Lukas Brosi, CFO Flughafen Zürich AG, im Interview

Lukas Brosi
Lukas Brosi, CFO Flughafen Zürich AG. (Foto: zvg)

von Bob Buchheit

Moneycab.com: Herr Brosi, im Juli flogen 78,1 Prozent weniger Passagiere über Zürich als im gleichen Vorjahreszeitraum. Ich bin wohl kein Prophet, wenn ich sage, dass erst mit einem Impfstoff gegen Sars-CoV-2 frühere Werte erreichbar sind?

Lukas Brosi: Eine Prognose zu machen für die nächsten Monate oder gar Jahre ist schwierig. Wir gehen davon aus, dass sich der innereuropäische Verkehr zuerst erholen wird, erst danach die Langstreckenverbindungen. Es wird einige Jahre dauern, bis der internationale Reiseverkehr wieder reibungslos funktioniert und sich auch die Airline-Branche soweit erholt hat, dass alle Verbindungen angeboten werden, für die eine Nachfrage besteht. Natürlich hängt dies stark von der weiteren Entwicklung der Corona-Pandemie weltweit ab. Wir müssen flexibel bleiben, was die nahe Zukunft betrifft.

Also 2023?

Das ist aus heutiger Sicht realistisch. Ich bin zuversichtlich, dass wir in ein paar Jahren wieder auf dem Niveau der Vorjahre sein werden – weil das Bedürfnis nach Reisen nicht zurückgehen und auch unsere Welt immer global vernetzter wird. Es ist auch für den Schweizer Tourismus und die Schweizer Wirtschaft wichtig, dass wir gut an die Welt angebunden sind.

Bei der Fracht ging die Tonnage um 43 Prozent zurück. Dahinter steckt die Krise der Wertschöpfungsketten, oder?

Der Flughafen Zürich verfügt über nur sehr wenige reine Frachtflüge. Ein sehr grosser Teil der Luftfracht wird im Laderaum von Passagiermaschinen befördert als sogenannte Belly-Fracht. Es ist daher nachvollziehbar, dass die Luftfracht zurückgegangen ist, da es effektiv auch weniger interkontinentale Flugbewegungen gibt. Mit dem Rückgang der Passagierflüge ging somit auch die Kapazität für Luftfracht zurück. Gegenüber den Anzahl Flugbewegungen, die im Juli noch rund zwei Drittel unter dem Vorjahresmonat lagen, hat sich die Luftfracht im Verhältnis jedoch deutlich weniger reduziert. Dies ist darauf zurückzuführen, dass es seit der Corona-Pandemie mehr reine Frachtflüge gibt.

„Allein in der Schweiz verlassen ein Drittel aller Exporte nach Wert das Land per Luftfracht, und ein Sechstel aller Importe erreicht die Schweiz auf diesem Weg.“
Lukas Brosi, CFO Flughafen Zürich AG

Hier sollte die Erholung wohl auch schneller kommen?

Ja, das denke ich auch. Luftfracht ist essenziell für die heutige arbeitsteilige Wirtschaft, wo Lieferzeit und Lieferbereitschaft eine bedeutende Rolle spielen. Allein in der Schweiz verlassen ein Drittel aller Exporte nach Wert das Land per Luftfracht, und ein Sechstel aller Importe erreicht die Schweiz auf diesem Weg.

Als Finanzchef dürften Sie in letzter Zeit fleissig am Betonmischer gestanden haben, will heissen „Bilanz festigen“. Mit welchen zwei wichtigsten Massnahmen?

In Krisensituationen gibt es grundsätzlich zwei wesentliche Themen: Liquidität und Zahlungsfähigkeit erhalten und die Kapitalgeber über die Situation informieren. Wir haben zeitnah entsprechende Massnahmen ergriffen, um die Liquidität zu sichern. Dazu haben wir umfassende Kostensenkungsmassnahmen beschlossen, die Investitionsplanung überprüft, zusätzliches Kapital am Anleihenmarkt aufgenommen und letztlich auch auf Dividendenzahlungen verzichtet. Zugute kommt uns in dieser Krise, dass wir ein langfristig denkendes und handelndes Unternehmen sind, das vor der Krise finanziell sehr solide war, weil wir in guten Zeiten Reserven gebildet haben, die uns jetzt das nötige finanzielle Polster geben. Aber natürlich geht auch erheblich Substanz verloren in diesen Zeiten.

