Josua Boos, Co-Founder Vectogate, im Interview
AI Agents stehen kurz davor, den Unternehmensalltag grundlegend zu verändern. Sie beantworten nicht mehr nur Fragen, sondern handeln eigenständig, greifen auf Systeme zu und treffen Entscheidungen. Das eröffnet enorme Chancen – birgt aber auch erhebliche Risiken für Sicherheit, Datenschutz und Compliance. Das Schweizer Startup Vectogate will genau diese Lücke schliessen. Im Interview erklärt Mitgründer Josua Boos, weshalb AI Agents ohne Kontrolle zum Risiko werden können und wie Unternehmen ihre Potenziale dennoch sicher nutzen.
von Patrick Gunti
Moneycab.com: Herr Boos, AI Agents sind ein grosses Thema. Wo liegt der entscheidende Unterschied zu den bisherigen Chatbots oder Copiloten?
Josua Boos: Ein Chatbot schlägt vor, ein Agent handelt. Damit fällt das letzte Sicherheitsnetz weg: der Mitarbeitende, der bisher jeden Output prüfte, bevor er ihn verwendete.
Wie stark wird diese Technologie Unternehmen in den nächsten zwei bis drei Jahren verändern?
Sehr stark und schneller, als die meisten planen. Der Engpass ist dabei nicht die Modellqualität. Kein Unternehmen scheitert heute daran, dass das Modell zu schwach wäre. Es scheitert an der Freigabe. Führend sein wird deshalb, wer die Kontrollfrage früh gelöst hat.
Anthropic hat mit Claude Team einen AI Agent vorgestellt, der dauerhaft als Teammitglied in Slack mitarbeitet. Ist das ein Vorgeschmack auf den Unternehmensalltag der Zukunft?
Ja, der Agent wird vom Werkzeug zum permanenten Mitwirkenden. Nur hat ein Teammitglied eine Rolle, ein Berechtigungsprofil und hinterlässt in jedem System Spuren. Der Agent bekommt den Zugang eines Kollegen, ohne eigene Identität und ohne definierte Grenzen.
«Ein manipulierter Agent ist kein fehlerhafter Chatbot, sondern ein Innentäter mit gültigen Zugangsdaten. Wer nicht nachvollziehen kann, was seine Agenten tun, kann sie auch nicht kontrollieren.»
Josua Boos, Co-Founder Vectogate
Je mehr Eigenständigkeit AI Agents erhalten, desto grösser werden die Risiken. Wo liegen heute die grössten Sicherheitsprobleme?
Ein Agent ist manipulierbar. Weil er unter dem Konto eines Mitarbeitenden läuft, erbt er dessen gesamten Zugriff. Er darf also fast immer mehr, als seine Aufgabe verlangt. Ein manipulierter Agent ist damit kein fehlerhafter Chatbot, sondern ein Innentäter mit gültigen Zugangsdaten. Wer nicht nachvollziehen kann, was seine Agenten tun, kann sie auch nicht kontrollieren.
Was kann im schlimmsten Fall passieren, wenn AI Agents unkontrolliert auf Unternehmenssysteme oder sensible Daten zugreifen?
Die realistischen Szenarien sind banal und teuer. Ein Agent liest eine manipulierte E-Mail und schickt daraufhin interne Daten nach aussen. Bei einem Datenschutzvorfall bleiben Ihnen nach DSGVO dann 72 Stunden, um zu erklären, was geschehen ist. Die teuerste Antwort in diesem Moment lautet: Wir wissen es nicht.
Mit einer AI-Full-Governance-Plattform bringt Vectogate eine Lösung auf den Markt, die AI Agents kontrollierbar macht und regelkonform in Unternehmensumgebungen einsetzt. Wie können wir uns das vorstellen?
Wir legen eine Kontrollschicht zwischen die Agenten und die Unternehmenssysteme. Jeder Zugriff läuft über einen Prüfpunkt, der bei jeder Aktion klärt: Welcher Agent handelt? In wessen Auftrag? Auf welche Ressource greift er zu? Durch welche Regel ist das gedeckt? Alles wird lückenlos protokolliert. Der Agent kann arbeiten, aber nur innerhalb des Rahmens, den das Unternehmen definiert hat.
«Wir legen eine Kontrollschicht zwischen die Agenten und die Unternehmenssysteme. (…) Alles wird lückenlos protokolliert. Der Agent kann arbeiten, aber nur innerhalb des Rahmens, den das Unternehmen definiert hat.»
