Dominique Locher, CEO LeShop.ch

Dominique Locher
Der ehemalige LeShop.ch-CEO Dominique Locher investiert in Farmy.ch.

Dominique Locher, CEO LeShop.ch. (Foto: zvg)

von Patrick Gunti

Moneycab.com: Herr Locher, LeShop.ch hat 2014, dem ersten Gesamtjahr unter Ihrer Führung, erneut zugelegt und mit einem Plus von 4,4% einen Rekordumsatz von 165 Mio Franken erzielt. Wie werten Sie das Resultat?

Dominique Locher: Wir sind zufrieden damit. Nach den bereits guten Resultaten im Jahr 2013 (+ 6 Prozent) bestätigt LeShop.ch damit nach einer 3-jährigen Stagnationsphase den neuen Wachstumstrend. Neben dem Wachstum ist uns aber auch Rentabilität wichtig – Die LeShop.ch schreibt mit seiner Heimlieferung als einer der ersten Online-Supermärkte in Europa seit mehreren Jahren schwarze Zahlen. Im hart umkämpften Lebensmittelmarkt zu wachsen ist eine Herausforderung. Wir haben im vergangenen Jahr verschiedene strategisch wichtige Projekte rund um den DRIVE in Staufen/AG und die Ausweitung des Liefergebietes abgeschlossen. Das Wachstum nehmen wir als schöne Bestätigung harter Arbeit.

Wie hoch war der durchschnittliche Bestellwert?

Wir kommunizieren dazu keine Detailwerte. Als Grössenordnung kann ich sagen, dass der Einkaufskorb bei der Heimlieferung deutlich über 200 Franken liegt. Beim Abholcenter DRIVE ist der Durchschnittskorb deutlich kleiner. Hier entfällt die Mindestbestellmenge und die schnelle Abholzeit fördert auch Spontaneinkäufe. Der Kunde kann seinen Einkauf zwei Stunden nach der Bestellung abholen.

«Das Wachstum nehmen wir als schöne Bestätigung harter Arbeit.»
Dominique Locher, CEO LeShop.ch

Mehr als jede dritte Bestellung erfolgt mittlerweile mobil über Smartphone oder Tablet. Was zeichnet Ihr Mobile-Angebot aus, wo orten Sie Verbesserungspotenzial und welche technischen Entwicklungen sind in Zukunft zu erwarten?

Die Entwicklung des Mobilkanals verläuft tatsächlich äusserst schnell und befindet sich erst am Anfang. LeShop.ch hat sehr früh diesen „Convenience“-Trend erkannt und daher mit Hilfe seines Partners iEffects sein Mobile-App-Portfolio für iOS (iPhone und iPad) sowie für Android entwickelt. Diese Apps beinhalten nicht nur die Einkaufsfunktion sondern erlauben auch das Verwalten des Kundenkontos und der Bestellungen. Dank der einzigartigen Synchronisations-Technologie können die Apps auch „offline“ benutzt werden und sind sehr schnell und benutzerfreundlich. Es gehört zu unseren anspruchsvollsten Arbeiten, das Nutzererlebnis zu optimieren. Bei der Entwicklung stehen Einfachheit, Tempo und User Experience im Zentrum.

Die mobilen Lösungen entsprechen einem grossen Kundenbedürfnis. Wie sieht es mit anderen Services aus? Wie stark frequentiert sind zum Beispiel die DRIVE Abholstationen in Studen bei Biel und in Staufen bei Lenzburg?

Vom Pilotstandort in Studen bei Biel haben wir viel gelernt. Er lieferte uns in den zwei Betriebsjahren seit Oktober 2012 das «Proof Of Concept» . Mit dem zweiten DRIVE in Staufen bei Lenzburg AG vertiefen wir dies. Er startete im vergangenen September sehr zufriedenstellend und gar noch besser als damals Studen. In den ersten vier Monaten lieferten wir 13’500 Bestellungen an über 3’400 verschiedene Kunden. Wir sehen, dass es eine starke Käuferfraktion gibt, die das Angebot als Stammkunden regelmässig nutzt und im Umkreis von 10 bis 15 Kilometer lebt. Der schnelle Service kommt sehr gut an: Der Kunde bestellt online per PC oder Mobile und lässt sich den Einkauf nach nur zwei Stunden beim Vorbeifahren im Abholzentrum bequem und kostenlos in den Kofferraum laden. Nach fünf Minuten ist er, ohne auszusteigen, wieder abfahrbereit.

LeShop.ch
LeShop.ch DRIVE in Staufen/AG. (Foto: zvg)

Wie siehts bei den LeShop.ch RAIL-Abholstationen aus?

