Jean-Paul Clozel, VR-Präsident und CEO ad interim Idorsia, im Interview

Jean-Paul Clozel, VR-Präsident und CEO ad interim Idorsia, im Interview
Jean-Paul Clozel, VR-Präsident und CEO ad interim Idorsia. (Foto: Idorsia)

von Robert Jakob

Moneycab.com: Herr Clozel, der mit Pharmakon abgeschlossener Darlehensvertrag über eine Viertelmilliarde Franken befreit Idorsia vom unmittelbaren Liquiditätsdruck. War das jetzt der grosse Durchbruch? Seit seinem Tiefst anfangs 2025 hat sich die Aktie verzehnfacht.

Jean-Paul Clozel: Die Finanzierung war zweifellos ein wichtiger Meilenstein, weil sie uns den notwendigen finanziellen Spielraum verschafft, um unsere Strategie umzusetzen und uns auf die Wertschaffung zu konzentrieren, anstatt kurzfristige Liquiditätsfragen zu managen. Ich würde sie jedoch nicht als Durchbruch an sich bezeichnen. Der eigentliche Durchbruch ist die Kombination aus einer gestärkten Finanzposition, der starken Entwicklung von QUVIVIQ und den kontinuierlichen Fortschritten unserer Pipeline. Investoren erkennen zunehmend den erheblichen, bislang nicht ausgeschöpften Wert unseres kommerziellen Portfolios, unserer Entwicklungsprogramme und unserer Forschungspipeline.

Mit einem Zins von sieben Prozent auf fünf Jahre ist die Ausleihe nicht gerade billig…

Keine Finanzierung ist kostenlos, und die Finanzierungsstruktur sollte im Kontext der Qualität der zugrunde liegenden Vermögenswerte betrachtet werden. Unter den heutigen Marktbedingungen sind CHF 250 Millionen langfristiger, nicht verwässernder Finanzierung zu einem Zinssatz von 7 % tatsächlich ein attraktives Ergebnis und ein Beleg für die Stärke des zugrunde liegenden Geschäftsmodells. Dass ein spezialisierter Gesundheitsfinanzierer bereit war, Kapital zu diesen Konditionen bereitzustellen, spiegelt das Vertrauen in die kommerzielle Entwicklung von QUVIVIQ, den Wert unseres Portfolios und unsere Fähigkeit wider, künftig Cashflows zu generieren. Für mich ist diese Transaktion nicht nur eine Finanzierung, sondern auch eine externe Bestätigung der Belastbarkeit des Geschäftsplans von Idorsia, der Qualität unserer Vermögenswerte und des langfristigen Potenzials des Unternehmens.

Sie sagten noch im Frühjahr, dass weitere Kostensenkungen im Betrieb nicht nötig seien. Herrscht jetzt Jobsicherheit?

In den vergangenen Jahren haben wir umfassende Restrukturierungsmassnahmen umgesetzt und arbeiten heute mit einer deutlich fokussierteren Organisation. Unsere Priorität liegt auf Umsetzung und Wachstum und nicht auf weiteren breit angelegten Kostensenkungsprogrammen. Wie jedes Biotechnologieunternehmen überprüfen wir kontinuierlich unsere Ressourcenallokation, doch unser Fokus liegt auf der Wertschaffung und der Weiterentwicklung unseres Portfolios, nicht auf Personalabbau.

«Unsere Priorität liegt auf Umsetzung und Wachstum und nicht auf weiteren breit angelegten Kostensenkungsprogrammen.»
Jean-Paul Clozel, VR-Präsident und CEO ad interim Idorsia

Wie rekrutieren Sie? Gibt es genug qualifiziertes Personal auf dem Markt?

Wir ziehen weiterhin hochqualifizierte Fachkräfte an, insbesondere innerhalb des Life-Science-Ökosystems in Basel. Idorsia profitiert von seinem wissenschaftlichen Ruf und seiner hervorragenden Erfolgsbilanz in der Arzneimittelforschung und -entwicklung. Obwohl der Wettbewerb um Spitzenkräfte stets vorhanden ist, sind wir weiterhin gut positioniert, Talente zu gewinnen, die von Innovation motiviert werden und in einem unternehmerischen Umfeld arbeiten möchten, in dem jede einzelne Person einen wesentlichen Beitrag zum Erfolg des Unternehmens und zum Leben von Patienten leisten kann.

