Bruno Stiegeler, CEO Bank WIR Genossenschaft, im Interview

Bruno Stiegeler
Bruno Stiegeler, CEO Bank WIR. (Foto: zvg)

von Bob Buchheit

Moneycab.com: Herr Stiegeler, im ersten Halbjahr 2022 konnte Ihre Bank die Hypothekarausleihungen noch einmal um 4,3% steigern. War’s das jetzt fürs Erste?

Bruno Stiegeler: Dieser Wachstumswert entspricht in etwa dem der vergangenen Geschäftsjahre. Die erzielten 4,3 Prozent liegen etwas über unseren Plänen – nehmen wir aber gerne so mit. Ganz generell lässt sich sagen, dass der von der Bank WIR anvisierte Kundendeckungsgrad bei 80 bis 85 Prozent liegt – entsprechend nehmen wir beim Blick aufs Kreditwachstum auch Rücksicht auf die Refinanzierungsseite, sprich den Zuwachs bei den Kundengeldern.

Mir ging es bei der Frage eher um die Wende am Immobilienmarkt. In China werden gerade die brutalen Übertreibungen der letzten Jahre abgebaut. Kann es auch in der Schweiz zu einem radikalen Preissturz kommen?

Nein, dieses Szenario sehe ich überhaupt nicht. Selbstverständlich sind auch bei uns Korrekturen möglich. Entscheidend sind aber Objektkategorie und – ganz wichtig – die Region.

Sie sind in der Hypothekarvergabe schweizerisch vorsichtig. Dennoch: Gibt es in der Zukunft mehr Rückstellungen?

Es ist richtig, dass die Bank WIR eine vorsichtige Kreditpolitik betreibt und vorwiegend hypothekarisch gedeckte Kredite vergibt. Rückstellungen und Wertberichtigungen wurden und werden bei uns immer vor- und weitsichtig gemacht. So verhindern wir unangenehme Sondereffekte und Schwankungen.

«Wie bei der sofortigen Abschaffung von Negativzinsen darf man von uns als bodenständige und rein-schweizerische Genossenschaftsbank künftig wieder mit sehr guten Spar- und Vorsorgezinsen rechnen.»
Bruno Stiegeler, CEO Bank WIR Genossenschaft

Sie haben die Negativzinsen abgeschafft. Und zwar als erstes gesamtschweizerisch operierendes Finanzinstitut genau am Tag nach der Zinserhöhung der Schweizerischen Nationalbank. Ich nehme an, dass sich im Zinsdifferenzgeschäft für die Bank WIR im zweiten Halbjahr dennoch wenig ändern wird?

Ja, davon gehe ich aus. Aber natürlich wollen wir unser Missionsversprechen, unserer Kundschaft – Private und KMU – Spar- und Vorsorgelösungen zu Top-Konditionen anzubieten, einhalten. Wie bei der sofortigen Abschaffung von Negativzinsen darf man von uns als bodenständige und rein-schweizerische Genossenschaftsbank künftig also wieder mit sehr guten Spar- und Vorsorgezinsen rechnen.

Im Eigenhandel lief’s im ersten Halbjahr schlecht. Was denken Sie, bringt da die Zukunft?

Die Bank WIR investiert traditionell einen Teil ihrer Eigenmittel ganz bewusst und in allen Belangen breit diversifiziert in Wertschriften. Im ersten Halbjahr 2022 resultierte daraus ein Bewertungsverlust. Der konnte aber dank unserer kerngesunden Kapitalbasis über den sehr gut ausgestatteten Topf für Schwankungsreserven ausgeglichen werden. Zudem darf man nicht vergessen, dass wir mit diesen Anlagen Erträge in Form von Zinsen und Dividenden erwirtschaften. In der langfristigen Betrachtung lässt sich sagen, dass wir mit unserer Anlagestrategie die erwartete Rendite erzielt haben.

«In der langfristigen Betrachtung lässt sich sagen, dass wir mit unserer Anlagestrategie die erwartete Rendite erzielt haben.»

Durch Stärkung der Reserven stieg Ihre BIZ-Ratio gemäss Basel III auf 15,4 Prozent. Ist das nun die langfristige Komfortzone?