Das Pilotprojekt wurde per Ende 2014 gemeinsam mit der SBB abgeschlossen. Ziel dieses Piloten war, die Kundenbedürfnisse sowie mögliche Bestell- und Logistik-Möglichkeiten zu prüfen. Die SBB hat parallel Tests gemacht mit der GoodBox und wertet jetzt die Erkenntnisse aus beiden Projekten aus, um zu einem späteren Zeitpunkt ein neues, breiter gefasstes Angebot zu lancieren. Details dazu werden aktuell erarbeitet.

Wie gross ist die Nachfrage seitens Büros, Werkstätten oder Kinderkrippen?

Hier sehen wir noch viel Potenzial, zumal wir dieses Kundensegment bis anhin noch gar nicht aktiv bearbeitet haben. Mit der Einführung der Tageslieferung im letzten Sommer haben wir uns dieses attraktive Segment zusätzlich erschlossen.

«Wir erreichen heute Spitzenwerte der Zuverlässigkeit unserer Lieferkette von der Bestellung bis zur Auslieferung ins Wohnzimmer.»

Die Lieferung der Ware am Tag der Bestellung oder das schnelle Abholen der Waren im DRIVE sind ein entscheidender Erfolgsfaktor. Wie verändern sich dadurch die Anforderungen an die Logistik?

Die Logistik ist neben der IT das Rückgrat unseres Angebots. Wir erreichen heute Spitzenwerte der Zuverlässigkeit unserer Lieferkette von der Bestellung bis zur Auslieferung ins Wohnzimmer. Herausfordernd sind dabei die Gewährleistung der Kühlkette bei gleichzeitig hohen Anforderungen an eine ökologisch nachhaltige Lieferung und die hundertprozentige Frische der Lebensmittel. Wer Gemüse, Fleisch, Frischbrot, Eier oder Tiefkühlprodukte per Post einkauft, stellt höchste Qualitätsanforderungen. Es ist ein absolutes Vertrauensgeschäft.

Gibt es den typischen LeShop.ch-Kunden?

Ja, den gibt es tatsächlich. Dieser Kunde ist eine sie; die berufstätige Mutter, die sehr sorgsam mit ihren knappen Zeitressourcen umgeht. Sie will die Freizeit nicht bei der Parkplatzsuche oder in der Schlange an der Kasse verbringen. Sie lässt sich den grossen Wocheneinkauf nach Hause liefern. Den ergänzenden Spontaneinkauf holt sie auf dem Heimweg von der Arbeit oder dem Weg zur Kinderkrippe oder zum Sport beim DRIVE ab.

Die rasante Entwicklung beim Mobile Shopping und die neuen Abholmöglichkeiten beim DRIVE öffnet das Spektrum aber; es sind immer mehr auch etwas ältere oder eben auch jüngere, ungebundene Kunden, die so zum Online-Kauf von Lebensmitteln finden.

«LeShop.ch ist und war für mich schon immer mehr als nur ein Job.»

Sie sind seit dem Jahr 2000 bei LeShop.ch, haben das Unternehmen mitentwickelt und kennen es wie niemand sonst. Welches waren denn die grössten Herausforderungen in Ihrer neuen Funktion?

Das erste CEO-Jahr war ereignisreich und streng. Als Führungsduo zusammen mit meinem COO Sacha Herrmann, haben den zweiten DRIVE Standort in Staufen bei Lenzburg eröffnet, die Tageslieferung eingeführt und die letzten Lücken auf der Lieferlandkarte geschlossen und permanent unseren Service optimiert und das Sortiment ausgsgebaut (z.B. mit über 300 ALNATURA Bio-Produkten). Ich will gemeinsam mit meinem Team etwas entwickeln und dabei neues Terrain erforschen. Dabei motiviert mich am meisten, wenn wir gemeinsam Etappenziele erreichen. Die zweite DRIVE-Eröffnung und die ersten erfolgreichen Monate mit dem neuen Team haben mich sehr gefreut. Für mich bleibt es eine Herausforderung, die richtigen Prioritäten zu setzen und nach einer strengen Woche immer auch wieder abschalten zu können. LeShop.ch ist und war für mich schon immer mehr als nur ein Job.

LeShop.ch ist seit seiner Gründung enorm gewachsen. Wie verlief die Entwicklung aus Ihrer persönlichen Sicht?

