Johannes Schneebacher, CEO Aequitec, im Interview

Johannes Schneebacher, CEO Aequitec, im Interview
Johannes Schneebacher, CEO Aequitec

Von Helmuth Fuchs

Moneycab: Herr Schneebacher, Ihr Angebot, Aktionärs- und Generalversammlungen digital vorzubereiten und durchzuführen, dürfte gerade in der Coronakrise einen unerwarteten Schub bekommen haben. Wie hat sich Ihr Unternehmen seit dem Start im Januar bis anhin entwickelt, welche Ziele haben Sie für das kommende Jahr?

Johannes Schneebacher: Ursprünglich sind wir mit der Idee gestartet, ein digitales Aktienregister als solches anzubieten und vor allem den Gründungsteil eines neuen Unternehmens zu unterstützen. Die Gesetzgebung aus Anlass der Covid-Pandemie hat uns aber zu einem taktischen Wechsel geführt, sodass wir heute das digitale Aktienregister als Mittel zur Durchführung von Corporate Actions sehen, wie zum Beispiel der jährlichen Generalversammlungen, und das vor allem für schon lang bestehende Aktiengesellschaften.

„Die Gesetzgebung aus Anlass der Covid-Pandemie hat uns zu einem taktischen Wechsel geführt, sodass wir heute das digitale Aktienregister als Mittel zur Durchführung von Corporate Actions sehen.“ Johannes Schneebacher, CEO Aequitec

Das hat uns natürlich einen enormen Schub gegeben. Heute haben wir die Applikation bereits fertig entwickelt, sie hat sich in der Praxis bereits bewährt. Das gibt uns Rückenwind für weitere Entwicklungen noch innerhalb des Jahres, die allesamt insbesondere die traditionellen Aktiengesellschaften unterstützen werden.

Für Teile Ihrer App bietet sich die Blockchain gerade zu an, um zum Beispiel Handänderungen oder Entscheidungen (Corporate Actions) fälschungssicher festzuhalten. Welche Technologien setzen Sie ein, was macht Ihre Lösung besser als bestehende Angebote?

Bereits heute werden die Registereinträge in einem “Ledger” festgehalten, d.h. die Schaffung, Abtretung und Vernichtung von Namenaktien. Für Bucheffekten geschieht dies in Zusammenarbeit mit der SIX als Hauptregisterführer und der jeweiligen Bank als Verwahrstelle.

„Im Gegensatz zu Aktien Token setzt Aequitec auf das bewährte Instrument der Bucheffekten. Diese haben sich in den letzten Jahren sowohl rechtlich, fachlich als auch technisch etabliert.“

Durch die Nutzung einer verteilten Registertechnologie, z.B. R3’s Corda, können die Daten zwischen den Abwicklungsparteien jederzeit auf dem selben Datenstand gehalten werden. Dies ist wichtig, da nach Meinung der Grossteil der Rechtspraktiker die Übertragung von sogenannten „Aktien Token” zum heutigen Stand der Rechtssprechung eine schriftliche Abtretung (“Zession”) benötigt. Dies ist auf Basis der öffentlichen Blockchains Stand heute nicht möglich.

Im Gegensatz zu Aktien Token setzt Aequitec auf das bewährte Instrument der Bucheffekten. Diese haben sich in den letzten Jahren sowohl rechtlich, fachlich als auch technisch etabliert und geben unseren Kunden die nötige Sicherheit bei der Digitalisierung Ihres Aktienregisters. Zusammen mit unserem Ansatz “Smartphone First” ein starkes Alleinstellungsmerkmal.

Die rechtlichen Rahmenbedingungen (Aktionärsrechte, Compliance-Vorschriften) weisen in verschiedenen Ländern teilweise signifikante Abweichungen auf. Wie gut lässt sich Ihre Lösung für andere Länder anpassen, welche Pläne für eine Internationalisierung haben Sie eventuell schon?

