Herbert Schmid, Mitglied des Verwaltungsrats, Tavex Santista (Brasilien)

Herbert Schmid

Herbert Schmid, Mitglied des Verwaltungsrats, Tavex Santista (Brasilien). (Foto: zvg)

Die Schweiz sei heute mit ca. 350 Firmen oder Vertretungen sehr stark in Brasilien engagiert, sagt Herbert Schmid, Brasilienkenner und Verwaltungsrat von Tavex-Santista, des grössten Jeans-gewebe-Herstellers der Welt. Er spricht am Europa Forum Luzern vom 10./11. November zu den Stärken und Schwächen Brasiliens im Welthandel.

Welche Faktoren sind für Tavex Santista bezüglich Freihandel und Handelshemmnissen für den Geschäftserfolg besonders entscheidend?

Herbert Schmid: Anfang der 70er war die Firma Tavex-Santista eine der ersten Textilfirmen in Brasilien, die den Exportmarkt als Langfrist-Strategie aufgebaut hat. Der Export-Anteil lag damals zwischen 20 und 30 % des Umsatzes. Dabei wurde lediglich Fertig-Gewebe und ausschliesslich nach Europa und in die USA exportiert.

In den Jahren 1995-2005 hat sich der Textil-Weltmarkt sehr stark verändert:

  • Hohe Investitionen in Asien, speziell in China. Heute gehen fast 90 % der Gesamtinvestitionen nach Asien, einschliesslich Indien
  • Die USA und Europa bauten stark ab und importieren heute über 90 % ihres Kleiderkonsums
  • 2005 wurden die Export-Schranken für konfektionierte Ware eliminiert, was einen zusätzlichen Boom, speziell für Asien, zur Folge hatte. Die Industrieländer wurden damit noch stärker an die Wand gedrückt
  • Die grossen Retailers wie Zara, H&M, C&A und von der USA sind heute in allen wichtigen Märkten vertreten und beziehen ihre Produkte zum grossen Teil aus Asien
  • Die hohen Investitionen in Verbindung mit den tiefen Arbeitskosten, sehr guten Infrastrukturen, Subventionen und tiefen oder gar keinen Steuern oder Abgaben – sowie anderen Steuerschranken haben Asien zum wichtigsten Textilexporteur der Welt gemacht. Hier werden heute mehr als 2/3 aller Textilien, vor allem Kleidung, produziert
  • Brasilien hat es während dieser Zeit verpasst, seine Strukturen zu verbessern und konkurrenzfähig zu bleiben. Die hohe Inflation, hohe Kapitalkosten und eine falsche Wechselkurs-Strategie haben zu einem starken Real geführt, welcher die Kosten und vor allem die Löhne stark in die Höhe getrieben hat. Fehlende Investitionen und das Ausbleiben einer Steuerreform haben die Konkurrenzfähigkeit Brasiliens weitestgehend untergraben und damit den Export, nebst einigen wenigen Kunden in Südamerika, praktisch zum Stillstand gebracht.

Wo und in welcher Weise wünschen Sie sich für Ihre Branche Reduktionen von Handelshemmnissen?

Die brasilianische Textilbranche hat sich immer auf Europa und die USA konzentriert. Wir sehen anderweitig auch keine grossen, potenziellen Märkte für unsere Produkte. Brasilien hat in vielen Bereichen, wie Baumwolle mit heute ca. 10 % des weltweiten Produktionsvolumens oder mit der Hydroenergie, sehr grosse wirtschaftliche Vorteile, die aus verschiedenen Gründen kurzfristig nicht in einen wirtschaftlichen Vorteil umgemünzt werden. Die Konkurrenz aus Asien ist in der Zwischenzeit so stark gewachsen, dass Brasilien nur noch bei den Produkten mit grösserer Wertschöpfung in den westlichen Industrieländern konkurrieren kann.

Wie begegnet Tavex Santista dieser Konkurrenz aus dem asiatischen Raum?

Brasilien hat mit 200 Millionen Einwohnern einen sehr grossen Binnenmarkt, welcher mit einer Fläche von 8,5 Millionen m² sehr grosse Herausforderungen an die Logistik stellt. Die Konzentration im Einzelhandel ist in Braslien noch sehr tief (die grössten sechs bis acht Einzelhändler haben nur 20 % des Marktes), was den Import zusätzlich erschwert. Ausserdem haben wir viele regionale Marken, die nicht die notwendigen Volumen sowie die internen Strukturen für den Import zur Verfügung haben. Die Importe im Einzelhandel haben heute eine Penetration von ca. 20 %, wo sie in den letzten zwei Jahren stagniert ist. Vor fünf Jahren lag die Penetration bei weniger als 10 %. Brasilien hat in den letzten 10-15 Jahren in vielen Bereichen investiert, u.a. Jeans (gehört zu den drei grössten Märkten weltweit), Arbeitskleider, etc., wo auch die Tavex-Santista eine Führungsposition innehat und hier mit Investitionen in Produkte, Logistik und Kundenberatung sehr grosse wirtschaftliche Vorteile geschaffen hat, welche heute zu den Schlüsselfaktoren gehören, um konkurrenzfähig zu sein.

Welche Chancen bieten sich generell Schweizer Unternehmen, die in den Brasilien den Markteintritt wagen wollen?