Der Halbjahresverlust von 27,5 Millionen Franken lässt sich bei einem Liquiditätspolster von rund einer halben Milliarde Franken ja verkraften. Glauben Sie, dass die Aviatikbranche vor fundamentalen Veränderungen steht?

Ich denke nicht. Wir werden Wege finden, wie mit dem Corona-Virus medizinisch umgegangen werden kann. Ich kann mir aber vorstellen, dass wir in Zukunft bewusster reisen werden. Auch werden wir einen sensitiveren Umgang zum Thema Hygiene behalten und eine zunehmende Automatisierung und Digitalisierung in den Passagierprozessen erleben.

„„The Circle“ macht die Flughafen Zürich AG vom Geschäftsmodell her robuster.“

Die Büro- und Gewerbeflächen in Ihrer Grossimmobilie Circle vermieten sich bestens. Schaffen Sie die geplanten 85% Belegung bis Ende Jahr?

Wir sind nicht nur mit dem Stand der Vermietungen sehr zufrieden, sondern auch mit dem Mietermix. The Circle erfreut sich grosser Beliebtheit. Bereits sind die Büroflächen in fünf von sechs Gebäuden sowie alle Gastronomieflächen voll vermietet. Nur noch knapp 10’000 Quadratmeter Bürofläche – von gesamthaft 70‘000 – sind verfügbar, darunter befinden sich Klein- und Grossflächen an zentraler Lage. Ebenfalls ist ein grosser Teil der Geschäfte bereits vermietet. Nur noch einzelne Geschäftsräumlichkeiten sind frei.

In diesem Halbjahr stiegen die Einnahmen im Facility Management bereits um 10 Prozent auf 69 Millionen Franken. Entwickelt sich die Flughafen Zürich AG immer mehr zu einem Immobiliendienstleister?

Dies ist vor allem auf die Akquisition der Priora-Liegenschaften zurückzuführen. Gerade in der Krise zeigt sich, dass sich Immobilien als solide Ertragsquelle erweisen. The Circle ist ein gutes Beispiel, wie uns das auch vom Geschäftsmodell her robuster macht. Unser Kerngeschäft ist jedoch der Betrieb und die stete Weiterentwicklung von modernen Reiseplattformen. Wir diversifizieren einerseits geografisch mit unseren Projekten in Indien und Brasilien, und versuchen andererseits rund um unsere Verkehrsdrehscheiben auch kommerzielle Angebote und Dienstleistungen stetig zu erweitern.

Sie haben den Fluggesellschaften als Kick-off-Vergünstigung eine 10-prozentige Reduktion der Flughafengebühren ab 1.1.2021 eingeräumt. Wieviel macht das unter dem Strich aus?

Dies kommt auf die effektive Anzahl durchgeführter Flüge an. Dieser Rabatt auf den Flugbetriebsgebühren gilt nur für das Jahr 2021 und stellt somit eine Unterstützung seitens Flughafens für die stark getroffenen Fluggesellschaften während der Phase des Wiederhochfahrens dar. Damit wird erhofft, dass sich die Passagierzahlen wieder schneller auf dem Vorkrisen-Niveau einpendeln werden.

„Wir gehen davon aus, dass sich Chile, Indien und Brasilien aufgrund des starken Lokalmarktes schneller erholen werden.“

Wie ernst ist jetzt die Lage in Chile, Indien und Brasilien?

Die Corona-Krise ist für die Aviatik-Branche global einschneidend, und diese Länder sind ebenfalls stark betroffen. All unsere Flughäfen verfügen jedoch über eine sehr lange Konzessionsdauer, und wir gehen davon aus, dass sich diese Märkte aufgrund des starken Lokalmarktes auch schneller erholen werden. Letztlich gibt es innerhalb dieser Länder kaum Alternativen zum Luftverkehr. Nach dem letzten Zuschlag des Projektes in Indien liegt unser Fokus nun auf der erfolgreichen Implementierung der bestehenden Projekte und auf der Konsolidierung in den beiden Kernmärkten Brasilien und Indien.

Wird dort bei den Kapitalausgaben mehr gespart werden als in der Schweiz? Allein in Indien sollten bis 2024 650 Millionen ausgegeben werden.

In Indien entwickeln wir einen neuen Flughafen für die Grossregion Delhi. Da sich dieses Projekt erst in einer frühen Entwicklungsphase befindet, ist der finanzielle Einfluss bisher gering.

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