Anil Varghese, CEO Headsquarter (Workspace Management AG), im Interview

Anil Varghese
Anil Varghese, CEO Headsquarter (Workspace Management AG). (Foto: zvg)

von Patrick Gunti

Moneycab.com: Herr Varghese, Sie führen zwei Coworking Spaces in der Stadt Zürich. Wie haben bisher eineinhalb Jahre Pandemie die Akzeptanz und die Entwicklung von Coworking beeinflusst?

Anil Varghese: Co-working als Branche hat sicherlich gelitten während der Pandemie. Insbesondere klassische Co-working spaces, die einzelne Arbeitstische tageweise an Individuen vermieten, hatten einen schweren Stand. Im B:B-Segment spüren wir eine starke Zunahme der Nachfrage. Es scheint, als hätte die Pandemie das konventionelle Büromodell, in dem man sich für fünf Jahre verpflichtet und erstmal Ausbau- und Austattungskosten auf sich nimmt, abgelöst. Es ist salonfähig geworden, sich auch als etabliertes KMU oder als Grosskonzern, unter flexibler Vertragsstruktur in einen geteilten und flexiblen Space einzumieten. Mehr noch gehört es beinahe zur «corporate responsibility» im Sinne eines internen Audits, regelmässig Fixkosten kritisch zu hinterfragen – und darunter fallen auch die Miete für ein konventionelles Büro.

Wie ist Headsquarter in diesem Umfeld aufgestellt?

Co-working beschreibt eher einen Sektor als ein bestimmtes Produkt. Die Workspace Management AG, die Gesellschaft hinter Headsquarter, sieht sich als Anbieter zeitgemässer Arbeitsplatzlösungen. In diesem Kontext bieten wir ein «Office as a Service»-Konzept, also das Büro als Dienstleistung im Rundum-sorglos Paket. Dies beinhaltet die schlüsselfertige zur Verfügungstellung von attraktiven Büros, die komplette Übernahme vom Office-Management und ein umfängliches Angebot an Hotel ähnlichen Dienstleistungen.

Wie hat sich die Pandemie wirtschaftlich auf Ihr Unternehmen ausgewirkt?

Sie hat sicherlich den Verkauf neuer Mitgliedschaften erschwert. Die Neueröffnung vom Talacker 41 inmitten der Pandemie war eine gewisse Herausforderung. Wirtschaftlich konnten wir dank der Loyalität unserer Kunden kurzfristige Einbussen vermeiden. Gleichwohl waren wir gezwungen, unser Betriebsmodell in jedem Bereich regelmässig und in noch mehr Details zu prüfen und wo sinnvoll Anpassungen vorzunehmen. Wir sind stolz darauf, dass das Resultat aus diesen internen Übungen jeweils immer eine Bestätigung und Bekräftigung des Geschäftsmodells war.

«Es ist salonfähig geworden, sich auch als etabliertes KMU oder als Grosskonzern, unter flexibler Vertragsstruktur in einen geteilten und flexiblen Space einzumieten.»
Anil Varghese, CEO Headsquarter

Welche Massnahmen waren Sie gezwungen, zu treffen? Wie haben sich Funktionalität und Design der Coworking Spaces Pandemie-bedingt verändert?

Unsere Spaces haben sich physisch nicht verändert. Das operative Konzept wurde selbstverständlich gemäss unserem Schutzkonzept angepasst. Gleichzeitig glauben wir, dass sich das Bedürfnis ans Office verändert hat und dass das Büro der Zukunft anstelle von fokussiertem Arbeiten eher für Arbeiten im Team genutzt werden wird, z.B. Workshops, Kundentreffen, Wissenstransfer, Kollaboration etc. Es kann sein, dass dies mittelfristig einen Einfluss auf die Raumgestaltung unserer Workspaces üben wird. Hier sind wir in laufenden Gesprächen mit unseren Mitgliedern, um bezüglich deren Bedürfnisse stets den Puls zu spüren.

