Martin Keller, Vorsitzender der Fenaco-Geschäftsleitung

Martin Keller
Martin Keller, Vorsitzender der Fenaco-Geschäftsleitung. (Foto: Fenaco)

Martin Keller, Vorsitzender der Fenaco-Geschäftsleitung. (Foto: Fenaco)

von Patrick Gunti

Moneycab: Herr Keller, Sie haben im vergangenen Juli die Spitze der Fenaco-Unternehmensleitung übernommen. Was stand für Sie in den ersten Monaten im Amt im Zentrum?

Martin Keller: Für mich stand im Zentrum, dass die fenaco nach meinem Amtsantritt ohne Unterbruch, ohne Turbulenzen und ohne Verunsicherung der Mitarbeitenden erfolgreich weiterarbeiten konnte. Diese Kontinuität im Unternehmen ist uns gut gelungen dank der Unterstützung der Verwaltung und meiner Geschäftsleitungskollegen, aber auch wegen der wertvollen Einarbeitungszeit von zwei Jahren, die ich an der Seite meines Vorgängers erleben durfte.

Fenaco ist ein sehr grosses Unternehmen mit über 80 Tochtergesellschaften und über 8900 Beschäftigten. Nach welchen Grundsätzen führen Sie einen so breit aufgestellten Konzern?

Wir führen die Fenaco nach unseren gemeinsam definierten Führungsprinzipien, d.h. wertorientiert, systemisch im Netzwerk sowie ziel- und lösungsorientiert. Unser Erfolg basiert auf der optimalen Leistung aller Mitarbeitenden. Wir schaffen deshalb eine Atmosphäre der Sicherheit und des Vertrauens.

Kundennähe ist ein weiterer Schlüssel zum Erfolg. Wir organisieren uns in flexiblen, dezentralen, nach identischen Grundsätzen geführten Organisationseinheiten, welche ihren Markt in grosser Selbständigkeit und Eigenverantwortung bearbeiten. Zentral erfolgt hingegen die Vergabe von Investitionskrediten, die Budgetierung, das Controlling (Soll-Ist) sowie die Weiterbildung und die Kaderentwicklung.

«Für unseren langfristigen Erfolg sind mir die Themen Innovation, Nachhaltigkeit und internationale Kompetenz besonders wichtig.»
Martin Keller, Vorsitzender der Fenaco-Geschäftsleitung

Mit der Pensionierung Ihres Vorgängers Willy Gehriger hat an der Spitze auch ein Generationenwechsel stattgefunden. Welche Ziele haben Sie sich gesetzt, was erachten Sie als Ihre grösste Herausforderung?

Für unseren langfristigen Erfolg sind mir die Themen Innovation, Nachhaltigkeit und internationale Kompetenz besonders wichtig. Eine grosse Herausforderung liegt darin, durch Effizienzsteigerungen auf allen Stufen der Wertschöpfungskette die Preise für Schweizer Lebensmittel näher an diejenigen der umliegenden vier Länder heranzuführen. Dies darf jedoch nicht zulasten der Qualität und der Sicherheit unserer gesunden Schweizer Lebensmittel gehen. Wir würden sonst den Mehrwert der «Swissness» aufs Spiel setzen. Unsere Konsumentinnen und Konsumenten schätzen es, dass die Schweizer Landwirte rücksichtsvoll mit ihren Tieren und schonend mit der Umwelt umgehen.

2012 hat Fenaco den Umsatz um 2,3 % auf fast 5,7 Mrd Franken steigern können, die Gewinnzahlen blieben aber hinter dem Vorjahr zurück. Was sind die Gründe für diese Entwicklung?

Es ist erfreulich, dass wir trotz Minusteuerung den Gesamtumsatz der fenaco steigern und unsere Marktpositionen real ausbauen konnten. Das Preisniveau und die Margen sanken in den meisten Geschäftsfeldern. Hinzu kommt, dass wir als genossenschaftliches Unternehmen eine gesunde Balance zwischen Mitgliedernutzen und Rentabilität des Unternehmens anstreben. Dies hatte 2012 zur Folge, dass wir den Mitglied-LANDI – zulasten des Ergebnisses der Fenaco – verbesserte Einkaufskonditionen und erhöhte Prämienzahlungen gewährt haben. Insgesamt haben wir beim EBITDA zwar das Budget übertroffen, jedoch das ausserordentlich gute Vorjahresniveau nicht ganz erreicht.