Man stelle sich das vor: Bei meinem Start im Jahr 2000 loggte man sich mit einem 56kbit-Modem ins Web ein und wir machten gerade mal 6 Millionen Umsatz. Heute surfen wir via Smartphone in einem x-fach schnelleren Tempo und günstiger. Diese Entwicklung ging viel rasanter als wir uns dies erträumt haben. Mich persönlich hat das rasante Wachstum von 20 auf heute über 300 Mitarbeitern mit allen als Team gemeisterten Etappen (das Platzen der Internet-Blase, die Uebernahme durch die BAG –Bon Appétit Group und kurzdarauf deren Zerfall, die darauf folgende „in extremis“-Rettung unserer Unternehmung kurz vor Weihnachten 2002 durch Privatunternehmer, die Partnerschaft mit der visionären Migros seit Januar 2004 durch die Integration vom migros-shop in unsere Plattform, dann der Verkauf an die Migros in 2006) aber parallel dazu der pragmatische Aufbau unserer Logistikzentren in Bremgarten AG, Ecublens VD, die Geburt des M-Commerce mit dem iPhone Mitte 2007 und die beiden Drives sehr geprägt.

Bei unserer Arbeit sind Teamwork, Kreativität, Spontanität und unternehmerisches Denken genauso gefragt wie Pragmatismus und Spass am Neuen. Für mich bleibt der Mensch das Wichtigste im Arbeitsalltag: Bei und für LeShop.ch arbeitet ein grossartiges Team. Auf jeder Stufe gibt es Menschen, die schon seit vielen Jahren mit mir für den Betrieb arbeiten. Das schweisst zusammen und bringt positive Energie.

«Das Potential ist schlichtweg enorm.»

Der Online-Handel wird in den kommenden Jahren weiter an Bedeutung gewinnen. Wie viel Potenzial sehen Sie?

Vier Fünftel des Online-Marktes für Lebensmittel liegt noch brach. Heute umfasst der Online-Lebensmittelmarkt in der Schweiz rund 280 Millionen. Das ist ein Prozent des Gesamtmarktes für Lebensmittel in der Schweiz. Zum Vergleich: In Frankreich macht der Umsatz von Online-Supermärkten rund 4.5 % des gesamten Marktes aus, in England sogar über 6 %,  Tendenz steigend. Andere Segmente sind in der Schweiz schon weiter vorn: Im Bereich Bücher & Musik werden bereits weit über 50% des Marktumsatzes online generiert, bei Heimelektronik bereits 25% und im Bekleidungssegment über 12%… Das Potential ist schlichtweg enorm.

Worin sehen Sie die grössten Herausforderungen für LeShop.ch in den kommenden Jahren?

Unsere Herausforderungen liegen in der beschleunigten Kommunikation und im hohen Takt der technologischen Entwicklung. Nehmen Sie als Beispiel die „Wearables“. Wie wird tragbare Technologie unsere Art des Einkaufens beeinflussen? Wir erfinden uns praktisch jeden Tag neu. Wir haben immer weniger Zeit. Darum werden die Ansprüche an diese Flexibiliät noch steigen: Unsere Kundschaft will den Kaufkanal und den Liefer- oder Abholort wählen können – sei es „Offline und/oder Online“. Der Kunde denkt heute „Noline“, macht also keine Differenz dieser beiden Welten. Es gibt seinen M, MM oder MMM oder halt seine virtuelle MIGROS, die alles bequem nach Hause liefert – dem LeShop.ch“. Wir als Anbieter sind gefordert, dieses Verhalten zu verstehen und arbeiten ununterbrochen an neuen Ideen.

Herr Locher, besten Dank für das Interview.

Zur Person:
Seit Oktober 2013 ist Dominique Locher (1969) CEO von LeShop.ch. Vorher war er als Marketing- und Verkaufsdirektor für die Kundengewinnung und –bindung, die PR und Kundenkommunikation, die Sortiments- und Preisgestaltung sowie die Kontakte zu den Herstellern von Markenartikeln verantwortlich. Vorübergehend zeichnete er in Doppelfunktion für die gesamte Logistik verantwortlich, wobei er den Aufbau des Logistikzentrums Bremgarten organisierte und leitete. Zusätzlich zu seiner Position als CEO nimmt Dominique Locher weiterhin seine bisherigen Aufgaben als Marketing- & Verkaufschef wahr und führt zusammen an seiner Seite mit Herrn Sacha Herrmann als COO (der zusätzlich zu seinem bisherigen Aufgabenbereich als Finanzdirektor und Personalleiter neu die Bereiche Logistik und IT leitet) die Firma als Führungsduo.

Bevor er im August 2000 zu LeShop.ch kam war Dominique Locher als Nestlé Group Brand Manager für die Marken Nescafé, Milo, Perrier und Vittel in Sri Lanka tätig. Als National Key Account Manager bei Nestlé Schweiz betreute er Grosskunden wie Coop, Spar usw. Locher verfügt über einen Master in BWL (Lic. Oec. HSG) der Universität St. Gallen. Er spricht Deutsch, Französisch, Englisch, Italienisch und hat Grundkenntnisse in Spanisch. Er ist verheiratet und stolzer Vater zweier Kinder.

LeShop.ch

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