Ihren Expansionsplänen zufolge ist die Nachfrage aktuell sehr gross…

Wir dürfen aktuell überdurchschnittlich viele und gute Anfragen bearbeiten. Gleichzeitig laufen bereits die nächsten Expansionspläne. So eröffnen wir noch dieses Jahr am Talacker 41, im Herzen von Zürich, weitere 100 Arbeitsplätze. Wir sind davon überzeugt, dass Headsquarter optimal positioniert ist um das Momentum, resultierend aus dem Strukturwandel im Büromarkt, aufzufangen. Entsprechend expandieren wir, um anderen Unternehmen ein zeitgemässes Arbeitsplatzerlebnis bieten zu können, welches sich in jedem Bereich an die neuen Bedürfnisse von hybridem Arbeiten anpasst. Die Durchschnittsperson arbeitet zu Lebzeiten rund 90’000 Stunden. Wir erachten das Leben als zu kostbar für zweitrangige Arbeitsplätze.

Wurde Coworking früher oft mit Startups und Freiberuflern in Verbindung gebracht, mieten sich immer mehr KMU und auch grosse, etablierte Unternehmen ein. Auch dies eine Folge der Pandemie oder beschleunigt diese einen eh einen vorhandenen Trend?

Die Dynamik im Büromarkt in Richtung mehr offener und geteilter Flächen besteht schon länger. Oftmals waren dies jedoch lediglich firmeninterne Initiativen. Die Tatsache, dass viele Unternehmen wegkommen von der Bedeutung eines eigenen Hauptsitzes und zum Wohl ihrer Mitarbeiter gewillt sind, eine kommerziell sinnvollere, operativ und logistisch einfachere Lösung zu finden, ist neu und wurde beschleunigt als Folge der Pandemie. Während die ersten Co-working spaces hauptsächlich das Resultat einer kostenbasierten Überlegung waren, werden heutige Konzepte neben der Flexibilisierung der Kosten ebenfalls aufgrund des schlicht besseren Arbeitserlebnisses gesucht. Deswegen sind KMUs und Corporates in unseren Spaces inzwischen mindestens genauso präsent, wenn nicht übervertreten, im Vergleich zu Startups.

Welche Branchen lassen sich bei Ihnen schwergewichtig nieder?

Bis anhin haben wir es gut hingekriegt, eine vielschichtige Mieterschaft zu bedienen. Unter den etwas mehr als 500 Mitgliedern sind zahlreiche Branchen vertreten, so zum Beispiel grössere Software-Konzerne, Fintechs, Asset Management Firmen, Architektur-Büros, EdTech-Startups, Headhunters, Agenturen und neu auch der eine oder andere Kunstschaffende. Die zwischenmenschlichen Interaktionen unter den Mitgliedern der verschiedenen Unternehmen sind eines unserer Alleinstellungsmerkmale. Dafür wird die Vielschichtigkeit gewollt und in der Kuratierung unserer Mitglieder bewusst gesteuert.

«Die zwischenmenschlichen Interaktionen unter den Mitgliedern der verschiedenen Unternehmen sind eines unserer Alleinstellungsmerkmale. Dafür wird die Vielschichtigkeit gewollt und in der Kuratierung unserer Mitglieder bewusst gesteuert.»

Viele Mitarbeitende möchten das Homeoffice gar nicht mehr verlassen, andere konnten es gar nicht erwarten, dort wieder rauszukommen. Wo orten Sie die wichtigsten Gründe, wieder in ein Büro zu kommen?

Der wichtigste Grund liegt in der Regel an der Vereinsamung im Homeoffice, sprich dem fehlenden sozialen Austausch mit Arbeitskollegen und Kunden. Inzwischen weiss man auch, dass der soziale Austausch nicht lediglich der mentalen Hygiene dient, sondern messbaren Einfluss auf die Produktivität eines Unternehmens hat. Studien belegen, dass es die nicht planbaren, spontanen Zusammentreffen im Office sind, die zu wertschaffenden Ideen führen. So wundert es auch nicht, dass eine wachsende Anzahl Unternehmen bewusst «collisionable hours» misst, also die Zeit, in der zufällige Zusammentreffen im Space ermöglicht werden, beeinflusst durch die bewusste Gestaltung von Arbeitsplatzkonzepten.