Die Hauptgeschäftsfelder von Fenaco haben sich unterschiedlich entwickelt. Was hat den Agrarbereich geprägt?

Das Erntejahr 2012 bescherte den Landwirten ordentliche, jedoch nicht übermässige Erträge bei den meisten Produkten, die wir als Handelspartnerin vermarkten. Dies hatte zur Folge, dass Angebot und Nachfrage bei Getreide, Ölsaaten, Kartoffeln, Kernobst und Gemüse ausgewogen waren und die Ernten zügig vermarktet werden konnten. Überangebote gab es – auch bedingt durch hohe Lagerbestände aus dem Vorjahr – beim Mostobst-Konzentrat und beim Wein, ein deutliches Unterangebot resultierte bei Steinobst und bei verschiedenen Produkten in Bioqualität.Der Umsatz im strategischen Geschäftsfeld Agrar blieb stabil, wobei die UFA AG, die Geschäftseinheiten Getreide, Ölsaaten und Futtermittel sowie die Pflanzennahrung ein erfreuliches Wachstum aufwiesen.

Wie stark spürt Fenaco mit den selber produzierten Lebensmitteln den Preiskampf im Detailhandel?

Der Umsatz war in unserer Lebensmittelindustrie (-0.5%) preisbedingt leicht rückläufig, obwohl die Absatzmengen leicht gesteigert werden konnten. Die RAMSEIER Suisse AG und die Weingruppe mit der Caves Garnier SA und der VOLG Weinkellerei AG wiesen dennoch ein erfreuliches Wachstum aus.

Die eigenen Detailhandelsgeschäfte konnten ihren Umsatz um 4,1 % steigern. Können Sie für alle Geschäfte – LANDI, Volg, frisch-nah-günstig, TopShop und Visavis – ein positives Fazit ziehen?

Ja, ohne Ausnahme.

«Die LANDI ist angenehm anders.»

Die Beliebtheit der LANDI-Läden ist in den letzten Jahren dank attraktiver Preise und einem recht breiten und vielfach auch überraschenden Sortiment gestiegen. Welches Konzept steckt hinter Landi?

Die LANDI ist angenehm anders. Die Erfolgsrezepte sind das einzigartig zusammengesetzte Sortiment, ein hervorragendes Preis-Leistungsverhältnis und kundenfreundliches Personal.

Wie entwickelt sich das LANDI-Filialnetz?

Jährlich werden 10 bis 15 LANDI-Läden eröffnet. Oft werden dabei zwei, drei kleine Standorte zusammengefasst und ein attraktiver Verkaufspunkt mit AGROLA-Tankstelle, TopShop, LANDI-Laden und einer Agro-Handelsplattform für die Landwirte gebaut. Damit wird jeweils die Anzahl Verkaufspunkte reduziert, flächenmässig und in Sachen Personal jedoch ausgebaut. Wir sollten in etwa 10 Jahren unser Ziel der 250 LANDI-Filialen der neuen Form erreicht haben.  Heute sind wir gut auf halbem Weg dorthin.

Eine Erfolgsgeschichte ist auch das Dorfladen-Konzept von Volg mit mittlerweile über 900 Verkaufsstellen. Wie sehen hier die weiteren Expansionspläne aus?

In der Deutschschweiz wollen wir noch einige Dörfer mit einem frischen und freundlichen Volg-Laden bereichern. Die vor zwei Jahren begonnene Expansion der Volg-Läden in die Westschweiz wird weitergehen. Die Bäume werden jedoch nicht in den Himmel wachsen.

Was kennzeichnete das Geschäftsfeld Energie im vergangenen Jahr?

Das strategische Geschäftsfeld Energie mit Brenn- und Treibstoff der Marke AGROLA und den Holpellets (+7%) ist deutlich gewachsen, etwa zur Hälfte absatzbedingt. Das Treibstoffgeschäft, insbesondere der Dieselabsatz, florierte. Das Heizölgeschäft gestaltete sich schwieriger, da die Nachfrage im Inland strukturbedingt kontinuierlich sinkt. Bei den Holzpellets konnte ein erfreulicher Marktanteilsgewinn festgestellt werden.

