Ralf Beyeler, Telecom-Experte comparis.ch

Ralf Beyeler
Telekom-Experte bei Verivox. (Foto: zvg/mc)

Ralf Beyeler, Telecom-Experte comparis.ch. (Foto: comparis.ch/mc)

von Patrick Gunti

Moneycab: Herr Beyeler, am vergangenen Donnerstag ist der Streamingdienst Netflix auch in der Schweiz gestartet. Was ziehen Sie für ein erstes Fazit?

Ralf Beyeler: Netflix ist in der Schweiz mit 12 bis 18 Franken pro Monat günstiger als ich gedacht habe. Doch beim Angebot muss Netflix noch ausbauen. So kann ich zum Beispiel nicht verstehen, dass kein einzelner James Bond-Film über Netflix abgerufen werden kann. Und viele Frauen dürften nicht verstehen, dass «Titanic», einer der erfolgreichsten Filme aller Zeiten, nicht verfügbar ist.

Für wen lohnt sich das Angebot, für wen eher nicht?

Wer gerne Serien und Filme anschaut und insbesondere auch an den Eigenproduktionen von Netflix interessiert ist, dürfte mit dem Anbieter nicht schlecht fahren. Wem allerdings das heutige TV-Angebot ausreicht und wer damit zufrieden ist, braucht kein Netflix.

Was sind die Pluspunkte von Netflix?

Der grosse Vorteil von Netflix ist die Flatrate. Für einen monatlichen Pauschalpreis können die Kunden so viele Serien und Filme schauen wie sie wollen. Die Konkurrenz wird nervös: UPC Cablecom hat kurz vor Netflix ebenfalls eine Flatrate lanciert. Swisscom wird wohl noch in diesem Jahr nachziehen.

Ein weiterer Vorteil: Die Inhalte sind auf verschiedenen Geräten verfügbar. Wer ein modernes TV-Gerät besitzt, kann eine Smart-TV-App nutzen und muss keine zusätzliche Box installieren. Auch auf einem Tablet können die Filme und Serien geschaut werden.

«Die Konkurrenz wird nervös: UPC Cablecom hat kurz vor Netflix ebenfalls eine Flatrate lanciert. Swisscom wird wohl noch in diesem Jahr nachziehen.»
Ralf Beyeler, Telecom-Experte comparis.ch

Wie attraktiv sind die Abonnementsbedingungen?

Für 12.90 Franken gibt es HD-Qualität und der Kunde kann auf zwei Geräten gleichzeitig schauen. Dieses Angebot dürfte für die meisten Kunden die beste Variante sein. Die Rechnung ist einfach gemacht: Leiht man sich im Monat mehr als etwa zwei Filme aus, dürfte Netflix sich rechnen. Vorausgesetzt, man ist mit der Filmauswahl von Netflix zufrieden. Klar ist auch: Wer topaktuelle Filme schauen will, erhält diese in der Regel nicht über Netflix.

Netflix benötigt recht hohe Bandbreiten. Könnte das bei der Nutzung unterwegs mit Smartphone oder Tablet zum Problem werden?

Ja, das ist ein Problem. Als Pendler kann man Netflix unterwegs nicht brauchen. Besser wäre es, wenn die Kunden Filme und Serien zu Hause herunterladen und diese dann unterwegs schauen könnten.

Streamingdienste gibt es verschiedene, Schlagzeilen hat Netflix vor allem aber mit erfolgreichen Eigenproduktionen wie «House of Cards» oder «Orange Is The New Black» geschrieben. Erwarten Sie, dass Netflix auch in Ländern wie der Schweiz oder Deutschland Eigenproduktionen an den Start bringen wird?

In Deutschland wird Netflix sicher auch Serien produzieren, in der Schweiz ziemlich sicher nicht.

Netflix analysiert das Zuschauerverhalten sehr genau und gestaltet basierend auf den erhobenen Daten sein Programm oder produziert eben sogar eigene Serien. Ist diese aufwändige Analyse der Schlüssel zum Netflix-Erfolg?

Netflix findet dies sehr wichtig. Wenn der Algorithmus richtig funktioniert, könnte es funktionieren. Der Kunde kommt nach Hause, holt das Bier und Chips, setzt sich aufs Sofa und schaltet den Fernseher ein. Statt wild herum zu zappen, startet er die  Netflix-App und schaut etwas, was ihm gefällt, ohne dass er überlegen muss. Ich kann aber nicht beurteilen, ob diese Strategie wirklich funktionieren wird.

Es ist unbestritten, dass Netflix in den USA die Fernsehlandschaft verändert hat, aber wird dies auch hierzulande gelingen?

