Franz Urs Schmid, Direktor Chocosuisse

Franz Urs Schmid

Franz Urs Schmid, Direktor Chocosuisse

von Patrick Gunti

Moneycab: Herr Schmid, der Schokolademarkt hat sich im letzten Jahr recht krisenresistent gezeigt. Dennoch musste ein Umsatzrückgang von rund 3 % hingenommen werden. Welchen Einfluss hatte dabei die Frankenstärke?

Franz Schmid: Die Schweizer Schokoladeindustrie verkauft rund 61 % ihrer Produkte im Ausland. Die Umsatzeinbusse im Exportgeschäft, die ebenfalls bei rund 3 % liegt, ist grösstenteils auf den immer noch stark überbewerteten Franken zurückzuführen. Schweizer Schokoladeprodukte haben sich aufgrund des starken Frankens verteuert. Preiszugeständnisse waren da und dort unumgänglich, um im Geschäft zu bleiben.

Die Detailhändler liefern sich einen gnadenlosen Preiskampf. Die tieferen Preise gehen natürlich auch zu Lasten der Produzenten. Wie stark sind die Schokoladehersteller betroffen?

In den ganzseitigen farbigen Zeitungsinseraten, mit denen sich die Grossverteiler duellieren und ihre Schnäppchenangebote anpreisen sind auch Schokoladeprodukte gut vertreten. Markenschokoladen, die normalerweise rund 2 Franken kosten sind dieser Tage im Achtermultipack für rund Fr. 1.20 je Stück zu haben. Es ist davon auszugehen, dass solche Aktionen von den Herstellern wesentlich mitfinanziert werden müssen.

„Da wir keine zehntausendfränkigen Luxusartikel, sondern relative tiefpreisige und verzehrbare Produkte verkaufen, die jedermann sich leisten kann, bin ich zuversichtlich.“ Franz Urs Schmid, Direktor Chocosuisse

Die abgeschwächte Konsumentenstimmung hat ebenfalls zum leicht geschmolzenen Umsatz beigetragen. Wie zuversichtlich sind Sie, dass sich die Stimmung im laufenden Jahr wieder aufhellt?

Die Konsumentenstimmung hat sich seit Oktober 2011 schon wieder etwas verbessert. Da wir keine zehntausendfränkigen Luxusartikel, sondern relative tiefpreisige und verzehrbare Produkte verkaufen, die jedermann sich leisten kann, bin ich zuversichtlich.

Chocosuisse hat für 2011 einen Pro-Kopf-Konsum in der Schweiz von 11,9 kg errechnet. Welche Produkte verkauften sich am besten?

Die meistverkauften Fertigprodukte sind mit über 46 % Schokoladetafeln. Gefolgt werden sie von Riegel/Branches mit etwa 16 % Anteil. Pralinen kommen auf einen Anteil von rund 11 % und Schokoladekleinformate auf rund 8 %. Bei den Halbfabrikaten machen Schokoladeüberzugsmassen, die von der Glace- und Biskuitindustrie sowie von Bäckern, Confiseuren und Restaurants und weiterverarbeitet werden, rund 69 Prozent aus.

Bevorzugen Schweizer Konsumenten die Klassiker wie Milch- oder Nuss-Schokolade oder sind sie auch neuen Kreationen gegenüber aufgeschlossen?

Wir haben leider keine Branchenstatistik nach Sorten. Ein Blick in die gut bestückten Verkaufsregale bestätigt aber, dass Klassiker neben vielen Neukreationen gut bestehen. Neuigkeiten werden nicht selten als limitierte Saisonangebote positioniert. Nach der Saison verschwinden sie häufig wieder. Klassiker und neue Artikel, denen das Potenzial zum Klassiker zugebilligt wird, bleiben. Es liegt in der Natur der Sache, dass der Rückzug von Produkten nicht laut kommuniziert wird.

Hinter der Kreation einer neuen Tafelschokolade steckt viel Entwicklungsarbeit. Lassen sich die Chancen abschätzen, ob und wenn ja, wie lange sie sich bei mittlerweile unglaublich grossen Auswahl im Sortiment halten kann?

Auch Schokoladeprodukte haben einen Lebenszyklus. Ständige Innovation ermöglicht, neue Produkte zur Marktreife und in die Ertragszone zu bringen, damit Produkte, die allmählich degenerieren, vom Markt genommen werden können, ohne dass Deckungsbeitragsverluste hinzunehmen sind. So gesehen ist stetige Bereitschaft zur Innovation die Lebensversicherung für ein marktfähiges Angebot. Die Inkaufnahme eines Flops gehört unter dem Motto „wer nichts wagt, gewinnt nichts“ zu den damit verbundenen Risiken.

„Es ist klar, dass diese Importe das Angebot der Schweizer Schokoladeindustrie konkurrenzieren. Da wir aber 61 Prozent unserer Schokoladeprodukte im Ausland absetzen, müssen wir unseren ausländischen Mitbewerbern auch etwas gönnen.“

Wie stark werden die Schweizer Hersteller im Inland durch Importschokolade konkurrenziert?

Der Marktanteil der Importprodukte belief sich im Jahr 2011 auf 34 Prozent. Er nahm in den vergangenen Jahren zu. Es ist klar, dass diese Importe das Angebot der Schweizer Schokoladeindustrie konkurrenzieren. Da wir aber 61 Prozent unserer Schokoladeprodukte im Ausland absetzen, müssen wir unseren ausländischen Mitbewerbern auch etwas gönnen. Sie sind im Sektor der günstigsten Produkte besonders stark vertreten. Unsere Herstellerfirmen sind auch froh, wenn ihnen die heimischen Schokoladefabrikanten den Erfolg nicht missgönnen. An sich sind die Firmen der Schweizer Schokoladeindustrie für Freihandel.