Beim Thema der gesunden Finanzen wollen wir nicht von «Komfortzone» reden. Die Bank WIR hat kontinuierlich den Anspruch, sich zu verbessern und die strengen regulatorischen Vorgaben der Finma weiterhin deutlich zu übertreffen. Auf einen einfachen Nenner gebracht: Wir sind für alle jederzeit ein sicherer, stabiler und kerngesunder Partner – und dies nachhaltig und verlässlich.

Rund 7000 Neukunden konnten Sie in der volldigitalen Wertschriften-Vorsorgelösung VIAC gewinnen. Was kann man von VIAC weiter erwarten?

Die von Ihnen angesprochenen 7000 Kundinnen und Kunden beziehen sich alleine auf den Zuwachs in den ersten sechs Monaten 2022 – gesamthaft zählt VIAC 70’000 Kundinnen und Kunden mit einem verwalteten Vermögen von 1,9 Milliarden Franken. Wir sind Pionier im Vorsorge-Wertschriftensparen, gelten in diesem Bereich als Benchmark und werden punkto Performance und Kosten in unabhängigen Tests laufend ausgezeichnet. Nebst den Angeboten in der zweiten und dritten Säule sowie der erfolgreich lancierten VIAC-Hypotheken und -Versicherungslösungen arbeiten wir an weiteren Anlagemöglichkeiten und haben die Ambition, auch im freien Wertschriftensparen künftig Zeichen zu setzen.

«Wir wollen auch im freien Wertschriftensparen Zeichen setzen.»

Die Bank WIR gibt auch ein über 70seitiges KMU-Magazin heraus. Welche Marktplatzrolle spielt es?

Das «WIRinfo – das Magazin für Schweizer KMU» steht in erster Linie unseren Firmenkunden zur Verfügung und spielt über den Inserateteil mit WIR-Angeboten in der Tat eine wichtige Rolle für das Netzwerk der einzigartigen KMU-Komplementärwährung. In Sachen Printmedien gibt es zudem das halbjährlich erscheinende Magazin «PLUS» für alle Privatkundinnen und -kunden. Doch Print ist nur ein Bestandteil in unserem Kommunikationsmix, der beispielsweise mit dem Blog, unseren Social-Media-Auftritten sowie neuen Kanälen wie dem im Dezember 2021 lancierten «O-Ton»-Podcast abgerundet wird. Mit Letzterem haben wir übrigens bereits einen Link zum Eventformat gemacht: Beim ersten «O-Ton live – der KMU-Talk» durften wir Beni Huggel, Giulia Steingruber und Matthias Glarner begrüssen – nachzuhören übrigens auf allen gängigen Podcast-Plattformen.

Weiss man schon genauer, wie Bankkunden zu Genossenschaftlern werden können?

Ja, ab sofort kann jeder Kunde, jede Kundin durch die Zeichnung eines Anteilscheins Genossenschafter respektive Genossenschafterin werden. Diese Möglichkeit werden wir zudem ab 2023 mit attraktiven Angeboten kommunikativ befeuern.

Die Dividendenrendite lag bei der letzten Ausschüttung bei 2,4% für die Kapitalgebenden. Seit zehn Jahren entspricht das immer etwa zehn Franken pro Stammanteil. Wieso sollte man der Bank WIR Kapital zuschiessen, wenn die Inflation höher als 2,4% ist?

Dieser Vergleich hinkt. Die Rendite des Stammanteils der Bank WIR muss in Relation zu anderen Anlagemöglichkeiten gesetzt werden – und die rentieren in aller Regel deutlich tiefer. Zudem bietet das Beteiligungspapier, wie Sie richtig erwähnt haben, eine regelmässige und entsprechend zuverlässige Ausschüttung. Für das Geschäftsjahr 2021 waren dies 10.75 Franken pro Stammanteil, was einer Erhöhung von knapp fünf Prozent entsprach. Diese Verlässlichkeit wollen wir beibehalten. Und: Nebst der Dividendenzahlung, die für Private einkommenssteuerfrei ist, muss auch die Kursentwicklung betrachtet werden. Nach dem Plus von 11,5 Prozent im Jahr 2021 hat der Stammanteil der Bank WIR in diesem Jahr im Vergleich zu den Börsenturbulenzen im positiven Sinn unspektakulär gut abgeschnitten und weist weiteres Potenzial auf.

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