Lukas Braunschweiler, CEO Sonova

Lukas Braunschweiler, CEO Sonova

von Bob Buchheit

Moneycab: Herr Braunschweiler, die Rückrufaktion der Cochlea-Implantate HiRes 90K und der Insiderskandal haben stark am Image von Sonova gekratzt, aber wie man an der jüngsten Börsenperformance abliest, haben die Anleger wieder starkes Vertrauen in Ihre Firma. Welche weiteren vertrauensbildenden Massnahmen stehen 2012 auf der Agenda?

Lukas Braunschweiler: Grundsätzlich sind Transparenz und eine offene Kommunikation die Basis für den Aufbau und Erhalt von Vertrauen in eine Firma und in die Geschäftsleitung. Doch mit einer professionellen Kommunikationsabteilung allein ist es noch nicht getan. Man muss auch liefern, was man verspricht. Was für mich zählt, ist die Leistung, die erbracht wird und nicht die grossen Reden. Vertrauensbildend ist eine Firma dann, wenn sie eine klare Strategie verfolgt, die von allen Mitarbeitern und dem gesamten Management verstanden und getragen wird. Wir müssen uns auf unser Geschäft und unsere Kunden fokussieren. Das wird die gewünschte Performance erbringen und das Vertrauen in unsere Firma langfristig und nachhaltig sichern.

20 bis 30 Prozent EBITA-Marge wollen Sie bis 2015 wieder dauerhaft sehen. Sind Sie wirklich sicher, dass Ihnen bis dahin nicht der Sparhans im Gesundheitswesen einen Strich durch die Rechnung macht?

Natürlich müssen gewisse Rahmenbedingungen gegeben sein, damit wir unsere Ziele erreichen können. Denn auch die Gegebenheiten auf dem Markt können sich immer wieder verändern, ohne dass wir gross Einfluss darauf nehmen können. Damit müssen wir immer rechnen, und dies wird in unserer Planung auch immer wieder mitberücksichtigt. Allerdings sehe ich derzeit keine revolutionären Veränderungen, die unser Geschäft und unsere Ziele massgeblich beeinflussen sollten. Grundsätzlich  haben wir das grosse Glück, uns in einem wachsenden Markt zu befinden. Einerseits profitieren wir von der demografischen Entwicklung: Es gibt immer mehr Menschen, die ein höheres Alter erreichen. Und andererseits sind wir in einer Industrie tätig, in der echte Innovationen den Markt nach wie vor bewegen und stimulieren können. Der Markt für Hörhilfen ist noch lange nicht gesättigt.

Was für mich zählt, ist die Leistung, die erbracht wird und nicht die grossen Reden.
Lukas Braunschweiler, CEO Sonova

Alte Leute haben oft ihre manuelle Mühe, mit den Hörgeräten. Abgesehen vom Implantate-Geschäft – was werden in den nächsten Jahren die grossen benutzerfreundlichen Weiterentwicklungen sein?

Eine einfache Handhabung der Hörgeräte ist ein wichtiger Aspekt in der Entwicklung neuer Produkte. So entstehen auch ganz neue Produktkonzepte wie zum Beispiel das Hörgerät Lyric von Phonak, das tief im Gehörgang platziert wird. Dort bleibt es unsichtbar bis zu vier Monaten im Ohr, ohne dass es irgendeiner Handhabung wie Reinigung oder Batteriewechsel bedarf. Einfacher und praktischer geht es wirklich nicht: Der Träger kann seinen Hörverlust einfach vergessen und mit Lyric alle Alltagsaktivitäten wie Duschen oder Sport bedenkenlos durchführen. Lyric ist das einzige Hörgerät auf dem Markt, das komplett unsichtbar ist und über einen längeren Zeitraum rund um die Uhr getragen werden kann.

Herkömmliche Hörgeräte sind aber recht mühsam…

Auch bei den herkömmlichen Hörgeräten ist die einfache Handhabung ein zentrales Thema. So wird die automatische Anpassung der Hörgeräte an die jeweiligen Hörsituationen weiterentwickelt. Unsere Geräte erkennen heute von selbst, ob der Träger sich in einem lauten Restaurant oder  auf einer Parkbank in ruhiger Umgebung befindet – und passen ihre Hörleistung automatisch an, ohne dass der Träger sich um die richtige Einstellung kümmern muss.
Die Energieversorgung der Geräte ist ebenfalls ein Feld mit grossem Innovationspotenzial, etwa in der Entwicklung von neuen Batteriesystemen wie aufladbare Hörgerätebatterien sowie stromsparende Hörgeräte.

