Philomena Colatrella, CEO CSS Versicherung, im Interview

Philomena Colatrella
Philomena Colatrella, Vorsitzende der Konzernleitung CSS. (Foto: CSS)

von Patrick Gunti

Moneycab.com: Frau Colatrella, die CSS baut einen eigenen Venture Fonds im Umfang von 50 Mio Franken auf. Welche Ziele verfolgen die CSS Versicherungen mit diesem Schritt?

Philomena Colatrella: Die CSS engagiert sich für eine qualitativ hochstehende und kosteneffiziente Versorgung der Zukunft. Wir investieren in digitale Startups, um unseren Versicherten die medizinische Versorgung von Morgen durch innovative Angebote zugänglich machen. So wollen wir einen Mehrwert für unsere Kundinnen und Kunden schaffen und deren Bedürfnisse noch besser zu antizipieren.

Woher stammen die finanziellen Mittel für den Fonds?

Der CSS-Fonds wird mit Überschüssen aus dem Zusatzversicherungsgeschäft aufgebaut.

Der Fonds soll in digitale Startups im Gesundheitsbereich investieren. Auf welche Bereiche fokussiert die CSS resp. die SwissHealth Ventures AG in diesem weiten Feld?

Durch gezielte Investments wollen wir das Gesundheitswesen im Bereich der Prävention, Genesung, Betreuung und Spezialversorgung weiterbringen. Im Fokus stehen Telemedizin, Früherkennungs-Diagnostik sowie digitale Therapien und Tools für chronisch Kranke. Ein erstes Investment haben wir bereits getätigt: Die CSS unterstützt das ETH Spin-Off «Pregnolia». Das Startup hat ein Messverfahren entwickelt zur besseren Abschätzung des Frühgeburtsrisikos.

„Durch gezielte Investments wollen wir das Gesundheitswesen im Bereich der Prävention, Genesung, Betreuung und Spezialversorgung weiterbringen.“
Philomena Colatrella, CEO CSS Versicherungen

Wird es sich um reine Beteiligungen handeln oder könnte zu einem späteren Zeitpunkt auch die Übernahme eines unterstützten Startups zum Thema werden?

Wir beteiligen uns an Startups mit einer Minderheitsbeteiligungen von unter 20 Prozent. Die CSS investiert in einer Phase, in der die Startups bereits wachsen («Series A & B») und planen, diese Beteiligungen zu halten, bis die Firmen sich etabliert haben. Wir sprechen von einer Periode von 5 bis 7 Jahren. Eine Übernahme in diesem Zeitraum steht nicht im Fokus unserer Überlegungen.

Die CSS baut als erster Krankenversicherer in der Schweiz einen Venture Fonds auf. Welche Erklärung haben Sie für die bisherige Zurückhaltung?

In den letzten drei Jahren haben sich Digital Health Startups stark professionalisiert. Parallel dazu hat sich das Volumen der Investments in der Schweiz mehr als verdreifacht, so dass sich mehr Chancen für Partnerschaften ergeben.

Wie beurteilen Sie generell den Digitalisierungsgrad der Schweizer Gesundheitsbranche?

Ich beurteile den Digitalisierungsgrad als eher unterdurchschnittlich. Es gibt vielversprechende Einzelinitiativen, die übergreifenden Entwicklungen stehen jedoch erst am Anfang. Länder wie Dänemark sind uns gut zehn Jahre voraus. Das Schweizer Gesundheitswesen muss digitaler werden. So hinkt das elektronische Patientendossier seit Jahren den Erwartungen hinterher. Die CSS ihrerseits investiert stark in digitale Produkte und Dienstleistungen, die den Patienten über Distanz begleiten. Solche Angebote werden in Zukunft an Gewicht gewinnen und die Akzeptanz dafür bei der Bevölkerung steigt. Während dieser Pandemie haben wir festgestellt, dass unsere digitalen Produkte und Dienstleistungen überdurchschnittlich oft nachgefragt wurden.

„Das Schweizer Gesundheitswesen muss digitaler werden.“

Das Thema Gesundheit steht nicht nur im digitalen Geschäft im Fokus der CSS. Welche Erfahrungen haben Sie in den ersten Monaten mit dem ersten Flagship Store in St. Gallen gemacht?

Ziel des Flagshipstores war, ein Konzept umzusetzen, welches das Thema Gesundheit in den Mittelpunkt stellt und für die Kunden erlebbar macht. Neu geschaffene Angebote wie Schlaftrainings oder auch Kraft- und Balancetests sollen unsere Positionierung als Gesundheitspartner unterstreichen. Die Feedbacks der Kundinnen und Kunden bestätigen uns, dass wir mit dieser Stossrichtung auf dem richtigen Weg sind. Sie haben uns seit der Eröffnung im August zahlreich besucht und die neu geschaffene Gesundheitswelt gut angenommen.