«Wir sind und bleiben ein genossenschaftliches Agrarunternehmen in der Hand der Schweizer Bauern.»

2011 hat Fenaco das Projekt «Energie PLUS» gestartet. Wie weit konnten Projekte im Bereich Photovoltaik, Holz und Biomasse seither vorangetrieben werden?

Aus dem Projekt „EnergiePLUS“ ist 2012 der Geschäftsbereich «Neue Energien» hervorgegangen. Seine Aufgabe ist es im Energiegeschäft langfristig alternative Handlungsoptionen zu den fossilen Energieträgern zu finden und marktfähig zu machen. Prioritär treiben wir die Photovoltaik im ländlichen Raum voran: So nahmen wir 2012 weitere Photovoltaikanlagen auf unseren Dachflächen in Betrieb, so dass die fenaco heute mit rund 8000 m2 PV-Fläche eine Spitzenleistung von rund 950 000 Kilowattstunden pro Jahr erreicht. Das Thema Biomasse braucht weitere Grundlagenarbeit und der Holzpelletverkauf wurde in den Bereich „Neue Energien“ integriert, um Synergien zu nutzen.

In welchen Geschäftsfeldern sehen Sie in den kommenden Jahren das grösste Wachstumspotenzial?

In den Geschäftsfeldern Detailhandel und Energie erwarten wir kontinuierliches und in den Geschäftsfeldern Agar und Lebensmittelindustrie punktuelles Wachstum. Insgesamt werden wir aber bescheiden und bodenständig bleiben. Wir sind und bleiben ein genossenschaftliches Agrarunternehmen in der Hand der Schweizer Bauern.

Herr Keller, wir bedanken uns für das Interview.

Zur Person:
Martin Keller (42) studierte Agronomie an der ETH Zürich und doktorierte im Bereich Biotechnologie. Sein Weg führte ihn anschliessend in verschiedene Unternehmen der Saatgutbranche. So arbeitete er als Produktions- und Qualitätsleiter bei der Saatzucht Düdingen und als Geschäftsführer der Branchenorganisation «swisspatat». Internationale Erfahrung erwarb er sich von 2002 bis 2010 bei der KWS Saat AG in Einbeck (D), wo er zuerst für die weltweite Maissaatgutproduktion, später für die Spartenleitung «Mais und Ölsaaten» und in der Folge für das Corporate Marketing & Business Development zuständig war. Die Bereiche und Tochtergesellschaften, die Martin Keller in dieser Zeit führte, waren in Frankreich, den Niederlanden, Südost- und Südeuropa, Nord- und Südamerika, der Türkei, Nordafrika und in China tätig.

Martin Keller nahm seine Tätigkeit in der Fenaco im August 2010 als Leiter des Departements «Landesprodukte» auf. Keller ist verheiratet, Vater zweier junger Erwachsener und wohnt im Berner Seeland.

Zum Unternehmen:

Die Fenaco ist ein genossenschaftlich organisiertes Unternehmen in den Händen der Schweizer Bauern. Sie ging 1993 aus dem Zusammenschluss von sechs landwirtschaftlichen Genossenschaftsverbänden mit über hundertjähriger Tradition hervor. Die Fenaco verfolgt das übergeordnete Ziel, die Landwirte bei der wirtschaftlichen Entwicklung ihrer Unternehmen zu unterstützen. Gemeinsam mit ihrem Mitglied LANDI (landw. Genossenschaften) bildet die Fenaco einen körperschaftlichen Konzern und versorgt die Bauern mit Produktionsmitteln wie Sämereien, Futtermitteln, Pflanzennahrung und anderen mehr. Gleichzeitig übernimmt sie die Erzeugnisse der Landwirte. Dazu gehören Getreide, Ölsaaten, Kartoffeln, Schlachtvieh, Eier, Mais, Gemüse, Obst, Beeren und Weintrauben. In den eigenen Industriebetrieben veredelt die Fenaco diese Erzeugnisse zu sicheren, hochwertigen Schweizer Lebensmitteln und Getränken. Diese vermarktet sie über Hotels, Restaurants und zu einem grossen Teil über die bekannten Detailhandelsketten, aber auch über die eigenen Verkaufskanäle LANDI, Volg, frisch-nah-günstig, TopShop und Visavis.

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