Marcel Krist, CEO Photonfocus

Marcel Krist, CEO Photonfocus. (Foto: Photonfocus)
Marcel Krist, CEO Photonfocus. (Foto: Photonfocus)

Marcel Krist, CEO Photonfocus. (Foto: Photonfocus)

von Patrick Gunti

Moneycab: Herr Krist, an der Fussball-WM in Brasilien werden erstmals Torkameras eingesetzt. Teil des neuen Torliniensystems „GoalControl-4D“ der deutschen Firma GoalControl sind Hochleistungskameras von Photonfocus. Wie kam es dazu?

Marcel Krist: Ein Torliniensystem wie GoalControl-4D stellt hohe Ansprüche an die eingesetzten Kameras. Wir haben sowohl durch die aussergewöhnliche Leistungsfähigkeit unserer Produkte, wie auch durch die Fähigkeit, die Kameras gemäss den spezifischen Anforderungen und Kundenwünschen weiterzuentwickeln und zu optimieren, überzeugt.

Handelt es sich um eine spezielle Entwicklung oder wurden bestehende Kameras weiterentwickelt?

Die eingesetzte Kamera-Technologie ist im Prinzip State-of-the-Art. Die Kunst war vielmehr, die Kameras so anzupassen, dass sie die speziellen Herausforderungen von GoalControl-4D meistern können.

„Dass unsere Kameras äusserst zuverlässig und präzise arbeiten, haben sie bereits mehrfach  bewiesen.“
Marcel Krist, CEO Photonfocus

Welches waren die grössten Herausforderungen?

Ein Torentscheid muss innert Sekunden gefällt werden. Damit alle benötigten Informationen rechtzeitig zur Verfügung stehen, muss eine enorme Bilddatenmenge produziert und zeitnah über eine enge Schnittstelle zur Verarbeitung geschickt werden. Photonfocus konnte die Lösung dazu entwickeln.

Wie viele Kameras sind während eines Spiels im Einsatz und was passiert sobald sich der Ball in Tornähe befindet?

Jedes Tor wird von sieben Kameras überwacht. Sobald sich der Ball in Tornähe befindet, wird er mit 400 Bildern pro Sekunde in drei Dimensionen bildlich erfasst. Diese Bilder werden unmittelbar an einen Rechner geschickt, der daraufhin die genaue Ballposition bestimmt. Ist der Ball hinter der Linie, wird das Tor auf der Schiedsrichteruhr angezeigt.

Jedes WM-Spiel wird von über 20 TV-Kameras erfasst, jede Bewegung der Spieler ist aus unzähligen Perspektiven ersichtlich. Man hat das Gefühl, man könnte auch so feststellen, ob der Ball tatsächlich hinter der Linie war oder nicht. Wie unterscheiden sich Ihre Kameras von den TV-Kameras?

Im Gegensatz zu den TV-Kameras fokussieren unsere Kameras ausschliesslich den Ball und erfassen somit nur die wesentlichen Informationen. Am besten sieht man das im Replay von GoalControl. Früher waren die Torsituationen oft auch in der Wiederholung noch unklar, da je nach Perspektive Spieler, Pfosten und anderes den Ball verdeckten. Ausserdem wird vom Schiedsrichter verlangt, dass er einen sofortigen Entscheid fällt – da bleibt keine Zeit zum Analysieren von TV-Bildern.

Der Einsatz von Torkameras ist eine Revolution im Fussball. Was bedeutet dieser Auftrag für Ihr Unternehmen, ein KMU mit 10 Mitarbeitenden?

Im Gegensatz zu anderen Anwendungsgebieten unserer Kameras wie Industrie, Forschung oder Verkehr hat Fussball eine sehr emotionale Komponente. Da sich das ganze Team bei  Photonfocus aktiv oder passiv für das Thema Fussball begeistert, haben wir uns natürlich ganz besonders über diesen Auftrag gefreut.

Hoffen Sie insgeheim auf viele strittige Torszenen wie zum Beispiel in der Partie Frankreich gegen Honduras, die zeigen würden, wie genau ihre Kameras arbeiten?