„Nachhaltigkeit ist die Balance zwischen Sozialverträglichkeit, Ökologie und Wirtschaftlichkeit, drei Themen somit, die für unsere Mitglied-Firmen und die ganze Branche zentral sind.“

Wie wichtig ist den Konsumenten in der Schweiz im Schokoladenbereich das Thema Nachhaltigkeit?

Das Thema Nachhaltigkeit wird für bewusst einkaufende und konsumierende Leute hier immer wichtiger. Es hat mit dem Wohlstand, in dem wir leben, und mit der Kommunikation zu tun. Nichtregierungsorganisationen wie die Erklärung von Bern schiessen sich mit ihren Kampagnen zur Oster- oder Weihnachtszeit periodisch auf Schokolade ein, um grösstmögliche Aufmerksamkeit zu erzielen, den Konsumierenden ein schlechtes Gewissen zu machen und der Industrie zu schaden. Nachhaltigkeit ist die Balance zwischen Sozialverträglichkeit, Ökologie und Wirtschaftlichkeit, drei Themen somit, die für unsere Mitglied-Firmen und die ganze Branche zentral sind.

Wie reagieren die Schweizer Schokoladehersteller auf die zum Teil schlechten Arbeitsbedingungen in den Anbaugebieten, vor allem in Westafrika?

Wir bearbeiten dieses Dossier sehr aktiv. Im Jahr 2007 liessen wir von der Technischen Universität München ein Gutachten über die von der Nachhaltigkeit her kritischen Stellen unserer Wertsschöpfungskette erstellen. Im Jahr 2007 organisierten wir ausserdem für die Chefs unserer Mitglied-Firmen Reisen nach Ghana und im Jahr 2009 an die Elfenbeinküste. Das Ziel der Reisen bestand darin, sich mit den Verhältnissen vor Ort vertraut zu machen und verlässliche Bezugsquellen zu erschliessen. Im Jahr 2010 erarbeiteten wir einen Kodex zur sozialverträglichen Kakaobeschaffung. Die meisten unserer Mitglied-Firmen haben ihn unterzeichnet und handeln danach. Diejenigen Mitglied-Firmen, die nicht unterzeichnet haben, beteiligen sich an Programmen ihrer Mutter- oder Schwestergesellschaften.

Im Exportgeschäft ging zwar der Umsatz zurück, das Volumen konnte hingegen erhöht werden. Welches sind die wichtigsten Exportmärkte?

Der wichtigste Exportmarkt ist Deutschland (17 Prozent Exportanteil). An zweiter Stelle steht das Vereinigte Königreich mit 13,1 Prozent vor Frankreich mit 9,2 Prozent. Die wichtigsten Märkte ausserhalb der EU mit einem Anteil von 61 % der Exporte, sind Kanada (Rang 4), die USA (Rang 5), Australien (Rang 7), Philippinen (Rang 12), Brasilien (Rang 13) und Israel (Rang 14). Kräftig zulegen konnten unsere Firmen in der Russischen Föderation (Rang 18), in Singapur (Rang 19), Japan (Rang 24), China (Rang 25), Taiwan (Rang 26) und Süd-Korea (Rang 29).

„Das beste Rezept gegen spekulativ steigende Kakaopreise ist die Beschaffung direkt im Ursprung mit einer möglichst kurzen Handelskette, welche den Bauern für qualitativ einwandfreie Ware motivierende Erlöse garantiert.“

Der globale Schokoladenkonsum steigt jedes Jahr an, vor allem auch dank aufstrebenden Märkten wie Südamerika oder Asien. Wie kann der stetig steigende Bedarf an Kakaobohnen gedeckt werden, ohne dass die Preise zu stark ansteigen und die Nachhaltigkeit auf der Strecke bleibt?

Die Kakaoernte 2010/2011 lag mit 4’250’100 Tonnen 16,5 Prozent über Vorjahr. Das beste Rezept gegen spekulativ steigende Kakaopreise ist die Beschaffung direkt im Ursprung mit einer möglichst kurzen Handelskette, welche den Bauern für qualitativ einwandfreie Ware motivierende Erlöse garantiert. Viele unserer Mitglied-Firmen gehen diesen Weg, oft auch unter Einbezug bewährter Partner im Kakaohandel.

Welche Preisentwicklung erwarten Sie im laufenden Jahr beim begehrten Rohstoff Kakao?

Prognosen sind schwierig. Das Geschäft ist volatil und die Spekulation vermag vieles aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Zum Abschluss möchte ich Sie bitten, die nachfolgenden drei Sätze zu vervollständigen:

Schokolade macht glücklich… weil ihr Konsum die Stimmung aufhellt.

Zu Schokolade am besten… gar nichts!

Ohne Schokolade… hätte die Schweiz keinen süssen Botschafter.

Herr Schmid, wir bedanken uns herzlich für das Interview.

Zur Person:
Dr. iur. Franz U. Schmid ist seit 1999 Direktor von CHOCOSUISSE, Verband Schweizerischer Schokoladefabrikanten. Daneben ist er federführender Co-Geschäftsführer der Foederation Schweizerischer Nahrungsmittel-Industrien (fial), dem Zusammenschluss der Branchenverbände der Schweizer Lebensmittel-Industrie sowie Geschäftsführer von BISCOSUISSE. Schweizerischer Verband der Backwaren- und Zuckerwaren-Industrie.

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