Was ist denn der Kunde bereit für besseres Hören zu zahlen? Wo liegt die Schmerzgrenze?

Diese Antwort lässt sich nicht pauschal beantworten: Wie viel ein Kunde für ein Hörgerät bereit ist auszugeben, hängt von seinen individuellen Bedürfnissen ab. So wissen wir, dass Alter, Grad von Hörverlust, finanzielle Mittel und Lifestyle ausschlaggebende Faktoren für die Wahl eines bestimmten Hörgeräts sind. Übrigens hat Phonak Ende März dieses Jahres unter dem Namen „Essential“ ein neues Leistungssegment eingeführt. Diese Einstiegsgeräte bieten ausgezeichnete Hörleistung basierend auf der Spice+ Technologie für Menschen, die auf den Preis achten, ohne dabei substanzielle Kompromisse in der Hörleistung machen zu wollen.

Inwieweit kann Sonova als Nummer eins der Branche Einfluss auf die Rückerstattungsraten der Krankenkassen nehmen?

Wir arbeiten in den jeweiligen Ländern mit den lokalen Industrie- und Fachverbänden, Experten und Hörgeräteakustikern zusammen, um unsere Interessen und jene unserer Kunden bestmöglich zu vertreten. Als Firma treten wir allerdings nicht alleine auf.

Wer nicht hört, ist vom sozialen Leben ausgeschlossen. Sollte das den Sozialversicherungen nicht einen höheren Zustupf an die Hörsytemekosten wert sein?

Es ist zweifelsohne so, dass Hörverlust zur sozialen Isolation führen kann – daher würden wir es natürlich begrüssen, wenn Sozialversicherungen hier einen grösseren Beitrag leisten. Aber letztendlich ist dies eine politische Frage. Man muss sich einfach immer wieder vor Augen führen, dass 16% der Bevölkerung einen Hörverlust hat, Tendenz steigend. Hörverlust ist ein gesellschaftliches Thema.

Wir arbeiten in den jeweiligen Ländern mit den lokalen Industrie- und Fachverbänden, Experten und Hörgeräteakustikern zusammen, um unsere Interessen und jene unserer Kunden bestmöglich zu vertreten.

Als neuer CEO haben Sie ihre ersten 100 Tage hinter sich. Was war rückwirkend denn für Sie der grösste Pflock, den Sie eingeschlagen haben?

Sonova ist eine gesunde Firma mit starken Produkten und einer ausserordentlich motivierten Belegschaft. Es ging also von vornherein nicht darum, grosse Pflöcke einzuschlagen und die Firma von Grund auf zu revolutionieren. Es geht wesentlich um Fokus und Evolution. Ich sehe meine Aufgabe darin, die Geschäftsleitung und die Mitarbeiter auf ein gemeinsames Ziel auszurichten und dabei eine klare Unternehmensstrategie zu verfolgen. Wir müssen uns auf unser Kerngeschäft und unsere Wachstumschancen fokussieren. Die ersten Schritte in diese Richtung sind bereits eingeleitet.

Sie haben die  Haltedauer der Mitarbeiteroptionen verlängert und Führungspersonal verpflichtet mehr Sonova-Aktien zu halten. Wenn jemand Aktien und Salär von einer Firma bekommt, bedeutet das nicht ein zu hohes individuelles Klumpenrisiko?

Wir haben im 2011 unser Salärsystem für ausgewählte Führungskräfte überarbeitet. Wir haben nun ein besser ausgewogenes Entlöhnungsmodell, welches aber weiterhin aus den drei Komponenten Basissalär, variabler Vergütung in Bargeld und einem Long-term Incentive Plan in Form von Aktien und Optionen besteht. Wir betrachten diesen langfristig ausgelegten Incentive Plan nicht als Klumpenrisiko, sondern als Möglichkeit, langfristig am Unternehmenswert zu partizipieren und die Interessen von Aktionären und Management anzugleichen.

Wie rekrutieren Sie Ihre Manager?

