Martin Wittwer, CEO TUI Suisse, im Interview

Martin Wittwer
Martin Wittwer, CEO TUI Suisse. (Foto: TUI Suisse)

Interview von Robert Wildi

Moneycab: Wie steht es um die Feriendestinationen in der muslimischen Welt: Die einstigen ­Massenreiseziele wie Ägypten, die Türkei oder Tunesien liegen am Boden, oder?

Martin Wittwer: Das muss man differenziert betrachten. Gerade in Ägypten gibt es Anzeichen für eine Erholung. Vor allem Hurghada läuft gut, das weiter vom Sinai entfernt ist als andere Ziele im Land. Das Gleiche in Tunesien. Die im Süden gelegene Insel Djerba liegt rund 20 Prozent über dem Vorjahr, die nördlichen Destinationen harzen nach wie vor.

«Die Türkei ist auf jeden Fall das grösste Sorgenkind und hat gegenüber dem schlechten Vorjahr gleich nochmals verloren.» Martin Wittwer, CEO TUI Suisse

Und die Türkei?

Sie ist auf jeden Fall das grösste Sorgenkind und hat gegenüber dem schlechten Vorjahr gleich nochmals verloren. Die ­Anschläge und die politische Unsicherheit lähmen das Buchungsgeschäft. Man stelle sich vor, dass die Türkei noch vor zwei ­Jahren unsere wichtigste Sommerferiendestination war. Von Rang drei im Vorjahr ist sie inzwischen auf Rang sieben zu­rückge­fallen. Die Türkei für den Sommer 2017 schon ganz abzuschreiben, wäre wohl ­etwas früh, denn das Preis-Leistungs-Verhältnis ist wirklich unschlagbar.

Man hört von TUI Suisse regelmässig ­Erfolgsmeldungen. Wie gut läuft das Geschäft wirklich?

Im vergangenen Geschäftsjahr, das von Anfang Herbst bis Ende Sommer dauerte, konnten wir Anzahl Kunden sowie Umsatz gegenüber dem Vorjahr halten. Wir hatten das Glück, die fehlenden Türkei-Buchungen mit einem gewaltigen Plus im west­lichen Mittelmeer, vor allem Spanien, zu kompensieren.

«Wir haben im vergangenen Geschäftsjahr ­unseren Ertrag markant gesteigert und unsere Ziele erreicht.»

Da haben Sie sicher vom grossen TUI ­Konzern im Rücken profitiert, der auch für alle Kunden aus der Schweiz die nötigen Bettenburgen auf den Kanaren und den Balearen bereithält.

Selbstverständlich profitieren wir als Schweizer 100-Prozent-Tochter des grössten europäischen Reisekonzerns von dessen Kapazitäten. Das ist kein Geheimnis.

Stört es Sie, dass man Sie in der Branche da und dort als «Schweizer Sachwalter» für die deutsche TUI Group bezeichnet?

Ich beschäftige mich ehrlich gesagt nicht damit, wer mich wie bezeichnet. Ich ­führe ein Unternehmen hier in der Schweiz mit rund 500 Mitarbeitenden und muss mich mit diesem im Schweizer Markt behaupten, nicht im deutschen Markt. Dass uns der grosse Mutterkonzern Vorteile bringt, liegt wie gesagt auf der Hand. Konkret sind das Skaleneffekte bei der Einkaufsmacht, bei der IT und dank der Marke.

Tiefere Preise lassen die Margen erodieren. Wie halten Sie bei den Kosten dagegen?

Indem wir dort Kosten sparen, wo es keine Auswirkungen auf die Angebotsqualität hat. Zum Beispiel haben wir jüngst unseren Flughafenschalter im Terminal 3 des Flughafens Zürich aufgelöst, weil kaum mehr Nachfrage dafür bestand. Weniger Personal und Mietfläche ergab eine grosse Einsparung. Die Terminalangestellten konnten wir anderorts sinnvoller einsetzen.

Trotzdem haben Sie Personal reduziert?

Nicht im grossen Stil. 2016 ist unser Mit­arbeiterbestand um 22 auf 495 gesunken. Ohne eine einzige Entlassung. Deutlich mehr Einsparpotenzial ergeben laufend Prozessoptimierungen als Folge der Digitalisierung. Dazu gehört auch die Neustrukturierung unseres Vertriebs. Wir haben drei Standorte weniger, dafür richten wir sie ganz neu aus und integrieren das Internet vermehrt in unsere Dienstleistung. Das Resultat ist mehr Effizienz bei weniger Kosten.

«2016 ist unser Mit­arbeiterbestand um 22 auf 495 gesunken. Ohne eine einzige Entlassung.»

Mit welchen Auswirkungen auf das TUI Suisse-Ergebnis unter dem Strich?

Wir haben im vergangenen Geschäftsjahr ­unseren Ertrag markant gesteigert und unsere Ziele erreicht.