Sie haben mit CCR6, CXCR7 und CXCR3 Antagonisten als Wirkstoffklasse. Rezeptorblockieren scheint das Lieblingsthema Ihrer Entwicklungsabteilung zu sein?

Obwohl alle drei Programme auf Chemokin-Rezeptoren abzielen, sind sie biologisch klar voneinander abgegrenzt und adressieren sehr unterschiedliche Krankheitsgebiete. CCR6 fokussiert auf Th17-getriebene Autoimmunerkrankungen, CXCR7 auf Remyelinisierung und Neuroinflammation bei progredienter Multipler Sklerose und CXCR3 auf die Migration von Immunzellen bei Vitiligo (eine chronische Autoimmunkrankheit der Haut, A.d.R.). Gemeinsam ist ihnen, dass es sich um First-in-Class-Chancen handelt, die auf einer Biologie basieren, die wir besonders gut verstehen.

QUVIVIQ mit dem Wirkstoff Daridorexant hilft beim Durchschlafen, indem es die Rezeptoren für das chemische Aufwachsignal Orexin blockiert. Wieso ist Ihr Marktanteil mit über dreissig Prozent in Japan so hoch?

Zunächst sollte ich klarstellen, dass es die DORA-Klasse und nicht allein QUVIVIQ ist, die in Japan einen Marktanteil von nahezu 40 % erreicht hat. Japan war einer der ersten Märkte, der diesen Wirkmechanismus angenommen hat, und die Ärzte haben im Laufe der Zeit grosses Vertrauen in das Orexin-System entwickelt.

Der Erfolg dieser Wirkstoffklasse spiegelt die zunehmende Erkenntnis wider, dass Insomnie im Wesentlichen eine Störung der Wachheitsregulation ist und dass die Hemmung des Orexin-Systems ein gezielter Ansatz ist, der viele der bekannten Nebenwirkungen einer breiten Sedierung des Gehirns vermeidet. Innerhalb dieses attraktiven und wettbewerbsintensiven Marktsegments behauptet sich QUVIVIQ durch sein eigenes klinisches Profil und die stetig wachsende Evidenzbasis.

Mit Daridorexant sind die Leute tagsüber fitter als nach Einnahme klassischer Schlafmittel. Ich nehme an, Sie haben Quviviq auch schon öfter probiert?

Ich äussere mich nicht zur persönlichen Nutzung verschreibungspflichtiger Medikamente. Entscheidend sind die klinischen Daten. QUVIVIQ hat in klinischen Studien sowohl Vorteile hinsichtlich der nächtlichen Symptome als auch der Tagesfunktion gezeigt, was das Präparat von allen anderen Behandlungen gegen Insomnie unterscheidet.

Das Schlafmittel soll Ihnen nach Analystenschätzung im 2028 bis zu eine Milliarde Umsatz bringen. Das bedeutet pro Jahr eine Verdopplung. Sie teilen diese Ansicht sicherlich?

Wir sind absolut überzeugt, dass QUVIVIQ Blockbuster-Potenzial besitzt. Unser Vertrauen beruht darauf, dass wir weiterhin zahlreiche Möglichkeiten haben, das Insomnie-Geschäft auszubauen, etwa durch besseren Marktzugang, eine breitere Nutzung in der Primärversorgung, geografische Expansion, innovative Initiativen zur Patientenansprache sowie Lifecycle-Innovationen. So haben wir kürzlich sehr positive Daten bei Kindern mit Insomnie erzielt, einem Bereich, in dem in den USA bislang kein Medikament für pädiatrische Insomnie zugelassen ist. Diese Ergebnisse sind äusserst ermutigend und unterstreichen zusätzlich das langfristige Potenzial von QUVIVIQ. Wir glauben, dass wir uns noch in einer frühen Phase der Erschliessung des gesamten Potenzials dieser Marktchance befinden.

«Wie haben kürzlich sehr positive Daten bei Kindern mit Insomnie erzielt, einem Bereich, in dem in den USA bislang kein Medikament für pädiatrische Insomnie zugelassen ist.»