Wir sind sehr daran interessiert, offene Management-Positionen intern zu besetzen und unseren Mitarbeitern somit Aufstiegs- und Karrierechancen zu bieten. Natürlich gibt es gewisse Positionen, die einer externen Suche bedürfen. In solchen Fällen arbeiten wir mit professionellen Personalvermittlungen zusammen.

Sind Sie in der Schweiz mit dem Management-Angebot zufrieden?

Grundsätzlich ist der Talentpool für Fachkräfte und Management-Positionen in der Schweiz relativ eng. Allerdings sind wir in der angenehmen Situation, dass wir viele dieser Fachkräfte für uns gewinnen können, da Sonova in der Schweiz einen guten Ruf als Arbeitgeber geniesst. Aber zweifelsohne sind auch wir gezwungen, unsere Fachkräfte bisweilen im Ausland zu suchen.

Wo sehen Sie punkto Leadership Verbesserungspotenzial?

Generell zeichnet sich eine gute Führung durch eine adäquate, offene und zeitnahe interne Kommunikation aus. Wichtig ist auch, dass Führungsteam und Mitarbeiter eng miteinander vernetzt sind. Als globale Firma müssen wir diese Vernetzung weltweit sicherstellen. Ich sehe diesbezüglich noch Nachholbedarf vor allem in den asiatischen Ländern, wo wir historisch gesehen noch nicht so lange tätig sind. Dies gilt übrigens für die gesamte Hörindustrie.

Auch wir gehen davon aus, dass der Franken nicht mehr wesentlich stärker wird.

Die Medtech-Branche leidet wie viele andere Schweizer Exportprofis unter dem starken Franken. Hilft  ihnen aber nicht bald der Basiseffek? Experten glauben, dass der Franken nicht mehr wesentlich stärker werden wird.

Auch wir gehen davon aus, dass der Franken nicht mehr wesentlich stärker wird. Eine global tätige Firma wie Sonova muss allerdings immer mit Währungsschwankungen rechnen, die sich entweder positiv oder negativ auf das Geschäftsergebnis auswirken können.

In wieweit ist Swissness für Sonova ein Erfolgstreiber und in welchen Regionen besonders?

Wir profitieren in allen Märkten vom Swissness-Faktor. Im Ausland geniessen Schweizer Produkte und Unternehmen zu Recht nach wie vor einen ausgezeichneten Ruf.

Zur Person:
Lukas Braunschweiler (geb. 1956, Schweizer Staatsangehöriger) trat im November 2011 als CEO in die Sonova Gruppe ein. Bevor er zur Sonova Gruppe stiess, war er CEO des Technologie- und Rüstungskonzerns Ruag Holding AG. Von 2002 bis 2009 leitete er als President & CEO die an der US-Börse Nasdaq kotierte, in Kalifornien ansässige Dionex Corporation, ein in der Life-Science-Industrie tätiges Unternehmen. Zuvor war er von 1995 bis 2002 in verschiedenen Positionen für den Präzisionsmessgeräte-Hersteller Mettler Toledo in der Schweiz und in den USA tätig. Lukas Braunschweiler hat an der ETH Zürich, Schweiz, einen Master in Science in analytischer Chemie (1982) erworben und als Doktor in physikalischer Chemie (1985) promoviert.

Zum Unternehmen:
Der klingende Name Sonova steht für Lösungen rund um das Thema Hören. Der global tätige Konzern ist der grösste Hersteller von Hörsystemen weltweit, Marktführer in der drahtlosen Kommunikation für audiologische Anwendungen, entwickelt und stellt fortschrittlichste Cochlea-Implantate her und ist Anbieter professioneller Lösungen zum Schutz des Gehörs. Die Sonova Gruppe verfolgt eine klare Wachstumsstrategie und beabsichtigt nachhaltig stärker als der Markt wachsen. Dazu baut sie die bestehenden Geschäftsfelder kontinuierlich aus und expandiert in zusätzliche Bereiche der Hörindustrie.  Sonova ist in über 90 Ländern vertreten. Die Gruppe hat mehr als 7’800 Mitarbeitende und erzielte im Geschäftsjahr 2010/11 einen Umsatz von CHF 1,6 Mrd. sowie einen Reingewinn von CHF 231 Mio. Seit über 60 Jahren sorgt Sonova (früher unter dem Namen Phonak) erfolgreich für besseres Verstehen.

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