Francesco Vass, CEO Ricardo, im Interview

Francesco Vass
Francesco Vass, CEO Ricardo.ch. (Foto: zvg)

von Patrick Gunti

Moneycab.com: Herr Vass, die Kreislaufwirtschaft ist zwar ein immer grösseres Thema, die Definitionen gehen aber auseinander. Wie definieren Sie das Prinzip?

Francesco Vass: Wir verstehen die Kreislaufwirtschaft als Prinzip, wonach bestehende Produkte länger verwendet und im Umlauf bleiben. Damit werden wertvolle Rohstoffe geschont und schädliche Emissionen minimiert.

Welche Rolle spielt der Handel mit gebrauchter Ware innerhalb der Kreislaufwirtschaft?

Eine wesentliche Rolle. Die Kreislaufwirtschaft reduziert mit dem Handel gebrauchter Produkte den Bedarf an Neuware. Denn wird ein ausgedientes Produkt weitergegeben, repariert und wiederverwendet statt einfach entsorgt, muss anstelle dessen kein neues produziert werden. Durch die bewusste Wiederverwendung von Waren senkt die Kreislaufwirtschaft nicht zuletzt auch den Ausstoss von Treibhausgasen, welche unter anderem durch die Produktion und den Transport von neu produzierter Ware entstehen.

Secondhand-Ware ist bereits gebrauchte oder getragene oder eben auch nicht verkaufte Ware. Lange hat das Image nicht gestimmt, hing Secondhand auch der Flohmarkt-Groove und etwas «Schmuddliges» an. Ist das heute nicht mehr der Fall?

In vielen Köpfen schwirrt noch der muffig-schmuddlige Flohmarkt-Groove, der aber längst überholt ist. Das ist eines der Vorurteile, die wir mit dem Secondhand Day vom Samstag abbauen möchten. Wir möchten zeigen, dass Secondhand-Artikel eine echte Alternative zu Neuwaren sind, denn die allermeisten Artikel aus zweiter Hand sind noch voll funktionstüchtig und büssen nichts an Qualität ein. Zudem sind Secondhand-Artikel keine Massenware, sondern einzigartig, trendig, zeitlos und stylish.

«In vielen Köpfen schwirrt noch der muffig-schmuddlige Flohmarkt-Groove, der aber längst überholt ist. Das ist eines der Vorurteile, die wir mit dem Secondhand Day vom Samstag abbauen möchten.»
Francesco Vass, CEO Ricardo

Waren Sie schon mal in einem «Thrift Shop» oder Gebrauchtwarenladen, die ja einen regelrechten Boom erleben?

Wenn es sich ergibt, stöbere ich gerne über Flohmärkte. Gebrauchte Ware kaufe ich aber am liebsten auf Ricardo.

Als CEO von Ricardo sind Sie ja auch stärker im digitalen Geschäft zu Hause. Wie hoch ist der Anteil gebrauchter Ware – oder halt einfach nicht verkaufter – auf Ihrer Plattform?

Im vergangenen Jahr wurden auf Ricardo 6.5 Mio. Artikel verkauft – zwei Drittel davon waren in gebrauchtem Zustand. Diese Zahl ist zum Vorjahr um 10 Prozent gewachsen und verzeichnet dieses Jahr ein ähnliches Wachstum. Secondhand liegt also voll im Trend.

Von was für Produkten sprechen wir hauptsächlich? Kleider?

Starke Secondhand-Kategorien sind Kleidung, Schuhe, Sportgeräte, Luxus-Artikel, aber auch Möbel und Elektronikgeräte.

Welche Faktoren spielen neben dem Wunsch nach mehr Nachhaltigkeit für eine Rolle für die steigende Nachfrage?

Neben dem Bedürfnis nach mehr Nachhaltigkeit spielen natürlich auch der günstigere Preis von Secondhand-Ware sowie der Wunsch nach Einzigartigkeit eine grosse Rolle.

Welchen Einfluss hatten die Coronapandemie und die Lockdowns auf ihr Angebot?

Die Pandemie hatte einen grossen Impact auf das Geschäft von Ricardo. 2020 war ein Rekordjahr für Ricardo – in allen Belangen. Die Schweizer Bevölkerung war vermehrt zu Hause und vermehrt online. Und sie hat dabei offenbar den Lockdown im Frühling 2020 dafür genutzt, ungebrauchten Dingen ein zweites Leben zu schenken. Die Tatsache widerspiegelt sich in der beinahe verdoppelten Anzahl neuer Registrierungen und Angeboten von Privaten im Monat April 2020. Übers ganze Jahr gesehen kam die Hälfte der neu eingestellten Artikel von privaten Verkäuferinnen und Verkäufern; das sind 29 Prozent mehr als im Vorjahr.

«Die Pandemie hatte einen grossen Impact auf das Geschäft von Ricardo. 2020 war ein Rekordjahr für Ricardo – in allen Belangen.»

Und die Nachfrage?

Nicht nur das Angebot, sondern auch die Nachfrage nach gebrauchten Artikeln nahm im Pandemiejahr zu. Die stark angestiegenen Käufe insbesondere in den Wohnkategorien sind darauf zurückzuführen, dass die Schweiz häufiger daheim war und dabei die eigenen vier Wände schöner gestalten oder sich fürs Home office einrichten wollte. Durch temporäre Lieferengpässe im klassischen Retail konnten wir viele neue Nutzerinnen und Nutzer gewinnen. Offenbar konnte wir diese von Ricardo überzeugen, denn die meisten Wachstumszahlen haben sich auf hohem Niveau eingependelt.

Die Nachfrage nach Secondhand steigt, gleichzeitig gibt es natürlich weiterhin verschiedene Handels-Hemmnisse. Welches sind die grössten?

Ein Handels-Hemmnis besteht im Zweifel, ob ein gebrauchter Artikel noch funktionstüchtig und einsatzfähig ist. Bei Bekleidung kommen noch Hemmnisse bezüglich Sauberkeit und hygienischen Zustand der Artikel hinzu. Viele dieser Hemmnisse sind unbegründet. Wir empfehlen unseren Mitgliedern auch immer, in der Angebotsbeschreibung ein gebrauchtes Produkt so ehrlich, transparent und umfassend wie möglich zu beschreiben, um die potenzielle Käuferschaft über den Zustand des Artikels genau zu informieren.

Welche konkreten und messbaren Ziele haben Sie sich für den zweiten Secondhand Day gesetzt?

Letztes Jahr haben rund 330 angemeldete “Circular Heroes” beim Secondhand Day mitgemacht. Das sind Brockenhäuser, Flohmärkte, Secondhand-Stores, Upcycler und Repair-Stationen in der ganzen Schweiz. Diese Zahl konnten wir dieses Jahr bereits um 30 Prozent steigern. Wenn wir die Anzahl der verkauften Artikel gleich viel steigern können, sind wir mehr als zufrieden.

Herr Vass, wir bedanken uns für das Interview.

Secondhand Day

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