Vectogate versteht sich als Governance-Schicht zwischen AI Agents und der Unternehmens-IT. Wie funktioniert dieses Prinzip in der Praxis, ohne die Produktivität der Mitarbeitenden einzuschränken?
Governance, die bremst, wird umgangen. Deshalb schränken wir nicht pauschal ein, sondern schneiden den Zugriff auf die Aufgabe zu. Ein Agent bekommt genau die Systeme und Daten, die er für seinen Auftrag braucht, und innerhalb dieses Rahmens arbeitet er ohne Reibung. Das erhöht nicht nur die Sicherheit, es macht den Agenten auch besser. Wer ihm von vornherein nur die Endpunkte zeigt, die zur Aufgabe gehören, nimmt ihm die Möglichkeit, sich zu verlaufen. Weniger Umwege, weniger Fehlversuche, vorhersehbare Ergebnisse.
Sie setzen auf einen sogenannten Dual-Layer-Ansatz mit einer Skill- und einer Enforcement-Schicht. Weshalb braucht es beide Ebenen, und welchen Vorteil bietet dieser Ansatz gegenüber herkömmlichen Sicherheitslösungen?
Die Skill-Schicht definiert, was ein Agent darf. Die Enforcement-Schicht setzt es zur Laufzeit durch. Eine Regel, die nur im Systemprompt steht, ist eine Empfehlung. Verbindlich wird sie erst, wenn sie an einer Stelle erzwungen wird, die der Agent nicht umgehen kann.
Sehr spannend ist die lückenlose Nachvollziehbarkeit sämtlicher Aktionen eines AI Agents. Weshalb wird Transparenz künftig fast wichtiger sein als reine Sicherheit?
Weil Prävention nie hundertprozentig sein wird. Was am Ende zählt, ist der Nachweis. Im Ernstfall interessiert nicht, welche Regeln Sie aufgestellt haben, sondern was Ihre Agenten tatsächlich getan haben.
Viele Unternehmen beschäftigen sich derzeit mit der Einführung von AI Agents. Haben Sie den Eindruck, dass das Thema Governance und Kontrolle dabei oft erst an zweiter Stelle kommt?
Sehr oft. Die Reihenfolge lautet fast immer: Pilot, Begeisterung, Rollout-Wunsch, danach erst die Sicherheitsprüfung. Genau dort bleiben die Projekte stecken. Das ist selten Widerstand gegen KI, sondern schlicht ein Mangel an Nachweisen.
Mit dem EU AI Act treten ab August weitere regulatorische Anforderungen in Kraft. Welche konkreten Pflichten kommen dadurch auf Unternehmen zu, die KI einsetzen?
Am 2. August greifen die Transparenzpflichten nach Artikel 50. Die zusätzlichen Pflichten für Hochrisiko-KI hat die EU mit dem AI Omnibus auf Dezember 2027 verschoben. Unabhängig vom Stichtag beginnt Compliance stets am selben Punkt: wissen, welche KI-Systeme im Einsatz sind, sie nach Risiko einordnen und ihre Aktionen protokollieren. Wer damit wartet, riskiert eine Compliance-Lücke, denn ein Audit-Trail lässt sich nicht rückwirkend erzeugen.
«Regulatorisch haben Banken, Versicherungen und die Pharmaindustrie den grössten Handlungsdruck. Operativ trifft es alle, die Agenten bereits im grossen Stil einsetzen.»
Welche Branchen oder Unternehmen verspüren derzeit den grössten Handlungsdruck? Sind es Banken, Versicherungen, Gesundheitswesen oder inzwischen praktisch alle?
Regulatorisch sind es Banken, Versicherungen und die Pharmaindustrie. Operativ trifft es alle, die Agenten bereits im grossen Stil einsetzen. Zunehmend kommt der Druck auch aus der Lieferkette: Sicherheitsfragebögen von Kunden fragen inzwischen nach KI-Governance. Wer darauf keine Antwort hat, verliert Aufträge.
Letzte Frage: Sie führen Vectogate operativ von der Schweiz aus, gegründet haben Sie das Unternehmen aber in Delaware in den USA. Weshalb?
Die Delaware C-Corp ist der internationale Standard für Technologie-Startups und für viele Kapitalgeber die Voraussetzung, um überhaupt einsteigen zu können. Operativ arbeiten wir bewusst aus Europa. Der EU AI Act ist der anspruchsvollste Rahmen weltweit, und wer für diesen Massstab baut, baut robust.