Denken Sie, dass Kuoni nach dem Verkauf des Reisegeschäfts an Rewe früher oder später als Marke ganz verschwinden wird?

Nein, das erwarte ich nicht. Stattdessen bin ich sogar ziemlich überzeugt, dass es mit Kuoni wieder aufwärts gehen wird.

Heute ist TUI Suisse der führende Pauschalreiseanbieter in der Schweiz. Wie konnten Sie den Anti-Deutschland-Reflex der Schweizer Reisebürokunden brechen?

Indem wir hart dafür gearbeitet haben, die Leute von unseren Produkten und Dienstleistungen zu überzeugen.

Ist der Erfolg nicht vor allem auf die ­Einführung der «unverschämt deutschen ­Preise» zurückzuführen?

Natürlich hat diese Kampagne vor Jahren ihre Wirkung erzielt und TUI Suisse bei der preissensitiven Kundschaft in eine gute Position gebracht. Mit deutschen Preisen kann man in der Schweiz aber nur glaubwürdig werben, wenn man die eigenen Kostenstrukturen im Griff hat und Schweizer Qualität liefert.

«2017 wird ein richtig guter Jahrgang. Wir liegen für den Sommer bei den Buchungen gegenwärtig mehr als 10 Prozent über dem Vorjahreszeitpunkt.»

Haben Sie in den über 15 Jahren als CEO von TUI Suisse auch Fehler gemacht? Etwa das mit Ringier 2011 lancierte und rasch gescheiterte Online-Portal Etrips.ch?

Mit diesem Projekt haben wir dazugelernt. Wir starteten kurz vor einer riesigen internationalen Konsolidierungswelle bei den Buchungsportalen und mussten uns eingestehen, dass man damit auf nationaler Ebene keinen Erfolg erwirtschaftet. Im Nachhinein ist man klüger.

Gilt das auch im Falle der Euro-Mindestkurs-Aufhebung durch die Nationalbank?

Das können Sie laut sagen. Zwar haben wir mit der sofortigen Preisanpassung nach unten einen noch grösseren Schaden vermeiden können. Trotzdem ärgert es mich bis heute, dass ich den vorherigen Beteuerungen der Nationalbank, den Mindestkurs durch alle Böden zu vertei­digen, Glauben geschenkt und nicht zu knappe Euro-Reserven eingekauft hatte. Über Nacht haben wir Millionen verloren. So ­etwas passiert mir ganz sicher nie mehr.

Blicken wir in die Gegenwart. Wie optimistisch sind Sie für das Reisejahr 2017?

Ich bin optimistisch, weil man förmlich spüren kann, dass die Menschen wieder vermehrt reisen wollen. Man hat genug von Terrorattacken und Reisewarnungen. 2017 wird ein richtig guter Jahrgang.

Zweckoptimismus?

Nein. Wir liegen für den Sommer bei den Buchungen gegenwärtig mehr als 10 Prozent über dem Vorjahreszeitpunkt.

Mit den gleichen Präferenzen, was die ­Destinationen betrifft?

Mehr oder weniger, richtig gut läuft zurzeit Griechenland, wo wir deutlich über dem Vorjahr liegen. Ein Dauerbrenner sind die Kanarischen Inseln, die im Winter punkto Gästezahlen sogar den Vorjahresrekord geschlagen hatten. In Spanien generell dürften wir das sehr hohe Niveau aus dem Vorjahressommer halten. Einiges erwarten wir auch von Italien, Zypern und Kroatien.

Der Gesprächspartner:
Martin Wittwer, 55, ist gelernter kaufmännischer Angestellter und lancierte seine Managerkarriere in der Reisebranche als Direktor des Reisebüros Popularis in Bern. Dann leitete er bei Kuoni Schweiz die Sparten Marketing und Beteiligungen und war später als Direktor Vertrieb Mitglied der Geschäftsleitung. 1999 übernahm er den Chefposten bei TUI Suisse, ist seit 2006 Vizepräsident des Garantiefonds der Schweizer Reisebranche und seit 2008 Coach für Strategieprozesse bei SKU (Schweizer Kurse für Unternehmensführung). Wittwer ist verheiratet und hat zwei Kinder.

TUI Suisse Ltd
ist eine hundertprozentige Tochtergesellschaft der Tui Group, des weltweit führenden Touristikkonzerns mit Sitz in Hannover. Neben der Kernmarke TUI gehören die Marken 1-2-Fly und Airtours zum Unternehmen. Damit deckt TUI die gesamte Bandbreite an Reisen von Premium über individuell bis günstig ab. Der Vertrieb läuft über 66 eigene Reisebüros (TUI Reisecenter und TUI Agence de voyages), unabhängige Reisebüros in der Deutschschweiz und Romandie sowie über das Onlineportal TuUI.ch. TUI Suisse beschäftigt in der Schweiz 495 Mitarbeitende.

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