Als wir die Grundmuster zur Abhaltung von Generalversammlungen in verschiedenen europäischen Ländern genauer angesehen haben, stellten wir zu unserer Überraschung fest, dass es zwar Unterschiede gibt, die es zu beachten gilt, aber in einem überschaubaren Ausmass, die Skalierbarkeit der Applikation auf weitere Länder ist aber eine reale Möglichkeit, die in unseren Planungen für die nächste Zeit ein wichtige Rolle spielt.

Die Digitalisierung hat in der Krise Bereiche wie die Schulen, Home Office, aber auch das Einkaufsverhalten signifikant verändert. Welche Chancen und Risiken sehen Sie aktuell für Ihr Unternehmen, welchen Einfluss hat die Corona Krise auf Ihre Strategie?

Die Corona-Krise ist ein Katalysator im globalen Digitalisierungsprozess. Praktisch von einem Tag zum anderen haben sich viele Vorurteile der Digitalisierung gegenüber in Luft aufgelöst und damit die Veränderungsgeschwindigkeit deutlich erhöht.

Für unsere Strategie bedeutet dies, dass grössere Offenheit seitens traditioneller Aktiengesellschaften unseren Lösungen zu mehr Einfachheit, Transparenz und Sicherheit besteht. Wir sind überzeugt, dass wir in den Verwaltungsratspräsidenten und Corporate Secretaries viel mehr Verbündete zur Einführung digital unterstützter Prozesse und zu einem Modernisierungsschub in der Corporate Governance haben werden als bisher.

Mit Aequitec nehmen Sie am “Prototype to Product” Projekt des Inkubators F10 teil. Mit welchen Erwartungen sind Sie in das Programm gestartet, inwieweit haben sich die Erwartungen erfüllt?

Unsere Erwartungen waren, dass wir verstehen, wie wir mit einem grossen Partner wie der SIX zusammenarbeiten können. Als junge Firma sind wir (noch) nicht im traditionellen Zielgruppensegment der SIX wenn es um die Kundengrösse geht. Dafür bieten wir eine interessante Technologie und haben zusammen mit der SIX einen innovativen Ansatz gefunden wie Bucheffekten einem breiteren Kundenkreis offeriert werden können.

„Zusammen mit der SIX haben wir einen innovativen Ansatz gefunden, wie Bucheffekten einem breiteren Kundenkreis offeriert werden können.“

Diese sehr konkrete Erwartung hat sich somit mehr als erfüllt. An dieser Stelle auch ein grosses Lob an die Mitarbeiter der SIX, welche Ihre Onboarding Prozesse eher auf Banken und Grosskunden ausgerichtet haben und so agil waren, uns als innovatives Scale-Up zügig und umkompliziert mit den notwendigen Services zu versorgen. Das hat uns beim Markteintritt massiv beschleunigt.

Zur Vereinfachung der Abläufe setzen viele Unternehmen auf die Möglichkeit der unabhängigen Stimmrechtsvertretung (Kanzleien, Notariate). In Ihrer App unterstützen Sie diese Lösung ebenfalls. Was wird davon nach Corona bleiben, welchen Einfluss hat eine solche Delegation auf die gerade bei KMU nicht unwichtige Aktionärsbindung?

Bereits vor Corona gab es die Möglichkeit, die Stimmrechtsweisungen auf den unabhängigen Stimmrechtsvertreter zu übertragen. Die virtuelle Generalversammlung sieht diese Möglichkeit zukünftig ebenfalls vor. Somit wird sich für unsere Kunden nicht viel ändern. Einzig die Möglichkeiten, wie ich meine Stimmrechtsweisung vornehme, sind wieder breiter aufgefächert, z.B. kann zukünftig auch während der Generalversammlung digital – ohne physische Präsenz – abgestimmt werden.

