Angestellten und welche zusätzlichen Massnahmen fördern aus Ihrer Sicht die Gleichstellung?

Die Bank Coop bietet ihren Mitarbeiterinnen einen ganzen Katalog an Unterstützungsmöglichkeiten an. Dazu gehört zum Beispiel die Möglichkeit der Telearbeit, d.h. ein Teil der Arbeit kann von zu Hause aus erledigt werden oder Teilzeitarbeit – und dies auch in Führungspositionen. Als Mitarbeiterin kann man von einem verlängerten, unbezahlten Mutterschaftsurlaub profitieren; es können entsprechende Freitage bezogen werden, wenn das Kind krank ist und die Bank Coop bezahlt Familienzulagen. Falls familienergänzende Kinderbetreuung nötig ist, beteiligt sich die Bank Coop auch finanziell an den Kosten. Als entscheidend erachten wir es, die Männer in den Prozess einzubeziehen. Deshalb bieten wir überdurchschnittlich lange Vaterschaftsurlaube an oder Daddy-Lunches, an denen sich Väter untereinander während dem Mittagessen über aktuelle Themen austauschen können. Und wir sind Sponsor des Schweizerischen Vätertags. Der Weg zur Gleichstellung fordert ein Umdenken und dieses Umdenken erreicht man am einfachsten durch den Einbezug der Führungskräfte auf allen Ebenen.


In der Finanzbranche lagen die Löhne der Frauen im 2010 bei gleichen Voraussetzungen noch knapp 11% unter denjenigen der männlichen Kollegen. Lohngleichheit ist ein Verfassungsrecht, weshalb wird das nicht einfach zwingend durchgesetzt?

Das ist leider nicht so einfach machbar. Es gibt Grössen in der Lohngestaltung, die nicht objektiv erklärbar sind, und das wird es auch immer geben. Der Arbeitgeber kann den neuen Mitarbeiter ja anfangs noch nicht vollständig einschätzen und orientiert sich an dessen Forderungen. Dabei kommt den Männern ihr in der Regel grösseres Selbstvertrauen zu Gute, sie verhandeln dadurch geschickter als Frauen.

Die Bank Coop hat im November 2011 den Chancengleichheitspreis beider Basel bekommen und nahm als erstes Finanzinstitut am Lohngleichheitsdialog teil. Wie sieht es in Ihrem Unternehmen bezüglich Lohngleichheit aus, welche Massnahmen sind vorgesehen um noch bestehende Unterschiede zu eliminieren und ab wann wird Lohngleichheit bestehen (Jahr)?    

Wir haben den Lohngleichheitsdialog im April 2012 gestartet. Ziel des Lohngleichheitsdialoges ist es, festgestellte Abweichungen innerhalb von vier Jahren soweit zu senken, dass diese noch maximal 5% betragen. Dies ist die festgelegte Toleranzschwelle für unerklärbare Unterschiede in der Entlohnung. Der Wert der Bank Coop liegt aktuell bei 5.6% – dies nach der Initialisierung von ersten Massnahmen im vergangenen Jahr. Damit liegt die Bank Coop schon heute deutlich unter dem Durchschnitt von anderen Finanzinstituten, welche bei ca. 11% liegen.

Frauen bestimmen zunehmend in Partnerschaften, Haushalten, Unternehmen und politischen Gremien über die finanziellen Belange mit. Wie wirkt sich das auf die Verkaufs- und Anlagestrategie der Bank Coop aus?

Aus den genannten Gründen legt die Bank Coop schon seit Jahren Wert auf eine frauenspezifische Beratung als Bestandteil unseres Programms „eva“. Dabei werden Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen speziell auf die Bedürfnisse der Frauen in Finanzgeschäften geschult.

«85,7% der Mitarbeiterinnen kommen nach dem Mutterschaftsurlaub zurück zur Bank Coop.»

Am einfachsten liesse sich ein höherer Frauenanteil und eine verbesserte Gleichstellung erreichen, wenn damit auch ein finanzieller Vorteil für ein Unternehmen verbunden wäre. Gibt es dazu schon Erfahrungswerte der Bank Coop (Fluktuation, Rückkehrquote nach Mutterschaftsurlaub…)?

Ja. Investitionen in Frauenförderung und Familienfreundlichkeit zahlen sich aus, das zeigen eigene Erfahrungswerte. 85,7% der Mitarbeiterinnen kommen nach dem Mutterschaftsurlaub zurück zur Bank Coop – überwiegend in die vorherige oder eine ähnliche Position. Der Wert hat sich seit der Umsetzung von Massnahmen zur Förderung der Familienfreundlichkeit 2003 deutlich erhöht. Dies ist ein grosser Gewinn, da somit das Know-how im Unternehmen gehalten werden kann und Personalbeschaffungskosten gespart werden. Der positive Effekt zeigt sich auch in der Fluktuationsrate, welche sich von 17,1% im Jahr 2002 auf 12,9% im Jahr 2012 reduziert hat.


Was ist wichtiger, Gleichstellung oder Wettbewerb?

Noch immer ist die Meinung verbreitet, dass eine Unternehmung keine Gleichstellung umsetzen kann, ohne Abstriche in ihrer Wettbewerbsfähigkeit machen zu müssen. Genau das Gegenteil ist der Fall. Wir sehen unsere Investitionen in die Gleichstellung als Wettbewerbsvorteil an, der in Zukunft sogar noch an Bedeutung zunehmen wird. Wobei wir bereits schon heute der Meinung sind, dass man Gleichstellung mit Diversität ersetzen sollte. Denn die Mischung macht den Unterschied.


Zum Schluss des Interviews haben Sie zwei Wünsche frei, wie sehen diese aus?

Dass wir mit unseren positiven Erfahrungen im Bereich der Chancengleichheit andere Unternehmen zur Nachahmung motivieren können. Und dass der Finanzbereich nach den Vorkommnissen der letzten Jahre endlich die Talsohle durchschritten hat und nun wieder bessere Zeiten vor uns liegen.

Der Gesprächspartner:
Andreas Waespi ist eidg. dipl. Bankfachmann, Absolvent der Swiss Banking School und hat diverse internationale Management Ausbildungen abgeschlossen. Seit Dezember 2005 ist er Vorsitzender der Geschäftsleitung der Bank Coop. Zuvor war er von 1977 bis 1995 für die Schweizerische Volksbank tätig. Von 1996 bis 2005 leitete er den Bereich Privatkunden der Basler Kantonalbank und war Mitglied der Geschäftsleitung. Zudem wurde er in dieser Zeit zum stellvertretenden Direktionspräsidenten und stellvertretenden Vorsitzenden der Konzernleitung ernannt. Andreas Waespi unterhält zahlreiche Verwaltungsratsmandate im Finanzdienstleistungsbereich.

Das Unternehmen:
Die Bank Coop AG ist eine gesamtschweizerisch tätige Bank. Sie offeriert alle wesentlichen Bankprodukte und Dienstleistungen für Privatkunden und KMU. Als kundennahe Bank legt die Bank Coop Wert auf faire Konditionen. Sie differenziert sich durch ein umfassendes Angebot an nachhaltigen Bankprodukten und Engagements. Mit der Dienstleistung “eva” bietet die Bank Coop zudem ein spezielles Angebot für Frauen. Seit 2000 hält die Basler Kantonalbank eine Mehrheitsbeteiligung an der Bank Coop. Der Hauptsitz befindet sich in Basel.

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