Dass unsere Kameras äusserst zuverlässig und präzise arbeiten, haben sie bereits mehrfach  bewiesen. Trotzdem ist es für uns ein zusätzlicher Vorteil, wenn dieser Beweis dank solcher Szenen nun sozusagen auch in der Weltöffentlichkeit angetreten wird.

Würden nach der WM auch andere grosse Wettbewerbe und Ligen die Torlinien-Überwachung einführen, befände sich Photonfocus sicherlich in einer guten Position. Was erhoffen Sie sich?

Mit unserer Leistung für das System von GoalControl haben wir eine hervorragende Ausgangslage geschaffen und dürften als Kameralieferant wohl in der Pole-Position stehen, wenn es um weitere Einsatzmöglichkeiten des Systems geht.

„Die Anwendungsgebiete unserer Hochleistungskameras gehen weit über den Sport und industrielle Applikationen zur Qualitäts- und Prozesskontrolle hinaus.“

Haben Sie auch andere Sportarten im Visier?

Hochgeschwindigkeitskameras finden in vielen Sportarten Verwendung, unter anderem im Golf oder in der Leichtathletik. Sie verfolgen präzise die Positionen und Bewegungen von Sportlern, Bällen oder Wurfgeschossen und sind nicht nur in Wettkampfsituationen, sondern ebenso im Training und in der Rehabilitation nach Verletzungen eine grosse Hilfe. Der gleichzeitige Einsatz mehrerer Kameras ermöglicht eine exakte Analyse von Bewegungsabläufen und ein optimales Training.

Der Auftrag für das Torliniensystem hat Ihrem Unternehmen zu viel Publizität verholfen. Gegründet wurde Photonfocus aber bereits 2001 und seither arbeiten Sie an der Entwicklung und Vermarktung von schnellen CMOS-Bildsensoren mit hoher Dynamik und entsprechenden digitalen Hochleistungskameras. Wo gelangen Ihre Produkte überall zum Einsatz?

Die Anwendungsgebiete unserer Hochleistungskameras gehen weit über den Sport und industrielle Applikationen zur Qualitäts- und Prozesskontrolle hinaus. Im Verkehr machen wir beispielsweise Gleisinspektionen und Tunnelüberwachungen in 3D oder Nummernschildkontrollen. Andere Einsatzgebiete sind Nahrungsmittelkontrollen, Holzinspektion oder 3D-Filmanimation. Aber auch in der Raumfahrt und Astronomie, Forschung und Medizin sind unsere Kameras präsent.

Eine letzte – nicht ganz ernst gemeinte Frage: Das System beraubt die Fussballfans stundenlanger Diskussionen, ob der Ball nun drin war oder nicht. Was sagen Sie einem Traditionalisten?

Es gibt ja nicht nur die Frage „Tor oder nicht Tor“ im Fussball. Die Torlinien-Technologie hilft zwar, allenfalls weitreichende Fehlentscheide zu verhindern. Foul oder nicht Foul, Aus oder nicht Aus, Abseits oder nicht Abseits und die Fähigkeit des Schiedsrichters werden auch weiterhin genügend zu diskutieren geben.

Herr Krist, besten Dank für das Interview.

Zur Person:
Marcel Krist verfügt über grosse Erfahrung in verschiedenen Branchen und Bereichen,  einschliesslich Finanzdienstleistungen, Klein- und Mittelunternehmen, Family Office und Real Estate Management. 2006 gründete Krist seine eigene Beratungsfirma, spezialisiert auf Interims Management für private KMU’s. 2007 wurde er CEO von Photonfocus AG, 2009 Verwaltungsratspräsident.

Bis 2005 entwickelte und managte er als Direktor bei der Credit Suisse bereichsübergreifende internationale und strategische Projekte, inklusive Financial Systems. Zuvor war er bei McKinsey als Unternehmensberater für die Finanzdienstleistungsbranche tätig. Seine berufliche Karriere startete Krist als Senior Controller bei der Zürcher Kantonalbank, nachdem er den Master of Business Administration an der Universität Zürich erworben hatte.

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