„Für die Aktionärsbindung ist der Trend sehr positiv. Auf den bisher durchgeführten Versammlungen konnten wir eher eine Steigerung der Präsenz feststellen.“

Für die Aktionärsbindung ist der Trend sehr positiv. Auf den bisher durchgeführten Versammlungen konnten wir eher eine Steigerung der Präsenz feststellen. Wo früher mehrere Papierdokumente ausgefüllt werden mussten und der Weg zur Post nicht ausblieb, reichen heute wenige Minuten um auf dem Smartphone abzustimmen. Die ersparte Zeit kann somit zur Durchsicht der Dokumente genutzt werden, um ein qualifiziertes Urteil zu bilden. Zudem geht dies nun von unterwegs, quasi im Zug als Alternative zur Tageszeitung. Weitere Zeit erspart sich der Verwaltungsrat durch den vereinfachten und schnelleren Einladungs- und Durchführungsprozess, welche dieser in verbesserte und zielgerichteter Investor Relations investieren kann.

Für eingetragene Aktien bieten Sie die Möglichkeit, diese digital zu verwalten. Wie sicher ist Ihre Lösung vor Hackerangriffen, in welchem Land stehen die Server, auf denen die Lösung betrieben wird?

Die Sicherheit der Kundendaten hat oberste Priorität. Wir nutzen modernste Sicherheitsfunktionen auf Software und Hardware Seite. Konkret, sämtliche Datenbanken sind durch entsprechende Sicherheitsmechanismen vor Dritten geschützt. Nutzern der Smartphone App raten wir zur Nutzung der Zwei-Faktor Identifizierung.

Zudem nutzen wir Hardware-seitig eine der modernsten und sichersten Lokationen der Schweiz. Alle Daten von Schweizer Kunden liegen ausschliesslich in der Schweiz. Abschliessend werden alle Bestandsveränderungen über das System der SIX kommuniziert, welches eine Hardwareverschlüsselung voraussetzt.

Die Schweizer Open Finance-Bewegung (PSD2 innerhalb der EU) bemüht sich darum, dass Schnittstellen zu Banken-Dienstleistungen transparenter, die Übergabe von Informationen einfacher werden. Wie wichtig ist das für Ihr Angebot?

Schnittstellen zu Drittparteien sind natürlich sehr wichtig für den Datenaustausch, beispielsweise mit der Verwahrstelle. Dies kann über das bewährte SWIFT Nachrichtensystem, über standarisierte Schnittstellen gemäss PSD2 oder über verteilte Datenbanken passieren. An dieser Stelle sind wir flexibel und richten uns nach unserem Geschäftspartner.

Welche weiteren Funktionen oder Ausbauschritte haben Sie für Ihre Lösunge in nächster Zukunft schon geplant?

Wir schauen uns ständig die Entwicklung der rechtlichen Rahmenbedingungen an und planen entsprechend neuartige Funktionen. An dieser Stelle möchten wir aber noch nicht zu viel verraten. Nur soviel: die neuen Registerwertrechte sind eine sehr spannende Entwicklung.

Zum Schluss des Interviews haben Sie zwei Wünsche frei. Wie sehen die aus?

Es genügt einer, der sich erfüllt: Wir wünschen uns mutige Verwaltungsratspräsidenten und Corporate Secretaries, die in der digitalen Unterstützung ihrer Corporate Governance nicht nur die deutlich wahrnehmbare Zeitersparnis und die höhere Sicherheit sehen, sondern auch eine ausgezeichnete Möglichkeit, die Beziehungen zu ihren Aktionären auf eine neue Ebene zu bringen.

Bewusste und überzeugte Aktionäre wird es in der nächsten – wahrscheinlich schwierigen – Zeit dringend brauchen.


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Aequitec

Firmeninformationen zu Aequitec bei monetas.ch


Aequitec ist Teilnehmerin am F10 Programm „P2 Incubation Programm Batch V“. Details zum Programm finden sich hier.

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