Das Impfstoff-Programm von Idorsia hat gerade sehr gute Phase1-Daten bei der Behandlung von Chlostridium difficile, einem sehr gefährlichen Krankenhauskeim, erreicht. Was ist der Vorteil gegenüber klassischen Antibiotika, wie Fidaxomicin, Vancomycin und Metronidazol?

Dieser spezifische Erreger bildet Sporen, die nicht mit Antibiotika behandelt werden können. Sie verbleiben in einem Ruhezustand und verursachen erneute Infektionen. Unser Impfstoff wurde entwickelt, um sowohl gegen die Bakterien als auch gegen die Sporen, die Übertragung und Wiederauftreten der Erkrankung fördern, eine Immunität zu erzeugen. Dadurch hat er das Potenzial, nicht nur Krankheiten zu verhindern, sondern auch Personen zu helfen, die bereits kolonisiert oder infiziert sind, indem er die immunvermittelte Kontrolle des Erregers unterstützt.

Darüber hinaus stellt das Programm die erste klinische Validierung unserer synthetischen Glykan-Impfstoffplattform dar, die auch in anderen Bereichen der Infektionskrankheiten Anwendung finden könnte. Im Gegensatz zu traditionellen Glycokonjugat-Impfstoffen, die auf komplexen biologischen Extraktions- und Herstellungsprozessen beruhen, basiert unser Impfstoff auf einem synthetischen Glykan, das mittels medizinischer Chemie hergestellt wird. Dadurch wird die Impfstoffproduktion von einem biologischen zu einem chemischen Prozess, was eine hochreproduzierbare Herstellung ermöglicht, Komplexität und Kosten reduziert und die Produktion von Millionen von Dosen in einem chemischen Labor erlaubt.

Fast 20% der Menschheit soll mittlerweile an Bluthochdruck leiden. Das bleibt Killer Nr.1 und bringt uns zu TRYVIO und JERAYGO; Ihre beiden Medikamente mit dem Wirkstoff Aprocitentan senken den Blutdruck um 10 bis 15 mmHg. Sie sollen nun ein Finanzierungsangebot erhalten haben; können Sie Details verraten?

Der medizinische Bedarf ist enorm. Trotz zahlreicher verfügbarer Behandlungsmöglichkeiten sind Millionen von Patienten weiterhin nicht ausreichend kontrolliert. TRYVIO/JERAYGO ist die erste und einzige Therapie, die auf den Endothelin-Signalweg abzielt und für die systemische Hypertonie zugelassen wurde. Damit steht Ärzten ein völlig neuer Behandlungsansatz zur Verfügung.
Die Zweckgesellschaft (SPV), die die Rechte an Aprocitentan hält, hat ein Finanzierungsangebot erhalten, um die Vermarktung von TRYVIO/JERAYGO über Co-Promotion-Partnerschaften in den USA und Europa zu unterstützen. Diese Finanzierung würde den Marktstart sowie Initiativen zur Verbesserung des Patientenzugangs ermöglichen, während laufende Gespräche mit potenziellen Co-Promotion-Partnern die kommerzielle Reichweite erweitern könnten. Dieses kapitaleffiziente Vermarktungsmodell kombiniert eine dedizierte Drittfinanzierung mit möglichen Co-Promotion-Partnerschaften, ohne dass Idorsia eigenes Kapital einsetzen muss.

«Eine Zweckgesellschaft (SPV), welche die Rechte an Aprocitentan hält, hat ein Finanzierungsangebot erhalten, um die Vermarktung von TRYVIO/JERAYGO über Co-Promotion-Partnerschaften in den USA und Europa zu unterstützen.»

Lucerastat, ein Phase3-Mittel gegen die Nierenkrankheit Fabry disease, wird wohl frühestens 2030 in den Verkauf gelangen, oder?

Das neue Phase-III-Programm soll eine potenzielle Zulassungseinreichung bereits ab 2029 ermöglichen. Wie bei jedem Entwicklungsprogramm hängen die genauen Zeitpläne von der Durchführung der Studien und den regulatorischen Prüfungen ab. Wir verfügen nun jedoch über einen klar definierten regulatorischen Pfad und einen konkreten Entwicklungsrahmen.

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