Beim Thema Gesundheit kommen wir um das Thema Corona nicht herum. In den ersten Wochen und Monaten der Pandemie wurden viele Eingriffe nicht durchgeführt und viele Menschen waren bei Arztbesuchen relativ zurückhaltend. Wie ist das Leistungsniveau zum heutigen Zeitpunkt?

Während des Lockdowns im Frühling sind natürlich weniger Kosten angefallen, da nicht notwendige Arztbesuche und medizinische Behandlungen sowie Wahleingriffe in Spitälern für ein paar Wochen ausgesetzt wurden. Dieser Rückgang hat aber nicht angehalten, in der Zwischenzeit sehen wir einen Aufholeffekt. Wir befinden uns wieder auf Vor-Lockdown-Niveau. Die Auswirkungen des Behandlungsverbotes sind somit nicht mehr vorhanden. Zudem ist abzuwarten, wie sich die aktuelle Welle auf die Kosten 2020 auswirkt.

Die Prämienerhöhungen für 2021 sind relativ gering ausgefallen. Hat das auch mit dem Verbot für nicht-zwingende Eingriffe zu Beginn der Pandemie zu tun?

Grundsätzlich basieren die Prämien auf der erwarteten Kostenentwicklung desselben Jahres. Wir gehen für das Jahr 2021 von einer insgesamt sehr moderaten Leistungskostenentwicklung aus. Aufgrund des guten Jahresergebnisses 2019 und einer positiven Einschätzung für das laufende Jahr konnten die Prämien 2021 in der CSS Gruppe insgesamt um 0.9 Prozent gesenkt werden. Die Pandemie des Jahres 2020 hat dabei wenig Einfluss auf die Prämiensetzung für das nächste Jahr.

Wie hat die Pandemie die Arbeit bei der CSS selber beeinflusst?

Die CSS ist während der Corona-Pandemie ein unfreiwilliges Experiment eingegangen – mit positivem Ausgang: Plötzlich befanden sich über 90 Prozent der Mitarbeitenden im Homeoffice. Die Produktivität der CSS hat auch in diesen herausfordernden Zeiten nicht gelitten, im Gegenteil. Darauf sind wir stolz. Wir wollen die Chance nutzen, Bestehendes zu hinterfragen und Veränderungen anzustossen. Die CSS will in eine neue Arbeitskultur hineinwachsen. Homeoffice ist bei uns etabliert. Darüber hinaus experimentieren wir mit neuen Formen der Zusammenarbeit. So können unsere Mitarbeitenden ausprobieren, wie sich Arbeiten im Co-Working-Space anfühlt.

„Wir wollen die Chance nutzen, Bestehendes zu hinterfragen und Veränderungen anzustossen. Die CSS will in eine neue Arbeitskultur hineinwachsen. Homeoffice ist bei uns etabliert.“

Nochmals zurück zu den Krankenkassenprämien, die für viele Haushalte in der Schweiz eine enorme finanzielle Belastung sind. Welchen Ansatz verfolgt die CSS, um die stetig steigenden Gesundheitskosten in den Griff zu bekommen?

Wir müssen mit unseren eignen Ausgaben, den Verwaltungskosten, möglichst haushälterisch umgehen: Da ist die CSS sehr effizient. Von einem Prämienfranken geben wir nur 4 Rappen für interne Kosten aus. Ausserdem kontrollieren wir die Rechnungen der Leistungserbringer sehr genau. Hätten wir das im letzten Jahr nicht gemacht, hätten wir gut 660 Millionen Franken an ungerechtfertigten Kosten mehr ausgeben müssen.

Der Krankenkassenverband Curafutura und die FMH haben im vergangenen Jahr dem Bundesrat den neuen Einzelleistungstarif Tardoc zur Genehmigung vorgelegt. Nun spricht sich die vorbehandelnde Nationalratskommission für die Einführung von Fallpauschalen für ambulante Behandlungen aus. Was halten Sie von diesem Entscheid?

Ambulante Pauschalen sind keine Alternative, sondern eine Ergänzung zu einem modernen und sachgerechten Einzelleistungstarif wie dem Tardoc. Als Grundlage für die Pauschalierung braucht es einen Einzelleistungstarif. Zudem eignen sich bei weitem nicht alle Leistungen für eine Pauschalierung.

Frau Colatrella, besten Dank für das Interview.

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