Die Schweiz ist heute mit ca. 350 Firmen oder Vertretungen sehr stark in Brasilien engagiert. Gemäss der SWISSCAM mit mehr als 200 Mitgliedern sind Schweizer Firmen in fast allen der Top-30-Branchen ausserordentlich aktiv. Ausserdem ist die Schweiz mit Schulen in São Paulo und Curitiba sehr gut vertreten. Brasilien hat mit mehr als 200 Millionen Einwohnern sowie einer stark ansteigenden Kaufkraft, vor allem bei der C-Klasse mit einem Konsumanteil von 50 % einen immensen Binnenmarkt. Zudem hat Brasilien immer noch einen sehr grossen Bedarf in allen wichtigen Sektoren, wie Bildung (die beste Universität liegt nur an 144. Stelle, laut letzter Statistik weltweit, obwohl ca. 5,1 % des GDP ausgegeben werden), Gesundheit, Infrastruktur und der Industrie im allgemeinen, wo Innovation heute in allen Bereichen einer der wichtigsten Schlüsselpunkte darstellt. Die letzten 10-15 Jahre hat Brasilien, speziell im politischen und kommerziellen bilateralen Bereich, u.a. auch im Bereich der Doppelbesteuerungsabkommen, sehr wenig Fortschritte gemacht. Dies wird in der nahen Zukunft sicher eine zentrale Rolle im Aussendienst Brasiliens einnehmen, was den Unternehmen helfen wird.

Was raten Sie Unternehmern, die neu nach Brasilien exportieren wollen?

Die wichtigste Voraussetzung ist primär immer, dass man das Land und die Kulturen kennt. Eine erste Phase mit einer Vertretung, in Zusammenarbeit mit Brasilianern, und später eventuell die Zusammenarbeit mit einem bestehenden Unternehmen stellt ein kleineres Risiko dar. Verschiedene Firmen der Textilbranche aus der Schweiz und aus Deutschland haben diese Strategie in den letzten Jahrzehnten mit Erfolg gewählt.

Worauf ist beim Aufbau einer Niederlassung in Brasilien besonders zu achten?

Brasilien ist speziell im Bereich der Abgaben mit seinen ca. 60-70 verschiedenen Steuern sehr komplex, was von Anfang an die Zusammenarbeit mit einem Juristen-Büro notwendig macht, sei es im fiskalen – und auch im legalen Bereich, wobei auch hier sehr gut strukturierte Büros, mit Kenntnissen von Brasilien und der Schweiz, vorhanden sind. Im HR-Bereich ist Brasilien mit allen grossen Headhuntern vertreten, die mit den notwendigen Beratungen, auch was die Strukturen anbelangt, gut ausgerüstet sind. Der brasilianische Durchschnitts-Arbeiter ist effizient und leicht zu motivieren, hat jedoch einen sehr grossen Bedarf an Ausbildung, welcher intern mit Kursen sehr schnell und effizient gelöst werden kann. Alle wichtigen Branchen haben ihre eigenen Verbände, neben den gut organsierten Industrie-Verbänden in allen Staaten, die beim Aufbau helfen können.

Kurzportrait Tavex Santista:
TAVEX-SANTISTA ist mit einem Umsatz von ca. US$ 500 Millionen einer der grössten Jeansgewebe-Produzenten der Welt. Mit Sitz in Madrid, Spanien und São Paulo, Brasilien hat die Firma Fabriken in Spanien, Marokkoo, Mexico, Brasilien und Argentinien. Neben dem Jeansbereich mit Denim-Gewebe sowie anderem gefärbten Gewebe ist die Firma auch einer der grössten drei Produzenten Brasiliens im Bereich der Berufskleider. Das Unternehmen beschäftigt ca. 4500 Mitarbeiter in den 5 Ländern.

Kurzportrait Herbert Schmid
Herbert Schmid startete seine Karriere in der Textilbranche bei der Firma Rüti und der späteren Sulzer in der Schweiz. Mit 28 Jahren wanderte er nach Brasilien aus und war von 1988-2008 CEO des grössten Jeansgewebe-Herstellers der Welt, der Santista Textile S.A., der späteren Tavex Corporation. Er war verantwortlich für die internationale Expansion der Gruppe, u.a. in Argentinien, Chile, Spanien, Marokko und Mexiko, welche vor allem auch durch Fusionen erfolgte. Von 2000-2002 amtete er als Präsident des ITMF (International Textile Manufactering Federation). Er präsidierte ausserdem verschiedene soziale Organisationen in Brasilien. Heute konzentriert sich Herbert Schmid auf diverse Verwaltungsrats- und Beratungsmandate sowie sein aktives Engagement bei der ABIT (Brazilian Assocation of the Textile Industry) und der FIESP (Federation of the Industry in São Paulo).

Veranstaltungshinweis
27. internat. Europa Forum Luzern
10./11. November 2014, KKL Luzern
Offene globale Märkte

Export-Workshop 1: „Erfolgreich geschäften in China“,
Export-Workshop 2: „Exportieren – Liquidität sichern, Zahlungsausfälle vermeiden“
Montag, 10. November 2014, 15.30 bis 17.30 Uhr inkl. Apéro, CHF 130.00 pro Workshop
(Die Workshops werden parallel durchgeführt)

Öffentliche Veranstaltung: Montag, 10. November 2014, 18.15 Uhr bis 20.15
(Eintritt frei – Anmeldung erforderlich)

Networking-Dinner: Montag, 10. November 2014 ab 20.15 Uhr / CHF 125.-
Symposium: Dienstag, 11. November 2014, 9 Uhr bis 17.20 Uhr
Eintritt CHF 460.- / 130.- (Studenten)

Weitere Infos und Anmeldung

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