Wie korrelieren die Ansprüche der Arbeitgeber mit denjenigen der Arbeitnehmenden in einem Coworking Space?

Das Interesse jeden Arbeitsgebers sollte die Zufriedenheit und die Produktivität ihrer Mitarbeitenden sein. Wir sind der festen Überzeugung, dass wir mit unserem starken Fokus auf Hospitality Dienstleistungen unseren Mitgliedern ein überlegenes Arbeitsplatzerlebnis und absolute Sorgenfreiheit bieten können. Neben dem interessanten kommerziellen Angebot schätzen Arbeitgeber die Tatsache, dass ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gut umsorgt werden. Grundsätzlich muss die Balance zwischen Produktivität, Inspiration und Erholung stimmen. Dies hängt jeweils massgeblich vom richtigen Co-working Produkt ab. In allem was wir tun, stellen wir stets die Mitglieder ins Zentrum unserer Überlegungen und versuchen inkrementell entlang der gesamten «User Journey» den physischen Raum, die Service- Dienstleistungen und Technologie in ein stimmiges Erlebnis zu vereinen. Dafür kriegen wir bis anhin sehr gute Rückmeldungen, was sich nicht zuletzt auch positiv auf das Employer Branding eines Arbeitgebers auswirkt.

«Wir sind der festen Überzeugung, dass wir mit unserem starken Fokus auf Hospitality Dienstleistungen unseren Mitgliedern ein überlegenes Arbeitsplatzerlebnis und absolute Sorgenfreiheit bieten können.»

Open Space, private Büros, grössere und kleine Flächen, Meetingräume – und alles präsentiert als moderne und abwechslungsreiche Arbeitswelt. Welches sind die wichtigsten Ingredienzen einer inspirierenden Arbeitsatmosphäre?

Das Denken in Activity Zones. Eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter in der wissensbasierten Ökonomie (knowledge workers) hat an einem regulären Arbeitstag verschiedene Bedürfnisse. Als Workspace Experten sind wir davon überzeugt, dass das Erlebnis optimiert werden kann, je besser wir diese Bedürfnisse abdecken. Dies umfasst alles von fokussiertem individuellem Arbeiten, zu Arbeit in der Gruppe, Kundenmeetings aber auch Inspiration, Erholung und Möglichkeiten der Wissensvermittlung. Wenn wir für jedes dieser Bedürfnisse das optimale Raum- und Dienstleistungsangebot schaffen, dann beflügelt dies 1:1 die Wahrnehmung eines inspirierenden Arbeitsplatzes.

Welchen Ansatz verfolgen Sie bei der Community-Pflege?

Der erste Schritt besteht in der Kuratierung passender Mitglieder. Insbesondere bei geteilten Flächen ist es wichtig, dass eine bereichernde, aber kompatible Heterogenität entsteht. Deshalb müssen Opportunitäten geschaffen werden, räumlich als auch durch gezielte Aktionen im Space, dass sich eine Community auf natürliche Art und Weise bildet. Dies ist essenzieller Bestandteil unseres Konzeptes. Das Wertversprechen liegt nicht lediglich in der zur Verfügungstellung von attraktiven und funktionalen Räumlichkeiten, sondern darin, dass eine Community besteht, in der es regelmässig zu bereichernden menschlichen Interaktionen kommt.

Coworking ist ein wettbewerbsintensiver Markt. Welche Alleinstellungsmerkmale weist Headsquarter auf?

Alle Mitarbeiter von Headsquarter haben im Laufe ihrer Karriere in der Hotellerie gearbeitet. Damit bringen Sie in den täglichen Interaktionen mit unseren Mitgliedern ein besonderes Service-Verständnis mit und legen eine natürliche Haltung als Gastgeber an den Tag.

Herr Varghese, besten Dank für das Interview.

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