Ich bin skeptisch. Der Schweizer Markt ist speziell: Das Herunterladen von Videos aus illegalen Quellen ist in der Schweiz erlaubt. Ausserdem haben wir ein riesiges Angebot an Sendern. Und in der Schweiz gibt es auch Dienstleistungen wie Replay-TV, mit der man auf die Sendungen der vergangenen Tage zurückgreifen kann.

Die Zielsetzung von Netflix-Chef Reed Hastings, in fünf bis zehn Jahren in einem Drittel der Schweizer Haushalte präsent zu sein, ist…

… sehr ambitioniert, eigentlich unerreichbar. Ich glaube, dass Netflix in den nächsten fünf Jahren weniger als 10% der Schweizer Haushalte für sich gewinnen kann.

«Netflix brachte die Flatrate in die Schweiz. Und die Konkurrenten kopieren sie. Am Schluss kommt es darauf an, welches Angebot welche Filme und Serien enthält.»

Sie haben Cablecom und Swisscom angesprochen. Diese gaben sich im Vorfeld des Netflix-Einstiegs zwar betont gelassen gegeben. Dennoch hat Cablecom noch schnell die «MyPrime» lanciert und auch Swisscom/Teleclub wird nicht untätig bleiben. Was erwarten Sie von den beiden «Platzhirschen»?

Netflix brachte die Flatrate in die Schweiz. Und die Konkurrenten kopieren sie. Am Schluss kommt es darauf an, welches Angebot welche Filme und Serien enthält. Preislich unterscheiden sich die Angebote von UPC Cablecom und Netflix kaum. Und Swisscom dürfte die Flatrate sogar in ihre Vivo-Kombis integrieren. Und im Gegenzug hat Swisscom einen Grund, um die Preise zu erhöhen. Swisscom ist derzeit aggressiv daran, Kombi-Pakete an die Kunden zu verkaufen, auch an solche, die sie gar nicht benötigen. Eigentlich haben die Provider sogar eine Chance. Denn Netflix könnte dazu führen, dass die Kunden mehr schnellere Internet-Zugänge kaufen werden.

Von den Umwälzungen ist auf den ersten Blick vor allem das Pay-TV-Geschäft betroffen. Wie sieht es denn für das Schweizer Fernsehen oder die in Endlosschlaufen US-Serien zeigenden privaten Sender aus?

Ich denke nicht, dass Teleclub als Deutschschweizer Pay-TV-Sender davon stark betroffen ist. Wer Teleclub wegen den aktuellen Filmen schaut, wird wohl nicht zu Netflix wechseln und dann unter Umständen mehrere Jahre warten, bis er die Filme schauen kann.

Unter anderem im Zusammenhang mit Netflix steht auch das Thema Netzneutralität im Fokus, also die Vorgabe, dass alle Datenpakete im Internet mit der gleichen Geschwindigkeit, Priorisierung und in gleicher Qualität transportiert werden. Wie gefährdet ist diese Netzneutralität?

Grundsätzlich ist diese Netzneutralität gefährdet. Es gibt derzeit ein Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht zwischen einem Provider und Swisscom. Als Konsument muss man hoffen, dass das Gericht dieses Verfahren gegen Swisscom entscheiden wird. Ansonsten sehe ich schwarz für die Zukunft des Schweizer Internets: Reiche Internet-Giganten wie Google, Microsoft, Amazon oder Netflix bezahlen den Providern Geld dafür, dass die Daten zum Kunden gelangen. Kleine innovative, unabhängige Unternehmen, die zwar gute Ideen, aber keine prall gefüllte Kasse haben, sind ohne Netzneutralität bedroht.

Es ist sinnvoll, wenn die Konsumenten den Internet-Zugang beim Provider bezahlen und der Content-Anbieter die Kosten für die Leitung bis zum Provider übernimmt. Dieses System hat den Erfolg des Internets erst möglich gemacht und sollte verteidigt werden.

Ein Tech-Hype löst derzeit den nächsten ab. Letzte Woche iPhone 6 und Apple Watch, nun Netflix – was kommt als nächstes?

Wenn ich das wüsste, wäre ich wohl längst Milliardär. (lacht)

Herr Beyeler, besten Dank für das Interview.

Zur Person:
Ralf Beyeler ist Telecom-Experte und beschäftigt sich seit der Liberalisierung des Marktes im Jahr 1998 mit Tarifen, Produkten und Anbietern aus der Telecom-Branche. Er nimmt Mobilfunk-, Festnetz-, Internet- und TV-Produkte unter die Lupe und hinterfragt deren Angebot kritisch. Er schreibt regelmässig über die Telekommunikation und twittert fleissig.

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