Lucie Rein, Gründerin Too Good To Go Schweiz, im Interview

Lucie Rein
Lucie Rein, Gründerin Too Good To Go Schweiz. (Foto: zvg)

von Patrick Gunti

Moneycab.com: Frau Rein, jährlich werden in der Schweiz gegen 2,5 Mio Tonnen Lebensmittel verschwendet. Wo liegen die Ursachen dieser Verschwendung? Bei der Überproduktion? Schlechter Einkaufsplanung?

Lucie Rein: Die Ursachen für Food Waste sind vielseitig und fallen bei jeder Etappe der Wertschöpfungskette an, vom Feld zum Teller. In der Landwirtschaft kann es sowohl am Wetter als auch an der Farbe eines Gemüses liegen. In den Haushalten, wo am meisten Food Waste entsteht, kann es an der Einkaufsplanung oder z.B. am Missverständnis eines Mindesthaltbarkeitsdatums liegen.

Welches sind die gravierendsten Folgen von Food Waste?

Die Folgen von Food Waste sind dreifach:

  • Sozial: wieso Essen wegwerfen wenn Leute noch hungrig sind?
  • Ökonomisch: es kostet den Schweizer Haushalt 5 Milliarden Franken im Jahr, Essen wegzuwerfen.
  • Ökologisch: Food Waste ist in der Schweiz für so viel CO2 verantwortlich wie die Hälfte des privaten Autoverkehrs!

Seit Mitte letzten Jahres bringt Too Good To Go auch in der Schweiz den Handel und die Konsumenten zusammen. Können Sie uns das Konzept kurz erläutern?

Too Good To Go vernetzt gastronomische Betriebe mit Konsumenten, damit sie gemeinsam das überschüssige Essen retten können. Auf die App bieten die Betriebe Tüten zum einem kleinen Preis an, die von unseren Nutzern abgeholt werden. Sie werden gefüllt mit den Produkten, die beim Ladenschluss übrig bleiben. Es ist eine Win-Win-Win Lösung für Nutzer, Betriebe und die Umwelt!

„Too Good To Go ist eine Win-Win-Win Lösung für Nutzer, Betriebe und die Umwelt!“
Lucie Rein, Gründerin Too Good To Go Schweiz

Was konnte bisher erreicht werden?

Wir haben innerhalb von 16 Monaten schon 600’000 Mahlzeiten gerettet – 1500 Tonnen CO2 haben wir somit eingespart! Ausserdem haben wir über 540’000 registrierte Nutzer auf der App.

Wie ist Too Good To Go entstanden?

Too Good To Go ist aus der Erkenntnis entstanden, dass Food Waste einfach ein doofes Problem ist, das nicht sein müsste. Und grosse Auswirkungen auf unsere Umwelt hat. Und dass es dafür eine ganz simple Lösung braucht, um das Angebot mit der Nachfrage zu verbinden.

Überraschen Sie die erstaunliche Resonanz in so kurzer Zeit?

Wenn es mich überraschen würde, würde es heissen, dass ich ambitionierter sein sollte. Ich freue mich sehr, aber bin nicht überrascht, da Too Good To Go den Zeitgeist trifft und einfach genial ist!

„Die Too Good To Go App ist eine Lösung, die jeder Grossverteiler braucht. Wir sind uns mit den Betrieben einig, dass die Lösung genial ist.“

Über 1700 Partnerläden in der Schweiz sind bei Too Good To Good bereits dabei – auch die Grossverteiler. Zuletzt kam Lidl dazu. Braucht es viel Überzeugungsarbeit oder werden Sie bei den Betrieben mit offenen Armen empfangen?

Die Too Good To Go App ist eine Lösung, die jeder Grossverteiler braucht. Wir sind uns mit den Betrieben einig, dass die Lösung genial ist. Dort wo wir jeweils etwas mehr Überzeugungsarbeit leisten müssen, können wir aufzeigen, dass es dabei keinen Haken gibt.

Gibt es Vorgaben, zu welchem Preis die Ware verkauft oder angeboten wird?

Die Ware wird auf der App zu einem Drittel vom originalen Verkaufspreis angeboten. Diese Vorgabe ist für alle Partner gleich.

Wie detailliert weiss ich als Kunde, was ich bestelle?

Wir retten Essen in Form Wundertüten, das heisst, dass der Nutzer sich mit dem genauen Inhalt einer Tüte überraschen lässt. Da Food Waste unvorhersehbar ist, weiss der Betrieb erst bei der Abholung, was es in die Tüten mitgeben kann.

Von meinem aktuellen Standort sind es aktuell 7,4 km zum nächsten für mich passenden Angebot. Wann macht eine Bestellung aus umwelttechnischer Sicht keinen Sinn mehr?

Mit dem ÖV können Sie theoretisch in der ganzen Schweiz CO2 neutral eine Tüte retten! Wir sind dran, unser Angebot massiv auszubauen und Sie werden in sechs Monaten in Ihrer Nähe bestimmt mehr Angebote finden. Bis dann können Sie auch gerne auf jeden Betrieb um die Ecke gehen und sie auf uns aufmerksam machen!

Was ist Ihr Geschäftsmodell – wie verdienen Sie Geld mit Lebensmittelabfällen?

Wir behalten ganz einfach eine Kommission von jeder gerettete Tüte! Wir erhalten Geld vom Nutzer und überweisen es nach Abzug am Betrieb weiter.

„Essen kurz vor dem Müll zu retten ist ein guter Anfang, es ist aber auch nur der Anfang.“

In Kopenhagen, wo Too Good To Go entstand, gibt es einen eigenen Laden, wo Produzenten und Hersteller Produkte verkaufen können, die es nicht bis in die Regale der Supermärkte geschafft haben. Gibt es entsprechende Pläne für die Schweiz?

Wir sind im Gespräch in der Schweiz mit grossen Vermietern für ein gemeinsames ähnliches Projekt wie dem dänische Laden. Es wäre schön, wenn dies zustande käme.

Wo sehen Sie Too Good To Go in 5 Jahren in Bezug auf die Grösse, vor allem aber die Wirkung?

Food Waste ist ein globales Thema, und wir wollen einen Impact auf globaler Ebene haben. Wir wollen auch eine Bewegung gegen Food Waste schaffen, wo wir die Gesellschaft im ganzen beeinflussen und systematische Veränderungen vorantreiben, damit Food Waste generell reduziert werden kann. Essen kurz vor dem Müll zu retten ist ein guter Anfang, es ist aber auch nur der Anfang.

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